Samstag, 28. Februar 2015

Aufnehmen


Da der kleine Claus meinte, wir sollten endlich wie alle anderen auch FuBaBilder sammeln, vielleicht bekommst du ja den einen ..., hat er mich verführt, sitzen wir über dem Heftchen und kleben Bilder ein. Leider bekomm ich mit meinen dicken klobigen Futtfingern das Papierchen gar nicht richtig ab. Wie geht denn das, wie machst du das? Ist eben doch eher was für Kinderhände. Der kleine Claus zeigt mir vorwurfsvoll, wie's geht. Und dann haben wir endlich jemanden von unseren Zaungastjungs gefunden, und? Einen daneben, ärger ich mich. Denn ich wollte doch die 222 einkleben! Mist. Der kommt bestimmt noch, verspricht der kleine Claus und öffnet das nächste Tütchen. Der Scharfe ist wieder nicht dabei, lasse ich Gott wissen, den das mal wieder nicht die Bohne ... Der aus dem Knast?, fragt er gehässig. Tja, einer der besten eben. Guter Spieler, guter Marktwert. Man muss die Vergangenheit auch vergessen können. Was ist eigentlich aus Günther Schäfer geworden, frage ich, denn den fand ich früher auch immer klasse. Ach, sagt Gott und steht im Türrahmen, ich krieg das nicht hin, sagt er. Das ist der Albtraum eines jeden Elektrikers, man weiß ja nicht mal, was zu was gehört. Ich nicke, schließlich habe ich immer schon angemerkt, dass die Kabel bei anderen besser, quasi unsichtbar, geordnet sind. Da ich aber endlich aufnehmen will - mit dem Recorder, den wir extra dazu gekauft haben, erhebe ich mich, lass den kleinen Claus die Jungs allein einkleben, er kann es eh besser, und widme mich dem Kabelsalat. Eigentlich, sage ich, musst du ja nur das eine Kabel richtig anschließen, dann klappt es bestimmt. Gott fährt sich mit der Hand ratlos über den Kopf. Er will die Doku heute Abend auch sehen, nur deshalb, hat er betont, nur deshalb hilft er mir! Er hat nämlich einen späten Termin auf dem Olymp - Geheimegeheimsache. Am Samstagabend. Er will mir nichts verraten, entweder gibt es eine Notsitzung, eine echte Krise, oder sie feiern. Dionysisch vielleicht. Wir werden ja erleben, in welchem Gotteszustand er nach Hause kommt. Und ich will demnächst unbedingt Lemming aufnehmen, in dem Film ist eine meiner Lieblingsszenen, wenn nämlich Charlotte Rampling am Tisch sitzt,
ordentlich Krawall macht und dann sagt: 'Du kannst ja gehen. Ich bleibe.' Oder so ähnlich - famos! Sicher, so nacherzählt, versteht man das nicht, muss man halt selbst sehen, deshalb will ich es ja auch aufnehmen. Und damals, als ich die Szene zum ersten Mal gesehen hab, musste ich so lachen, dass ich fast am Pflaumenmusbrot erstickt wäre. Dazumal habe ich mir nämlich fast jeden Abend nach dem Abendbrot zwei Pflaumenmusbrote mit dick Butter geschmiert, lecker! Bis der Monsieur zu mir sagte: Wie meine Mutter! Ja, kann es schlimmer kommen? Entschuldigung, wie bitte? Ja, hat er genickt, die hat sich dazu jeden Abend noch einen Kaffee gemacht. Wie Frauen halt so sind. Ich war sprachlos. Geheime spätabendliche Pflaumenmusbrotorgien mit der vermeintlichen Schwiegermutter teilen? Ihr werdet euch bestens verstehen, hat er prophezeit, doch es sollte sich herausstellen, dass diese Einschätzung auf einem Trugschluss beruhte - nicht alle geteilten Leidenschaften schweißen direkt zusammen. Nun, ich habe fortan die Pflaumenmusgewohnheit an den Nagel gehängt, ist ja eh nur .... böses Gluten, Zucker und Fett. Das klappt nicht, sage ich nun und kapituliere vor dem Chaos. Lass mich noch mal, sagt Gott, denn wie bei vielen Männern muss auch bei ihm oft zunächst der Ehrgeiz geweckt werden. Muss doch, sagt er und fummelt wieder mit den Kabeln rum. Ich beobachte ihn, er ist so ein guter Mann. Stets bemüht, und was in Zeugnissen ärmlich klingen mag, ist im echten Leben ... Gold wert. Es wäre wirklich bedauerlich, wenn die Patin gar nicht auf ihn steht, wenn sie ihn nur für ihre Spielchen missbrauchen. Ich weiß nur noch nicht genau, was da läuft, um was für Spielchen es sich handeln könnte. Weißt du, hat Polydoros bei unserem zweiten Treffen wie nebenbei bemerkt, der Typ, den du immer abholst, er stellt sich gern quer, wie viele dieser Menschenbrut, die sie neuerdings zu Göttern ernennen. Mit denen wir uns rumschlagen müssen - dieser Zeit. Aber in ihm steckt ein verborgener feiner Kern, was meinst du?, hat er mich gefragt. Och, hab ich die Antwort vage gehalten, denn mir war nicht ganz klar, was genau Polydoros unter einem verborgenen feinen Kern verstehen könnte. Gott hat schon seine Prinzipien, stellte ich also klar. Und Polydoros lachte. Du nennst ihn Gott, sagte er und seufzte. Wie steht ihr zwei eigentlich zueinander, hat er dann gefragt. Easy! Er kümmert sich um mich, war die klare Antwort. Aber, sagte Polydoros, legte den Zeigefinger unter mein Kinn und sah mich mit seinen dunklen Augen, in denen ein Feuer glüht, nachdenklich an. Das mach ich doch jetzt, sagte er. Nicht, dass mir dein Gott dabei in die Quere kommt, sagte er, und ein Lächeln huschte um seinen Mund. Sicher nicht! Aufgepasst, ruft Gott gerade. Jetzt könnte es klappen! Und er drückt auf einen der Schalter. Und ich klatsche vor Freude in die Hände! Denn Gott? Ist ein Held!



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