Mittwoch, 28. Januar 2015

Das alte Mädchen


Wo ist denn dann dein Papa?, fragt mich der Mann. Einen Moment bin ich sprachlos, er hat diesen onkelhaften Ton angeschlagen und ist eigentlich mit etwas vermeintlich Wichtigerem beschäftigt. Ich runzle die Stirn und werfe Gott einen Blick zu, der zuckt die Achseln, schließlich hat er oft genug - wie Monsieur ja auch - darauf hingewiesen, dass Frauen in diesen chicen Kostümen und den Hochhakigen nun mal schon von ganz weitem wissen lassen: 'Achtung! Frau! im Anmarsch.' In Hose und Pullover mit Kinderwinterstiefeln darf frau sich einfach nicht wundern, wenn sie geduzt wird. Wie ein kleines Mädchen abgesprochen wird. Also ... Mein Papa ..., beginne ich mit unüberhörbarem Ärger in der Stimme. Diesen vernimmt sogar der Herr mir gegenüber, er schaut auf und mich verdutzt an. Ja, für ein kleines Mädchen? Seh ich ganz schön alt aus! Gott hat den Ton auch sofort erkannt und legt mir warnend eine Hand auf den Unterarm. Das soll heißen? Ich übernehme, und in der Tat ist es immer gut, wenn ein Erwachsener mich, das vorlaute, freche Mädchen, bei Behördengängen begleitet. Ich schaue düster vor mich hin, während Gott die Sachlage in höflich strengem Ton in ihrer gesamten Komplexität darlegt. Macht er prima, ein paar Mal nicke ich, auch wenn meine Meinung hier ja nicht gefragt ist. Das wäre ein großer bürokratischer Aufwand, souffliere ich dann, weil Gott vergaß, das zu erwähnen. Gott wiederholt meine Worte in einem angebracht sorgenvollen Ton. Nicht zu vergessen die Kosten, die ein weiteres Verfahren zwangsläufig mit sich zieht. Auch hier trifft Gott exakt den Ton, durchaus bedacht, förmlich, aber nicht allzu besorgt. Ich nicke ernst. Der Mann hinter dem Bürotisch seufzt. Er hätte so gern, er hätte Gott so gern geholfen, aber leider ... Usw. Da hast du dich aber ganz schön aus dem Fenster gelehnt, sage ich, als wir das Büro des Experten verlassen haben. Gott lacht, schließlich hat er offiziell keinerlei Befugnisse oder sonstige Rechte, Einblick zu gewähren. Bevor du dich mit dem Mann anlegst, dachte ich ..., sagt Gott. Und ich nicke, schon klar, er hat Recht. Und doch hat es nichts bewirkt, weil der Experte, bis auf seine dämlich Art mit mir zu kommunizieren, sonst ja nicht tätig wurde. Werden wollte. Ist das schon Arbeitsverweigerung?, frage ich Gott. Der wiegt den Kopf, ich fürchte, sagt er, selbst ich konnte ihm nicht wirklich die eigentliche Problematik näherbringen. Er hat das Problem gar nicht verstanden. Und das ist wohl wahr, ständig hat dieser Mann uns gefragt, warum die Bank das so macht, wie sie es macht. Dabei sollte er das besser wissen als wir. Und generell ist diese Frage, auch wenn sie für unser Anliegen gänzlich irrelevant ist, rasch beantwortet, Banken machen das immer so. Usus, Brauch, Konvention, allgemeinüblicher Vorgang. Er konnte es nicht verstehen, er wollte es nicht. Aber warum?, hat er Gott mehrfach gefragt, der einfach immer, immer Haltung bewahrt. Selbst wenn Gott sich mit Idioten unterhält, die uns zur Beratung beiseite gestellt werden, selbst wenn sich das Gespräch auf absurde Weise nur noch im Kreis dreht, ist Gott die Ruhe selbst. Nun, sag ich, wir kaufen mir jetzt erst mal andere Klamotten, was Hübsches, was für Frauen, sage ich, damit man mich erkennt. Und wir düsen los.

Wo fahren wir denn hin?, fragt Gott auf der Autobahn. Hannover, sage ich. Hannover, sagt Gott und schaut auf seine Armbanduhr. Nicht ganz, kurz davor, sage ich, schließlich habe auch ich wirklich keine Zeit fürs echte Shoppingvergnügen. Wir suchen lediglich? Kleine Größen! Für alte Mädchen! Die Frauen sind. Mode! Warnsignale! Und kaum stehe ich inmitten von lauter Buziness-Kostümen, Lederjäckchen und kurzen Kleidchen in der Umkleidekabine, klingelt mein Handy. Und der Kollege von dem Experten von eben ist auf wundersame Weise am Apparat. Ach, Sie haben bereits mit meinem Kollegen gesprochen, sagt er und klingt ebenso überrascht wie enttäuscht. Jnein, antworte ich und schlüpfe aus einem umwerfenden, beige-lila Ledermäntelchen, das tatsächlich etwas eng in den Schultern sitzt. Zu klein! Die Problematik ist ja sehr komplex, sage ich und schildere sie kurz. Nun, sagt der Mann mit der überaus netten Stimme, da eröffnen sich Ihnen m. E. aber mehrere Möglichkeiten. Zum einen, sagt er, ..., und ich bin hingerissen, der Typ hat nicht nur sofort verstanden, um was es geht, er kennt auch die Lösung! Ich schiebe einen Daumen am Kabinenvorhang vorbei und zeige Gott an: a) Daumen hoch! Das läuft! Um dann mit dem Zeigefinger zu veranschaulichen: b) Komm mal schnell rein! Gott zwängt sich also in die Kabine und hört mit, nickt beeindruckt, denn auch der zweite Vorschlag des Mannes ist famos! Quasi führt dieser zu demselben Ergebnis wie der vorherige - nur gestaltet er sich gänzlich ohne Bürokratie. Und somit ebenfalls? Ohne all den Aufwand. Und ohne all die Kosten. Die dritte Option, die sich Ihnen bietet, fährt er fort und schildert sie, und Gott nickt fast schon etwas aufgedreht, deutet nun seinerseits mehrfach mit dem Zeigefinger auf das Handy und dann auf sich. Als hätte er längst diesen Vorschlag gemacht, daran hatte ich auch bereits gedacht, sagt er dann. Der Mann am anderen Ende der Leitung gibt sich beeindruckt von so viel Sachverstand, die beiden Herren fachsimpeln ein wenig rum, durchdenken die Möglichkeiten, wägen ab. Das alte Mädchen steht dabei, lauscht und schaut düster vor sich hin. Wenn Gott so klug ist, könnte er mir seine grandiosen Experten-Gedanken ja ruhig mal zwischendurch mitteilen?, denke ich. Das war aber mal eine kompetente Beratung, sagt Gott dann, nachdem er sich bei dem netten klugen Herren bedankt hat, um dann das Gespräch zu beenden. Ja wirklich, stimme ich zu und stecke mein Handy in die Handtasche. Und dabei gingen dir ja längst all diese Möglichkeiten selbst durch den Kopf, sage ich dann. Ja, nickt Gott. Und wird nicht einmal rot dabei! Ich fasse es nicht, schweige aber. Was hältst du hiervon?, fragt er dann und hält ein todchices flaschengrünes Kostüm hoch. Es müsste passen, XS, sagt er. Auch zu deinen Augen! Ich probier's mal, sage ich mit immer noch etwas vorwurfsvollem Ton und schieb ihn aus der Kabine, aber ... Ist er nicht einfach ... wundervoll?


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