Mittwoch, 14. Januar 2015

Allein


Weil ich ganz ungern allein bin, obwohl ich andererseits sehr oft am liebsten allein bin, aber eben nur dann, wenn ich das so entschieden habe, kann ich mich glücklich schätzen, dass ich Gott habe. Ohne dich ging's nicht, sage ich. Unsinn, sagt Gott. Du könntest das auch alles allein. Nein, behaupte ich. Was bringt es dir, fragt er, wenn ich immer hinter dir herstapfe? Und ganz ehrlich? Keine Ahnung, das weiß ich auch nicht. Vor allem, da Gott wie so oft Recht hat, er ist fast immer hinter mir, trödelt zuweilen ein wenig, da bin ich längst am Erbauungsbrett, so heißt es nämlich, so steht es über der Tafel mit den klugen Sprüchen - und so lese ich, während ich auf ihn warte: Nur starken Menschen werden harte Wege auferlegt! Aha. Oder: Stürzen. Und Aufstehen! Genau. So habe ich es immer gehalten, manchmal dauert es einen kurzen Augenblick, dann steht man wieder. Und Gott, während ich mich an so umwerfend klugen Weisheiten erbaue, schlendert durch die Eingangshalle. Ich glaube, er hat ein Faible für diese toughen Buziness-Ladies, die mit ihren Kostümen auf ihren Hochhakigen an ihm vorbeirauschen. Früher konnte ich das auch, in energischem Schritt in den Stöckeligen durch Hallen und Flure sausen, als wäre ich wichtig, hätte Bedeutsames zu erledigen, oder so. Dann hab ich die Dinger ausgezogen und mich anderem zugewandt. Und so ist Gott also mit meinem neuen Ich unterwegs, mit mir - die in Kinderstiefeln voranstürmt und ... Du hast Schlammspritzer an der Jeans, lässt er mich von hinten wissen. Ich weiß, der Chief und ich haben heute morgen den Umweg durchs Feld genommen, erkläre ich. Bei dem Wetter, sagt Gott. Und wir machen uns gemeinsam auf und gehen durch diesen fürchterlichen Gang, in dem es immer nach altem Rosenkohl riecht, ganz schmal ist der - Hauptsache niemand kommt einem entgegen - und ganz enge Türen gibt es, alle mit so einem kleinen Fensterchen im oberen Drittel. Fehlt nur noch, dass Hannibal Lecter und seine Freunde dahintersitzen, murmel ich und lege einen Zahn zu. Dann kommen wir beim Verw. Direktor vorbei, so steht es an seiner Tür. was meinst du, bedeutet das, Verwirrt?, frage ich. Verwahrlost?, sagt Gott. Und in diesem Moment geht eben die Tür beim Herrn Direktor auf, und ein Mann tritt uns gegenüber, auf den beide formulierte Vermutungen zutreffen könnten. Wir verkneifen uns ein Grinsen und grüßen höflich. Dann erledige ich mit der netten Frau, was es im Keller zu erledigen gibt, und es geht ab nach oben. Am Erbauungsbrett, baue ich mich an einem weiteren Satz auf: Auch der schlimmste Tag hat nur 24 Stunden. Gut so. Okay, sage ich dann zu Gott. Jetzt haben wir's erst mal für heute, jetzt hast du frei. Prima, sagt der, endlich! Ich nicke. Gucken wir heute Abend zusammen Fernsehen?, frage ich dann. Mal sehen, sagt er etwas zögerlich, denn - klar, in die Glotze gucken? Kann ich auch allein. Aber - es kommt der französische Film über einsame Menschen! Ich würd ihn lieber nicht allein gucken. Gott seufzt. Französische Film ..., sagt er, folgen ihren eigenen Gesetzen, ergänze ich. Und wenn es nicht gerade Amélie ist, bin ich eigentlich immer dabei ... Die Franzosen, im Herz, im Magen und im Kopf! Selbst wenn ich nicht Charlie bin, freue ich mich, wenn wir es alle sind - ein wenig. Danach kommt übrigens This is England! Und das Beste? In der TV-Zeitschrift steht, sie drehen die Serie weiter. Über einsame Menschen. Und das war aber auch überfällig - nach dem grandiosen Weihnachten, das Lol und Woody im Hospital hatten. Ja, nickt Gott. Fernsehen, sagt er. Okay, also. Bis dann, bis später, sage ich. Vielleicht, mal sehen, sagt Gott. Und wir trennen uns und fahren schnell in unterschiedliche Richtungen davon. Schließlich will man auch mal ganz für sich sein.


~

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen