Mittwoch, 4. Februar 2015

Das Erbe


Immer wieder interessant ist, wie unterschiedlich doch ein und dieselbe Sache gern ausgelegt wird. Eine Vollmacht z. B. Die Niederschrift von jemandem, der glaubt, er könne so seine Angelegenheiten für die Zukunft im Krankheitsfalle z. B. in seinem eigenen Sinne vorab regeln. Wer diesen Willen also in Händen hält? Darf ohne jede Nachfrage Rechnungen begleichen, irgendjemand muss nämlich für verursachte Kosten aufkommen. Und wird auch schon mal von Ärzten angerufen, die Untersuchungen nicht ohne Genehmigung veranlassen dürfen. Gut, dass es einen Ansprechpartner gibt. Will man indes etwas regeln, und es gibt so viele Dinge zu regeln .... ich müsste doch eigentlich Akteneinsicht bekommen, damit ich für die Mieter eine Nebenkostenrechnung aufstellen kann, für das Finanzamt eine Übersicht und für die Versicherung bräuchte ich auch noch .... wird man rasch des Platzes verwiesen. Denn eine Vollmacht? Was glauben Sie denn? Die kann ja jeder vorlegen. Sie müssen mir die Originale aushändigen, fordert der junge Mann forsch von seinem Schreibtisch aus. Na, ganz sicher nicht, dann hätte ich ja keine mehr, noch lache ich. Er glaubt mir nicht, wir verhandeln ein wenig über Originale und Kopien, es geht hier um Akteneinsicht, sage ich. Ich versuche nicht, die Weltherrschaft an mich zu reißen, ich möchte lediglich ... Nein? Na gut, nicke ich.  Sie verstehen sicherlich, dass ich die Originale behalte, sonst stände ich dumm da. Warten wir also einfach auf den Gerichtsbeschluss. Bis dahin steht Ihnen kein Ansprechpartner zur Verfügung, das ist Ihnen klar. Ja, und wer regelt dann ..., fragt er und schaut tatsächlich verwirrt. Niemand, sage ich. Niemand regelt diesbezüglich irgendetwas. Sie haben mich ja gerade weggeschickt. Eventuell müssen Sie das dann selbst erledigen. Da ich Ihnen nicht meine Originale aushändigen darf. Sie haben sie gesehen, sie hätten sie kopieren können, doch nun muss ich gehen. Endlich wird ihm mulmig, er notiert sich meine Adresse und Telefonnummer, sagt - fast freundlich nun: Ich werde mich nach Rücksprache mit meinem Vorgesetzten ... Aber ich habe nun längst das Büro verlassen, soll er sich mal ... Von jemandem, der Ahnung hat ... Zusammenstauchen lassen. Ich werd mich auch noch mal erkundigen - bei seinem Vorgesetzten. Und fahre nach einem weiteren gescheiterten Versuch, einige Dinge zu klären, rasch zum Olymp, Gott hat heute Nachmittag nämlich Ausgang, und wir wollen später noch 'Das Fest' schauen, damit ich endlich 'Die Erbschaft' schreiben kann. Schade, denke ich, dass es nicht mehr wie früher ist, als man noch zur Videothek fahren musste, um dort dann festzustellen, dass der Film, den man sehen wollte, ausgeliehen war. Wie oft hat man sich da geärgert und dann was andres geguckt. Na, bevor ich in Erinnerungen von Nicht-Verfügbarkeit schwelge, gebe ich jetzt mal lieber ordentlich Gas, ich will nämlich pünktlich unten auf dem Parkplatz am Olymp stehen und Ausschau halten - nach Polydoros. So heißt er nämlich, der Typ, den ich letztens sah, vor dem Gott mich gewarnt hat, oder - sagen wir es, wie es ist, - mit dem er mir den Umgang verbieten wollte. Polydoros also heißt er, ich habe Erkundigungen eingezogen. Und er ist ein direkter Nachfahre von Ares und Aphrodite, wir sehen die zwei hier. Und obwohl Aphrodite lange schon verheiratet war, konnten die beiden von ihrem Techtelmechtel, konnten einfach nicht voneinander lassen. Wie es sein soll - in der Liebe. Und weil Liebe und Schönheit eine Kehrseite von Zerstörung, Krieg und Hass sind, zeugten die beiden u. a. Harmonia. Ihre Brüder sind Phobos und Deimos, Furcht und Schrecken. Und Harmonia bekam mit Kadmos, dem König von Theben, der einen Drachen tötete und aus dessen Zähnen Krieger erschuf, die sich bis auf fünf wiederum selbst töteten, den Polydoros. Es ist so aufregend, sagte ich zu Gott. Mythologie. Früher wollte ich so schön wie Aphrodite und so klug wie Cassandra sein, und so schnell doch noch Troja retten. Die Mama hat mir die Sagen nämlich immer statt der Märchen unter der abendlichen Dusche erzählt, da war ich vielleicht drei Jahre und kannte die dann alle längst, als ich in die Grundschule kam. Ich wollte mit dem cleveren, eiskalten Krieger Odysseus Abenteuer erleben, ihn heiraten, klar. Als Zauberin Circe Männer in Schweine verwandeln. Ich habe Paris verachtet, wäre der doch bloß Hirte geblieben usw. Und bei all den alten Geschichten ist es nur logisch, dass ich heutzutage enorm stolz bin. Auf Gott, und was er leistet. Auf dem Olymp. Bloß. Der Typ, dieser Polydoros, der sieht nicht nur interessant aus, der stammt tatsächlich aus einem Göttergeschlecht. Der hat einen Knall, sagte Gott. Der ist unberechenbar, ich habe dich gewarnt, sagte Gott. Er ist ein Krieger, sagte ich. Sie stehen in einer alten Tradition, die bad boys, wir wollen sie und ihre Taten ja nicht verherrlichen, im Gegenteil wahrscheinlich. Aber wir sollten sie zur Kenntnis nehmen. Früher feierte man ihren Kult, verehrte die Götter, wusste, für was sie standen. Was den Mensch so umtreiben kann. Und heute? Zeigen selbst die Autoren mit den Zeigefingern auf ihre Figuren. Und spielen Sittenpolizei, moralische Instanz mit Weltverbessereifer? Ich rümpfte die Nase. Polydoros war ein Freund des Dionysus, wisperte ich. Was werden die für Feste gefeiert haben. Gott nickte finster. Das Pack, sagte er, die ganze alte Bagage hängt heute noch zusammen wie Pech und Schwefel. Da müsste man mal ordentlich ausmisten. Ich seufzte. Du bist nur neidisch, gab ich zu bedenken. Weil du als Gott so jung bist, wie richterlich bestellt. Mit Vollmacht, aber ohne Tradition. Frischer Wind, sagte Gott. Demokratie, Freigeist, sagte er. Ohne den Sinn fürs Erbe, sagte ich. Was hast du denn früher getrieben? Du hast ein Skandalbuch über Ehebruch geschrieben, beantwortete ich mir meine Frage selbst. Gott blickte finster, früher konnte man dich damit beeindrucken, sagte er. Mit Stil! Natürlich, ich nickte. Kann man immer noch. Aber dieser Typ, sagte ich etwas zu verschwärmt, ich räusperte mich. Und kaum biege ich nun mit Karacho auf den Parkplatz am Olymp, sehe ich ihn auch schon: Polydoros, wie er in Kampfesausrüstung den Berg herunterschlendert. Gott selbst geht etwas hinter ihm. Schnell springe ich aus dem Wagen. Und winke!


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