Montag, 12. Januar 2015

Der Mensch muss ...


Ich bin immer noch schwer beeindruckt von dem Redakteur, der versuchte, sich Humor mit Freud-Zitaten zu erklären. Den leider so tödlich ernsten Hintergrund für seine akrobatische Hirnarbeit übersehen wir einen Augenblick, vielleicht im Sinne der Opfer. Komm, sage ich zu Gott, der war echt gut, und wir lachen über so viel Humor. Denn der Mensch muss ..., dem tut Lachen gut. Ist das typisch deutsch?, frage ich, denn ich liebe Klischees, sie sind meist mindestens so dämlich falsch wie weise wahr. Verkopftheit, sinniert Gott, ist unter Menschen, die sich gebildet wähnen … Ich nicke ernst, denn selbstverständlich bietet das Leben so viele Fallen, da muss der Mensch zuweilen ins Stolpern geraten. Was wollen wir essen?, fragt Gott, der sich momentan gern monothematisch gibt, nun, jeder geht mit Krisen anders um. Heute Abend gibt’s die Reste von seinem famosen, grandiosen filet mignon. Wer hätte gedacht, dass Gott so ein großartiger Koch ist. Überhaupt, dachten wir noch vor kurzem, man könnte ihn insgesamt für recht wenig nützliche Dinge einsetzen, überrascht er nun mit unerwarteten Fähigkeiten, er kocht, er räumt auf, er putzt, alles Dinge, die mich? Nicht die Bohne interessieren.
Ohne dich, würd ich’s gar nicht schaffen, sage ich dementsprechend freundlich. Gott nickt grimmig, einer musste ja wohl in den sauren Apfel … beginnt er, aber ich überhöre das, ich bin dankbar, das will ich nicht sofort wieder vergessen. Du bist ein famoser Koch, sage ich also und wahrheitsgemäß. Du hast wie ein Vögelchen darin herumgepickt, sagt er. Dabei war es wirklich sehr … Gelungen, sagt er bescheiden. Ich nicke. Délicieux ! Du weißt, dass ich keinen Hunger hatte. Der Mensch muss essen, sagt Gott. Ständig telefonierst du, maulte er schon gestern Abend und wollte den Tatort ausstellen. Und sicher, ich habe einige Dinge zu erledigen, und selbst oder gerade am Sonntagabend hängt man in der Warteschleife fest, aber dennoch zeigte ich umgehend per Handzeichen an, dass er flink zurückschalten soll. SS Sigi, sagte ich, denn von dem habe ich schon viel gehört. Sehr interessant. Allerdings machen reale Hintergründe Filme nicht unbedingt besser, konnte ich dann wieder einmal nebenbei feststellen. Tja. Der eine war gut, sagte Gott, der Große, sagte ich, und jemand meldete sich, während der Abspann über den Bildschirm flimmerte, am anderen Ende der Leitung. Und ständig tippst du auf dem Compu rum, sagt Gott vorwurfsvoll. Was eigentlich?, fragt er. Keine Ahnung. Es lenkt mich ab. Du solltest lieber essen, greift Gott sein Lieblingsthema wieder auf. Der Mensch muss nämlich … Weißt du, sage ich, manche Asiatinnen, die weniger wiegen als ich, haben mehr Power als wir zwei zusammen. Manche, relativiert Gott. Manche vielleicht. Und so klein bist du gar nicht. Manche ernähren sich auch nur von Licht, sage ich. Unsinn, widerspricht er. Doch, es läuft über die Milz oder so, ich kenne mich da nicht aus. Wir essen aber lieber anständig, sagt Gott. Yep! Und weißt du, was wir bis heute Abend machen, bis wir uns über die Reste deines fantastischen filets mignons hermachen? Nun? Nun, das Geheimnis lautet Superfood, verrate ich gut gelaunt, denn Ablenkung ist einfach das Beste, was man tun kann, wenn man nicht weiß, wie‘s weitergeht. Und letztens las ich einen Artikel über Miranda Kerr, die ist hübsch, nickt Gott. Ich pruste und überraschend flink schlägt eine kleine Faust direkt neben Gottes Solarplexus hart auf, wir wollen ihm ja nicht schaden, und wir wissen, wie's geht, denn der Opa hat mir … aber nur für den Notfall! schon ganz früh, in frühester Kindheit, ganz genau erklärt, wie man sich als Mädchen…. AuA!, sagt Gott. Tja, ist noch genug Power da, konstatiere ich nebenbei, denn eigentlich bin ich ja nun selbst beim Essen angelangt. Die hübsche junge Dame ist nämlich auch Ernährungswissenschaftlerin, wie ich im Übrigen ja auch - wobei ich diese Leidenschaft ganz nebenbei und inoffiziell praktiziere. In dem Artikel auf alle Fälle erzählt sie, was sie so isst. Und da ist mir eingefallen, dass ich früher, als ich noch elektrisch war, auch ganz viel Algen gefuttert hab, wie sie es empfiehlt. Und irgendwann war dann auch Schluss mit ständig Kurzschluss verursachen, wir hatten ja schon kaum noch Glühbirnen mehr. Und ständig bekam man einen gewischt, wenn man mich falsch berührte. Also, falsch kann das mit den Algen nicht gewesen sein. Und so machen wir das jetzt einfach wieder, denn

der Mensch muss … Und ich haue in den Mixer, was meine Küchenschränke so hergeben. Wir nehmen je einen Teelöffel - und bitte alles Bio und vor allem bei den Algen, die ja Gifte binden, auf die Herkunft achten, sonst kippt man sich am Ende eine Chemiemüllhalde in den Rachen, anstatt die eigenen Gift auszuleiten. Also nehme ich je einen Teelöffel: Açaí, Spirulina, Chlorella, Maca, Weizengras, Hanfprotein, Brennesselsamen, Chia-Samen, Kokosrapeln, Kokosblütenzucker, Granatapfelsamen, Blütenpollen. Etwas Limettensaft und einen ordentlichen Schluck von unseren guten Phyto-Mineralien. Noch etwas Grünzeugs und frischen Ingwer. Mit Wasser oder Kokoswasser auffüllen. So, rufe ich dann über den Lärm des Mixers. Fertig! Und dann serviere ich. Da steckt mehr Power drin als in jeder Mahlzeit, sage ich. Alles, was du brauchst. Trink! Und Gott nippt wie immer vorsichtig am Glas. Also, sagt er dann und bekommt einen Hustenanfall. Etwas staubig? Kipp nach, rat ich. Das schmeckt wirklich …, sagt Gott und räuspert sich. Ja, gut, es schmeckt natürlich ... Beschissen, sagt Gott. Ja, gut. Aber ... Beschissen, sagt Gott.  





~



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen