Samstag, 10. Januar 2015

Der Zweifel


Im Flur gibt's einen lauten Knall, Gott ist schon wieder vor die Kommode gelaufen, er flucht. Musstest du sie wirklich mitten in den Gang stellen, fragt er, als er in den Raum kommt. Ja, Vorsicht, sage ich, damit er nicht auch noch über meine Hanteln stolpert. Ich trainiere nämlich endlich wieder richtig nach so langer Zeit, und wir beginnen mit? Stabilisation der Körpermitte, dem Kraftzentrum, und Muskelaufbau. Beweglichkeit und Koordination sind noch völlig in Ordnung, diagnostiziert die Trainerin. Immerhin, manchmal muss man einfach etwas Sinnvolles tun? Nur für sich selbst? Die Mitte stabilisieren. Dem Trizeps und seinen vielen Brüdern ein wenig Aufmerksamkeit zukommen lassen. Gott räumt die Hanteln aus dem Weg und mault ein wenig, weil ich die Möbel umgeräumt habe. Tatsächlich laufe ich selbst zuweilen noch irgendwo vor, etwas stimmt noch nicht so ganz mit der neuen Ordnung. Oder wir sind zu sehr im Altbekannten verhaftet. Soll ich die Kommode nicht wieder in ihre Ecke rücken, fragt Gott, ich schüttel energisch den Kopf, denn die Pechsträhne will ich endlich loswerden. Und vor einigen Tagen, nämlich genau am Mittwoch, kam ein Mann, der es eigentlich wissen müsste, ins Haus und stellte umgehend und bestürzt fest, dass Buddha, dessen Figur anscheinend hervorragend platziert ist, in die völlig falsche Richtung schaut. Der muss nach Osten schauen, sagte der nette Mann und verrückte sofort die Kommode. Und es darf keine untergehende Sonne auf ihn fallen, also verrückten wir die Kommode gemeinsam weg vom Fenster, weiter nach rechts, so dass sie jetzt wahrscheinlich erneut sehr ungünstig steht - fürs Chi oder so - mitten im Weg. Nun, eine Übergangslösung, wir haben zunächst das größere Übel eliminiert - den Blick verändert, die Perspektive. Und so oft ist es schwierig, eine neue Richtung, eine andere Perspektive zu versuchen. Da kann man durchaus mal versuchen, um eine Kommode herumzulaufen. Hast du gegessen, fragt Gott. Klar, sage ich. Was?, fragt Gott, der sich momentan etwas väterlich gibt. Och, sage ich. Hast du abgenommen?, setzt Gott sein Verhör fort. Nur das, was ich mir in Frankreich angefuttert hatte. Du kannst die Figuren so oft verrücken, wie du willst, sagt er. Das bringt gar nichts, wenn man nicht isst. Er ist klug, aber - wer weiß, sage ich. Muskelaufbau kannst du dann auch vergessen, sagt er. Ich seufze. Weißt du, was ich nicht verstehen kann, sage ich und schrubbe am Küchenschrank rum, wie Menschen es schaffen zu leben, wenn ihre Kinder sterben. Das könnt ich nicht. Das schafft auch kaum einer, sagt Gott. Selbst bei uns Göttern sind das schlimme Momente, der Tod. Meistens gab's dann Krieg, sagt er. Und kratzt sich am Kopf, schließlich sind die Götter, insgesamt betrachtet, verdammt kriegerisch eingestellt. War immer schon so, gab's immer schon. Und gibt's auch momentan überall. In der Notaufnahme saß gestern auch einer, den sie zusammengeprügelt hatten, sah übel aus - so im Vorbeigehen, saß aber noch auf einem Stuhl. Oder ... Man geht morgens einfach in die Redaktion und ist mittags schon umgenietet. Gott nickt. Kanntest du den, frage ich, wie's da steht - immer zum Streit bereit - sehr sympathischer Mann. Und irgendwie kenne ich den von früher. Bestimmt hat der alte Raymond das immer gelesen - sein Werk. Nackte Frauen ... Ich weiß es nicht mehr. Egal, er sieht verdammt gut aus und er war so klug. Er sagte: "Der Humorist hat vor allem den Zweifel zu pflegen. Er gehört zu keiner Partei. Und er glaubt an keine Religion." Sehr guter Mann, nickt Gott. Der Zweifel, sage ich, da ist er wieder. Und er ist so unbeliebt bei manchen Menschen. Die mit ihrem Scheiß-Zeigefinger, sage ich, und ihren bekloppten Wahrheiten, die, die immer alles besser wissen. Arrogantes Pack. Und ich maule weiter vor mich hin. Iss lieber was, sagt Gott, wir fahren gleich ins Hospital. Und ich maule noch mehr rum, denn wenn ein Scheißjahr zu Ende gegangen ist ..., dachte ich eigentlich. Wir beraten bereits auf dem Olymp, sagt Gott. Das Jahr sollte anders beginnen, wir hatten das anders auf dem Schirm, wir sind momentan selbst etwas ratlos. Wir müssen uns vielleicht neu orientieren, einen Haken schlagen, etwas anderes probieren. Den Buddha neu platzieren, nicke ich finster. Nun, sagt Gott, selbstverständlich bleibt der Zweifel bei jeder Tat unser steter Begleiter. Gut so! 


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