Donnerstag, 29. Januar 2015

Das Richtige


Das Schweißgerät habe ich neu gekauft, das Stemmeisen und das sonstige Werkzeug habe ich mir irgendwo in den Schränken zusammengesucht. Gott ist in alte Klamotten geschlüpft und trägt Laufschuhe, die ich noch nie an ihm gesehen habe. Ich bin mir nicht sicher, aber vermutlich glaubt er, wenn uns alles um die Ohren fliegt, kann er im letzten Moment noch schnell weglaufen. Dann mal los, sage ich und nicke mit einer gewissen Euphorie, ermutigend, anspornend. Der Grundton verhallt, ich weiß nicht, sagt Gott, zögernd. Wozu haben wir uns denn dann hier getroffen?, denke ich, lege allerdings viel Sanftmut in meine Stimme: Aber wir hatten das doch durchgesprochen, sage ich wie in der Waldorfschule zu einem trotzigen kleinen Buben. Das weißt du doch noch, deshalb sind wir doch hier. Gott räuspert sich und spielt mit der Schutzbrille. Ich habe immer noch Zweifel, ob das legal ist, sagt er. Nun, sage ich, vielleicht ist es nicht ganz legal, aber illegal ist es sicher ... Ich huste ein wenig. Wir waren uns doch einig, fahre ich dann fort, dass man sehr oft, um das Richtige zu tun, auch einmal über einen Schatten springen muss? Und hier habe ich den Schlüssel, sage ich. Und zeige den Schlüssel. Stell dir einfach vor, der Tresor ist meiner. Und ich bitte dich - als Freund! - erinnere ich mahnend - ihn zu knacken. Es ist aber nicht deiner, murmelt Gott. Korinthenkacker, kommt mir aus der Ferne in den Sinn, natürlich schweige ich. Und Monsieur hat dir die Kombination genannt?, fragt Gott. Natürlich, bestätige ich. Ich hab ja auch den Schlüssel, ich komme nur nicht so gut mit Zahlen klar. Ich hätte sie aufschreiben sollen. Aber weißt du, ich dachte, Monsieur regelt solche Dinge schließlich selbst. Gott nickt, es ist ja auch sein Tresor, behauptet er. Pah, wie man es nimmt, sage ich. Schließlich sind da auch meine Sachen drin. Was denn?, fragt Gott neugierig. Ich zucke die Achseln, Papiere, Schmuck, Krams eben. Den man für wichtig hält. Und die Vollmacht, sagt Gott. Und die Vollmacht, nicke ich. Und mit der kannst du dann ... Ich hoffe, bestätige ich, deshalb hat er sie ja mit mir zusammen ausgefüllt, das ist sehr klug, wenn man nicht immer gleich heiraten will. Die Dinge zu regeln, Gott schaut skeptisch, schließlich haben wir die Dinge nicht geregelt, sondern einfach nur enorm gut weggeschlossen. Damit wir dann endlich die Dinge regeln können, präzisiere ich und reiche Gott das Schweißgerät. Du handelst in Monsieurs Sinne, sage ich. Wenn ich seinen Tresor zerstöre, sagt Gott und blickt ratlos auf das Gerät. Und wenn ich damit alles in Brand setze, stellt er dunkelste Visionen in den Raum. Könnte man nicht einfach ernsthaft mit den Behörden sprechen?, stellt er eine völlig absurde Frage, denn schließlich hat er mich ja in den letzten Wochen überallhin begleitet. Eilanträge wurden gestellt, die nie gestellt wurden. Die als formloser Antrag in Akten auftauchen und dementsprechend auch behandelt werden. Formlos und ohne Eile! Offizielle Berater verstehen die simpelsten Grundsätze ihres Themenbereichs nicht. Und wichtige Dokumente liegen hinter schwer verschlossenen Türen. Ich nicke, wir sollten mit den Behörden sprechen, ob sie uns nicht einfach ihren Panzerknacker vorbeischicken, sage ich. Dann können wir das Auffinden der Urkunde auch gleich notariell beglaubigen lassen. Niemand hat hier noch Unterschriften oder sonstiges gefälscht, alles hat seine Richtigkeit, jetzt da der Tresor ganz offiziell geknackt wurde. Wo ist er? Der staatlich geprüfte Safeknacker. Wie lautet seine Telefonnummer? Die Jungs von der Patin könnten so was mit Sicherheit, stachle ich Gott an, denn Ehrgeiz unter Jungs ist immer ein gutes Druckmittel. Zumindest meist, nicht immer, denn: Ja, nickt Gott, die könnten das, schade, dass die nicht da sind. Weißt du, sage ich, Monsieur hat seinen Willen festgelegt. Hinter dieser Tür liegt die Bestätigung. Ihr hättet es bei einem Notar, oder einer Bank hinterlegen sollen, rät Gott etwas spät. Verpuffte Energie. Zu spät, konzentriere ich mich lieber auf das Hier und Jetzt. Dahinter liegt also das Dokument. Damit ich in Monsieurs Sinne handeln kann. Wer sagt denn, fällt mir Gott ins Wort, dass da nicht auch Bargeld drinliegt. Sicher, die vielen Millionen, die Monsieur heimlich beiseite geschaffen hat, sage ich. Die stecken wir uns dann aber in die Tasche, sage ich. Siehst du, sagt Gott. Am Ende kann man alles behaupten. Und wer war's dann? Wer war dann der langfingrige Panzerknacker?, sage ich. Gott nickt finster. Ich war's dann am Ende. Und dass du mich angestiftet hast, interessiert niemanden mehr. Du hast viel zu viele Krimis gelesen, seufze ich. Monsieur wird dich nicht anzeigen, weil du dafür gesorgt hast, dass sein zu Papier gebrachter Wille vollstreckt werden kann. Es ist in seinem eigenen Interesse, nicht wahr? Wieder nickt Gott finster, bewegt sich aber immer noch nicht. Wenn er nicht will, kann er ganz schön stur sein. Also versuche ich es anders. Wenn wir nicht an die Vollmacht kommen, kommen wir auch erst mal nicht an das Geld. Und wenn wir nicht an das Geld kommen, sage ich, kann ich Monsieur nicht helfen. Aber ich habe ja Vollmachten, jemand anders wird zusätzlich bestellt werden, es wird noch mehr Bürokratie geben. Weißt du, sage ich zu Gott, bei all dem emotionalen Stress, dazu noch diese ganzen Behördengänge, das sinnlose, überflüssige Kämpfen, ach, gebe ich mich am Ende meiner Kräft. Das schaffe ich nicht allein. Du wirst mich nie mehr los. Eine Endlos-Dauerkrise bahnt sich an! Und du musst dich um mich kümmern - die ganze Zeit. Und mit diesen Worten? Endlich! Hat Gott den Ernst der Lage begriffen! Und er greift zum Schweißgerät. Siehst du, sage ich. Es ist das einzig Richtige. Wir müssen es tun. Gott nickt.


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