Donnerstag, 11. Dezember 2014

Unfälle



Inès. Maschine
Wie siehst du denn aus?, fragt Gott, ich zucke die Achseln. Kleiner Unfall. Gestern Abend hab ich noch ein wenig mit Monsieur in der Küche rumgeflachst, er musste niesen, ich wollte ausweichen, wagte einen Schritt rückwärts, stolperte über die geöffnete Spülmaschinentür, rettete mich als Impatienstyp flink durch eine seitliche Drehung und knallte so lediglich mit der Ferse vor die Maschine, tja, und mit der Stirn vor den Küchenschrank. Blöd! Aber Monsieur hat glatt das Niesen vergessen - bei so einem spektakulären Ausweichmanöver. Und die Maschine?, fragt Gott für meinen Geschmack etwas zu wenig mitfühlend. Alles prima, keine weiteren Schäden bis jetzt im Haushalt, die Klappe ist nicht abgebrochen, beruhige ich den miserablen Heimhandwerker, der erleichtert nickt. Schließlich sollte nicht noch mehr kaputt gehen. Ich bin ja quasi über die Lade hinweg vor den Schrank … Sehr gut, sagt Gott, ich kommentiere das nicht.
Daraufhin fahren wir schnell beim Doc vorbei, der wollte mir etwas mixen. Er sitzt im Dustern und schmollt, ich setze mich zu ihm. Wieso sitzen wir eigentlich im Dustern?, frage ich irgendwann. Viel interessanter finde ich die Frage, wieso ist es hier eiskalt?, antwortet er darauf. Genau! Da merke ich es auch, wieso ist es hier eiskalt? Ein Unfall, sagt der Doc, die Pumpe läuft, aber der Druck stimmt nicht, der Mann der es reparieren wollte, hatte einen Unfall. Ich gebe mich mitfühlend, denn eine kalte Bude, besonders wenn man Patienten behandeln will und drüben im Frauentrakt (ja, Ayurveda trennt die Geschlechter, wie es sich gehört) eine Massagefortbildung gegeben wird, ist das recht kontraproduktiv? Massage-Entspannung in sibirischen Verhältnissen. Nur für die Abgehärteten, tja. 
Inès. Mütze.

Ich stecke das für mich gemixte Elixier ein, und wir fahren weiter. Gott stellt die Heizung höher, da war es aber kalt, sagt er und reibt sich die Hände. Ich ziehe mir die Wintermütze tiefer über die Stirn, das hält warm und verdeckt die blaue Beule. Vor allem aber sehe ich dadurch schlecht, es sieht einfach kecker aus, wenn man sich die Mütze schräg über den Kopf zieht, aber ständig laufe ich im Winter Leute um, weil ich sie auf der einen Seite nicht sehen kann, eingeschränkter Blickwinkel. Setz die Mütze wieder ab, das ist zu gefährlich im Verkehr, warnt Gott. Wir fahren weiter, fahren von einem Dorfkiosk zum nächsten, schließlich ist heute Donnerstag, und wir müssen noch eine ‘Welt’ ergattern. Kunst! Ich bin gespannt. Das hat hier überhaupt keinen Sinn, behauptet Gott nach dem 5. Versuch und beißt in einen Schokoriegel, den er sich im vorletzten Laden gekauft hat, in diesem Kiosk hat er einen Cappu mitgenommen. Macht doch keinen Sinn hier. Die gibt’s hier nicht!, sagt er beim Einsteigen, und ich werfe ihm einen Blick zu, schließlich erinnern wir uns, welch unvorstellbar blöd-bösen Behauptungen über diese Region bereits verbreitet wurden. Es ist wirklich sehr traurig hier, räume ich ein und gebe Gas, Gottes Cappuccino schwappt über, er flucht. Und dann ergattern wir doch noch ein Exemplar bei Conny, und wir alle freuen uns, dass wir in solch provinzieller Beschränktheit doch noch Zugriff auf Geistesnahrung bekommen. Immerhin! Eventuell diesmal sogar von einem gewissen Wert. Dennoch bin ich auf den ersten Blick enttäuscht, Frau Sherman hat das Format der Zeitung nicht geändert. 
Inès. Sonntagszeitung.

Die Blätterei bleibt eine Herausforderung. Und dann klopft Gott mir an der Ampel im Dorf auf die Schulter, guck mal, sagt er, da winkt einer. Und ich freue mich, bei der ganzen Welt-Sucherei hab ich ihn ganz vergessen. Den hab ich rumgekriegt, lasse ich Gott wissen. Erst hat er immer nur sonderbar geguckt, aber jetzt winkt er mir schon immer als Erster, ganz netter Mann ist das. Gott nickt. Männer mögen das - Winken, lasse ich Gott aus meinem reichen Erfahrungsschatz wissen, schließlich basiert dieses Wissen auf jahrzehntelangen Feldstudien. Die Erfolgsquote liegt bei quasi allen Probanden aller Altersklassen bei weit mehr als 90%. Ich hab mal einem Schweden auf der Autobahn gewinkt, sage ich. Wirklich?, fragt Gott uninteressiert. Ich seufze. Wir haben uns dann zufällig auf einer Raststätte kennen gelernt, er war sehr nett. Und sehr reich. Er sah aus wie Ron Wood, und ich bin ihn monatelang nicht mehr losgeworden. Da wird man vorsichtig; als Frau, sage ich weise. Einfach nicht so oft winken, rät Gott, winkt aber nun selbst dem netten Bauarbeiter. Ich auch noch einmal, dann donnert’s, es gibt ein Wintergewitter und irgendwo einen Unfall, wir fahren an die Seite, weil die Sirenen von Polizei und Rettungswagen freie Bahn fordern. Für uns geht’s ab nach Haus. Wo umgehend das Werk der Kunst aufgeblättert wird. Damit ich es im vorliegenden Format nicht wieder zerfleddern muss, lege ich es ehrfurchtsvoll auf den Tisch. Hübsch, nicke ich, wiege den Kopf. Ich mag sie, sie sieht nett aus, aber ... das Projekt ... Es gibt also nur Bilder von ihr, stelle ich fest. Cool, sage ich. 'Gesichtsverstecke' zitiert Gott, der mir über die Schulter linst. Er ist es nicht gewohnt in so einer kunstfernen, intellektuellenfeindlichen Umgebung zu existieren. Er ist ja auch nicht freiwillig hier. Ich erinnere mich an die als angeblich schockierend angekündigten Puppenbilder. Also blättre ich flink vor. Findest du zerrupfte Puppen eigentlich schockierend?, frage ich Gott. Ach, …, sagt der. Ich nicke. Ein Blick in ein Kinderzimmer ist immer wieder aufs Neue eine Inspiration.
    

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