Mittwoch, 7. Januar 2015

Denken. Wie ein Mensch.


Und?, frage ich den Chief, vermisst du den Kleinen? Nö, sagt der. Wieso? Ich bin ein Hund. Okay. Und du hast auch wirklich nicht gelitten? Als er so frech wurde?  Nö, sagt der Chief, der Kleine war ein bisschen nervig, räumt er ein, aber - was soll's. Tatsächlich hat Chief Walks keinerlei Anstalten gemacht hat, nach Spencer zu suchen, hat keinerlei Anzeichen gegeben, dass er ihn vermisst. Immerhin, möglichst wenig Schaden anrichten, kann in schlechten Lagen im Zweifel auch als Erfolg gewertet werden. Aber draußen hattet ihr zwei Spaß?, frage ich nach, denn langsam bin ich misstrauisch, was meine Hunde-Nicht-Experten-Beobachtungsgabe angeht. Draußen war okay, nickt der Chief entspannt, aber selbst da ist er immer hinter mir hergetigert, nervig eben. Du hast ihn nicht verstanden, zitiere ich den Hundeboss. Möglich, sagt der Chief, seltsam war der Zwerg wirklich. Dazu fehlen dir die Eier, wiederhole ich im ungefähren Wortlaut den Boss und ernte einen finsteren Blick. Du konntest ihm keine überbraten, hat der Boss gesagt, lenke ich ein. So ohne Eier hast du die Situation nicht überblicken können. Und trotzdem hast du's 2x getan, grüble ich laut. Da ging's ums Essen, sagt der Chief vorwurfsvoll, da lass ich mir nix vom Teller klauen. Klar, er weiß nun einmal, wo man Prioritäten zu setzen hat. Und geht dann auch gleich selbst in die Offensive. Hast du nicht mal beim Veterinär gearbeitet? Konntest du's nicht sofort sehen - mit der Kastration, die nie stattfand? Ich bin kein Tierarzt, sage ich. Die Hoden waren wohl nach innen gewachsen, was eine OP noch viel komplizierter und teurer macht, das war wohl die letzte Wahrheit, die sie uns so nach und nach, nachdem ich mit Hundeprofi und Tierärztin ausführlicher kommuniziert hatte, preisgeben wollten. Aber die mussten doch wissen, dass das nicht klappen kann, schüttelt der Chief den Kopf, hat der Boss doch sofort gesagt, dass das verdammt schwierig sei. Uns immer trennen. Oder ständig mit einem Besen den Zwerg in die Schranken weisen. In den er sich festbeißt. Es ist nicht meine Schuld!, sagt der Chief. Sicher nicht, sage ich. Wir seufzen. Die sind wahrscheinlich verzweifelt, die stehen unter Druck, die brauchen Geld, zu viele Tiere von unterm Christbaum weggegeben, keine Kohle. Aber ..., sagt der Chief. Ich nicke. Hätten sie uns von Anfang an die Wahrheit gesagt, über das Medizinische, die Verträglichkeit mit anderen Tieren, die Dinge, die alle nicht passiert sind, ohne die ein Tier nicht vermittelt werden darf, hätten wir uns besser entscheiden und vorbereiten können, wären die Sache langsam angegangen. Hätten von vornherein den Boss hinzubitten können. Und der hätte wahrscheinlich von Anfang an abgeraten. Und deshalb haben sie nichts gesagt, nehme ich an. Und jetzt fehlt mir der Zwerg, selbst Monsieur vermisste ihn - heute Morgen. Versuchen wir es demnächst noch mal? Besser aufgestellt? Mit dem Boss?, frage ich. Der ist cool, sagt der Chief, da bin ich ganz seiner Meinung, der ist echt cool. Will der mich auch noch erziehen?, überlegt der Hund klug? Möglich, aber du bist schon ganz okay, beruhige ich. Und was lernen macht immer Spaß. Der Chief vertraut mir. Ich ihm auch, aber ..., und Spencer fehlt dir wirklich nicht?, frage ich noch einmal. Nö, sagt der Chief, warum denn? Denk nicht immer wie ein Mensch!, rät er und verrät, was ihm so im Köpfchen rumschwirrt, er will seinen momentanen Lieblingsgang machen? Da riecht's so gut, und ... Fahren wir jetzt zur kleinen Kyra?, fragt er. Hinter der Birke. Ich würd gern n'bisschen mit der rumschnuppern. Okay, sage ich, machen wir!


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