Donnerstag, 8. Januar 2015

Intensiv


Poah, sage ich zu Gott. Seit bei uns nicht mehr rund um die Uhr gerammelt wird, ist's auch etwas ruhiger geworden. Gott nickt weise, dass muss anstrengend sein, sagt er. Bestimmt, der Zwerg war ja auch völlig von der Rolle. Ich ärger mich immer noch, denn so viel Verständnis man auch aufbringen möchte für die Probleme der anderen, so verdrehte Halbwahrheiten ... Und er fehlt mir, der Spencer, und er konnte ja nichts dafür. Und! Wolltest du nicht lieber nach oben schauen, unterbricht Gott. Ja, die Quelle allen Seins, einfach - vertrauen. Klar. Bloß ... Ich schaue an die Decke, nehme einen tiefen Atemzug durchs dritte Auge, lasse eine ordentliche Portion Licht die Wirbelsäule hinunterfluten. Als Gott hat man's bestimmt einfacher, behaupte ich dann, denn Halbwissen, Fantasien und Unterstellungen führen immer ins Klischee. Kannst du mich nicht einfach zur Göttin machen?, frage ich mit geschlossenen Augen, den Kopf weit in den Nacken gelegt. Nein, unmöglich, sagt Gott. Es ist auch nicht so einfach, wie man denken könnte, behauptet er dann. Die vielen Menschen, die einen verehren, die, die einen hassen, Gottes Namen ausnutzen wollen, die, die sich mir unterstellen, aber nicht, um dann in meinem Sinne zu handeln. Die mir dazwischenpfuschen, Amtsinhaber, die ich selbst niemals eingesetzt hätte und und und. Das menschliche Streben nach Höherem sowie dessen konsequente Ausbeutung ist ... Besorgnis erregend, sage ich. Gott zuckt die Achseln. Kommst du jetzt mit?, frage ich. Auf die Intensiv-Station? Da bin ich nämlich nicht gern. Schon gar nicht allein. Gott anscheinend auch nicht, er zögert. Komm schon, sage ich, es ist diesmal nicht so schlimm, wie damals, als unser Komapatient nicht aufwachen wollte. Ich runzle die Stirn in der Erinnerung. Und hinter der Trennwand hat eine Mutter die gesamte Zeit geheult, weil ihre Tochter wegen einer Überdosis wohl schon ziemlich über dem Jordan schwebte. Das war schrecklich damals. Gott seufzt. Jetzt komm schon, sage ich, zieh dir Schuhe an, und setz einen Hut auf, es regnet. Sammle einfach mit mir noch ein paar sterbliche Erfahrungen. Oder bist du gar nicht unsterblich?, frage ich, plötzlich unsicher. Gott schaut mich nachdenklich an. Das weiß ich gar nicht, sagt er dann.

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