Dienstag, 20. Januar 2015

Komplexe



Findest du eigentlich, frage ich, dass meine Augen zu eng beieinander stehen? Gott schaut auf und dann tatsächlich genauer hin. Womöglich, sagt er und nickt dabei. Bravo! So also entstehen Komplexe! Seit Monsieur sich vor einiger Zeit eine neue Brille gekauft hat, und ich mitging, und bei meinem Sehtest herauskam, ich bräuchte langsam eine Lesehilfe, laufe ich mit diesem schweren Komplex durch die Gegend. Der ist noch schlimmer als die fixe Idee, ich sähe so aus wie diese Dame, die im Übrigen selbst über sich sagt, sie sei:"Knock-kneed, one eye's smaller than the other, my teeth are a bit yellow, nose is a bit big, flat hair, thin." Tja. Und wer weiß, vielleicht hängt mal wieder einfach alles zusammen - die Augen, die Haare, die Nase, die Zähne, die Knie - all die Unzulänglichkeiten. Und damals also meinte die Frau Optikerin nämlich, ich bräuchte eine ganz kleine, schmale Brille, eine Lesehilfe! Die man quasi gar nicht sieht, denn - “Wenn ich es so sagen darf, nicht, dass Sie das falsch verstehen. Aber Sie haben einen kleinen Kopf, und Ihre Augen stehen sehr eng beieinander.” So! Da war es also raus. Und seither sehe ich es auch, jahrzehntelang war ich ein ahnungsloser, schien ein fast glücklicher Mensch. Doch dann wurde die Wahrheit ausgesprochen, Tacheles, und nun sagt mir jeder Blick in den Spiegel: Die Augen? Viel zu eng beieinander! Aber. Schön, dass du es auch siehst, sage ich zu Gott. Immerhin - ich habe mich kundig gemacht, bei Fluchttieren stehen die Augen so weit auseinander, dass sie zuweilen gar links und rechts am Kopf liegen, während z. B. Raubkatzen … Ja, ganz eng beieinander, die haben das Opfer genau im Blick, bevor die zuschlagen. Und nach der sehr offenen Lehre der Physiognomik, die schon so manch einer für ganz eigene Ideen missbrauchen wollte, bedeuten dicht zueinander stehende Augen? Tja, also die Püppchen tragen die großen, runden, arglos auseinander stehenden Augen. Fluchttiere, sagt Gott. Das wollen wir nicht sein, sage ich. Immerhin, es gibt für kleine Makel Make Up-Tips, sage ich. Wenn ich die Lider außen ganz dunkel umrande und innen aufhelle, sieht es gleich ganz anders aus. Kajal, sagt Gott, der sich mit Make Up auskennt wie der Krakenmann, oder nein, wie dessen Autor, dem ich es immer noch übel nehme, dass er sich für intelligenter hält als seine Figuren. Ich sage nur: der "1963er Buick-Riviera Purple Lidschatten Pinsel", der Mann kennt sich aus. Ein Text immerhin! mit Dialogen, die man auswendig lernen mag, so kann man es nachlesen. Von Menschen, die, wie alle anderen auch, ihr Leben nicht kennen. Dialoge, ich bin mir nicht ganz sicher, die mir sonderbar vorkommen. Wer sagt schon: “Den kneift wohl der Zwickel?” Dazu bietet das echte Leben selten Gelegenheit. Oder: Willst du einen Blowjob? Ich kratze mich sinnend am Kopf, man würde doch viel eher sagen, beginne ich, soll ich dir einen … Lass mal, schon klar, sagt Gott. Also, nein, du musst jetzt sagen: Ich krieg keinen … Schon gut, lass mal, wiederholt Gott, und wir brechen das Spiel mit dem Dialog-Aufsagen einfach ab. Und ja, ich blättre mich immer noch durch diesen Text, ich würd ihn so gern verstehen, das Grandiose daran - erkennen. Das, was nur die Fortgeschrittenen erlesen können. Womöglich ein Komplex! Wer weiß. Schwierig. Wusstest du, dass ich mal einen Typen kannte, der war ganz sonderbar, voller Komplexe. Wer ist es nicht, sagt Gott. Ja, aber der hat echt Karriere gemacht, wie er es sich schon ganz früh vorgenommen, ja ausgerechnet hat. Solche Typen machen das immer, sagt Gott gedankenvoll. Wir seufzen. Er wollte mich auch heiraten, fahre ich dann fort. Er hatte so einen Countdown - in 5 Jahren, drei Monaten und blabla-Tagen werde ich dich heiraten, so ungefähr hat er geredet. Das klingt etwas unromantisch, sagt Gott. Ein Mann mit Plan, sage ich. Indes, er hat mich auch zum Essen eingeladen. Wie man es so macht, sagt Gott. Aber selbst nichts gegessen, keinen Bissen, sage ich und ich bin immer noch verblüfft in der Erinnerung. Er hat sich nicht mal etwas bestellt. Vielleicht war er …, bemüht sich Gott um eine Erklärung. Klamm bei Kasse? In einem finanziellen Engpass? Wir hätten auch eine Currywurst essen können, sage ich. Und er hatte Geld, er hatte immer Geld. Dann hatte er vielleicht plötzlich keinen Hunger, meint Gott. Und ich dann übrigens auch nicht mehr, gebe ich zu bedenken. Das schöne Essen, im Nachhinein bereue ich es immer noch, ging alles zurück. Also. Wenn du mich in meinem hohen Alter mal in ein Luxusrestaurant ausführen willst, und plötzlich merkst, ich kann für zwei gar nicht zahlen, oder… och, jetzt hab ich grad gar keinen Hunger mehr, diesmal würde ich trotzdem essen. Einfach so, was soll’s. Ruhig noch etwas Champagner, ja, das Glas ist noch fast voll, aber ruhig schon mal ... nachkippen. Unersättlich, prickelnd - wie Emma Bovary - warum denn nicht? Wenn man jung ist, sage ich, ist man so blöd! Lässt sich verwirren und verunsichern, fragt sich, was ist jetzt bloß los? Mit ihm? Was stimmt denn nicht? Solche Komplexe, sage ich, legen Frauen glücklicherweise mit der Zeit einfach ab. Gott nickt, mit jugendlicher Torheit kennt er sich aus. Und gelogen und betrogen hat er auch, und das niemals clever, man wusste dann immer sofort, jetzt lügt der wieder. Tja, sagt Gott. Und trotzdem verdient er eine irre Kohle jetzt, trägt richtig Verantwortung, Karriere - das ganze Programm. Du hättest ihn heiraten sollen, sagt Gott. Aber - die Aufgabe war einfach zu groß für mich. Und auch zu uninteressant. Komplexe sind nicht gerade etwas Aufregendes, behaupte ich. Im close-up, erinnere ich mich an das Chaplin-Zitat. Man sollte wohl tatsächlich immer das Ganze betrachten, zuweilen ist das dann so trostlos, dass es tatsächlich wieder eine Komödie wird. Ach, seufzt Gott, aber sie können einem schon zusetzen, die Komplexe. Ich nicke, schaue in den Spiegel und seufze ebenfalls. Was ist jetzt eigentlich rausgekommen, frage ich dann, denn Gott schien letztens recht ruhelos, nachdem ich die Frage aufgeworfen hatte, ob er eigentlich als Gott unsterblich sei. Wenn dir die Ungewissheit Sorgen bereitet, sagte ich also, da man die Dinge immer praktisch angehen soll, wenn du es nicht weißt. Dann find es raus! Und so hat Gott sich im Olymp erkundigt, einen offiziellen Antrag eingereicht, selbst dort - nichts als Bürokratie! Und gerade bei so jungen Göttern scheint die Verwirrung oft groß. Gott Sein ist keine leichte Aufgabe. Gestern langweilte ich mich bei Lisbeth Salander und schaltete ins Dschungelcamp, dort saß ein hübscher junger Mann, der sich - wie alle anderen anscheinend auch - für enorm langweilig hält - was für eine Koinzidenz! - und er sagte: Ich mache hier das Feuer und das Wasser, wer soll mich bemerken? Nun, die Elemente, klang es nicht fast, als sei er ein wenig wie Gott! Und Gott sein - das, sagt Gott, bedeutet heutzutage, selbst in Zeiten, nein, sagt Gott und erhebt den Zeigefinger, gerade in Zeiten der Not, in Zeiten von Gotteskriegern - rein gar nichts mehr! Gott sein, sagt Gott, verliert sich in der Geistlosigkeit aller Trivialität. Wart’s doch einfach ab, sage ich. Unsterblichkeit - das ist - vielleicht nicht einmal  erstrebenswert, gebe ich zu bedenken und betrachte meine viel zu eng liegenden Augen im Spiegel. 


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