Samstag, 20. Dezember 2014

The place to be


Du hast hergefunden, ich gebe mich beeindruckt. Kaum, sagt Gott, dreht sich um. Es gibt hier ja nicht mal eine Straße, sagt er, ich nicke. Scheiß auf Asphalt, sage ich. Scheiß auf Asphalt, wiederholt Gott ganz ohne den Enthusiasmus, den ich in meine Stimme gelegt hatte. Hier ist das Ende aller Zivilisation, male ich den Teufel erfreut an die Wand. Gott schaut auf den Schlamm an seinem Auto. Das gehört aber natürlich zum guten Ton, kläre ich ihn auf. Wie in England, spend your weekend in the countryside. Dreck am Wagen ist der Beweis. Schön, sagt Gott, denn das hat schließlich schon geklappt. Also drehen wir uns um. Schönes Haus, Gott nickt, nun scheint er beeindruckt. Herrenhaus. Ich nicke. Wir wohnen aber in dem kleinen Stall, sage ich, Gott schweigt. Es ist größer als man denkt, komm, ich zeig's dir. Und wir gehen rein und ich zeige ihm, dass wir sogar auf zwei Etagen leben.
 Und man kann rausschauen und sieht keine Nachbarn!, sage
ich. Ich mag nämlich Nachbarn wirklich gern, wirklich. Und wir haben auch sehr nette Nachbarn. Aber muss man ihnen ständig in die Bude schauen? Brauch ich nicht. Sehr idyllisch, gibt Gott sich verständig. Abgelegen, präzisiert er. Und da es ihm eventuell hier nicht ganz so gut gefällt wie mir?, das ist eben für die happy few, belehre ich ihn, fahren wir zum - place to be!
Dort sind nur die Schönen und Reichen, sage ich. Vor allem jetzt, so kurz vor den Festtagen. Ich liebe all die alten Damen im Nerz, viel zu stark geschminkt, flanieren sie am Stock durch die Stadt - wie in alten Zeiten. Und am Abend, bevor man diniert, geht’s zum Friseur, und während Madame sich die Haare von einem Jüngling shampoonieren lässt, sitzt Monsieur mit einer Zeitung daneben und liest. Gemütlich, nickt Gott. Wieder so ein Moment, in dem wir uns einig sind. Das gibt’s sonst gar nicht, sage ich. Bei Mike Leigh gäb’s das bestimmt auch, spekuliert Gott. Stimmt! Denn - zwischen ganz oben und ganz unten gibt’s wahrscheinlich gar nicht so viele Unterschiede. Nur die Mittelschicht ist bourgeois ! Und - wie sagt es Flaubert? “J'apelle bourgeois quiconque pense bassement.” Exakt! Und gut, der Champagner würde fehlen. Du musst einfach mal wieder einen grandiosen Skandalroman schreiben, überlege ich. Die Kunst wie die Moral erschüttern. Heute käme das gut an! Die Welt wäre auf deiner Seite, behaupte ich. Oder verschwöre sich erneut gegen mich, sagt Gott. Aber wir kämen aus der Langeweile raus, gebe ich zu bedenken. Kenn ich längst nicht mehr, sagt Gott und flucht, weil er wieder über Rumpelstraßen fahren muss. Stop hier mal, rufe ich, denn? 

Vorher machen wir mal einen schönen Strandspaziergang. Und kaum angekommen, macht Gott ein paar Faxen und ein Foto. Ich hab doch noch gar nicht... Wir sind doch gar nicht aufgestellt. Passt, sagt er. Und dann flanieren wir zwischen all den Reichen durch die Stadt, Gott gefallen ein paar Schuhe für 600 Euro. Doch! Die sind chic! Und ich sehe eine Bluse, die kostet 479, Euro. Gott gefällt sie nicht, also vergessen wir die. Und da am Ende eines schönen Ausflugs immer etwas gegessen wird, wir gehen in eine Art Kneipe, wo es sicher kaum Touristen hinverschlägt. Gott gibt sich indisponiert. Was ist los?, frage ich. Die sehen hier alle aus wie Schwerverbrecher, sagt er. Und wieder nicke ich begeistert. Ein kleines Kontrastprogramm, sage ich. Die Typen hier - mit den irren Tattoos haben alle gute Laune, bestimmt ist ihnen letzte Nacht ein großer Coup gelungen, spekuliere ich. Oder sie planen was Großes, rätsel ich weiter. Und die Frau hinter der Theke ist die Patin, sagt Gott und schaut nicht zu ihr. Ich lache. Die Frau hinter der Theke kommt kurz darauf an unseren Tisch und serviert uns einen Vorspeisenteller. Gott schüttelt den Kopf, haben wir nicht bestellt! Geht aufs Haus, sagt die Frau und zwinkert ihm zu - dem alten Schwerenöter. Siehst du, sage ich. Die Franzosen sind nett! Alle! Also. So gut wie. Die meisten eben. The place to be. Greif einfach zu, hier ist’s lecker. Gott kostet. Und? Délicieux !, sagt er und lädt gleich nach.   


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