Sonntag, 7. Dezember 2014

Format


Inès. Welt.
Was machst du? Hast du wieder die gesamte Zeitung zerfleddert?, fragt Gott. Tja, heute musste es das normale Format sein, in der Kompakt-Version stand ja nix drin, behaupte ich. Nein?, fragt Gott. Nein, wiederhole ich. Und das war das letzte Exemplar, das musste ich einem frechen 5-jährigen Analphabeten abluchsen. Er wollte es einfach nicht rausrücken, du liest sie doch gar nicht, hab ich gesagt, du kannst doch noch gar nicht lesen. Blöde Kuh, hat er mich genannt, ich räuspere mich, denn sich mit 5-Jährigen streiten ist immer wieder eine unerquickliche Erfahrung. Ich hab ihn nicht beschimpft, beteure ich. Aber es ging noch eine Weile hin und her, bis sein Papa endlich eingriff und meinte, jetzt rück doch mal die Zeitung raus, Junge! Und der ganze Kampf nur um das eroberte Prachtstück zu zerfleddern. Dieses Format, ich seufze, ist echt nur was für, ich überlege, ... alte Säcke. Willst du jetzt den Jusos beitreten?, fragt Gott. Nun, zumindest den zitierten Ausschnitten aus der Rede der jungen Dame könnte man Beifall klatschen, aber für den Verein bin ich eh zu alt. Sie hat aber nicht Unrecht, sage ich, denn die alten Säcke ..., ich sach's dir, wenn die mal weg wären. Kulturrevolution. Wir lassen sie nicht einfach im Hinterland verschwinden, nicht die Äcker mit der bloßen Hand bestellen, nicht in Kohlegruben vegetieren, den Müll sortieren, wir profitieren von ihrem Wissen, machen es uns zu Nutze und dann alles anders. Gott nickt, hockt sich auf den Teppich und puzzelt. Das ist wirklich höllisch schwer, stellt er fest. Heidelberg eben, alles nur grün, grau und rot, verdammt kompliziert! Nichts als Blätterwerk in der rechten unteren Ecke, kein Durchkommen. Ich hab überhaupt keine Zeit zum Puzzeln, sagt Gott, und genau deshalb liegt es ja da, weil keiner Zeit zum Puzzeln hat, puzzeln wir. Logisch. Wenn die Sherman kommt, am Donnerstag? ändert sie hoffentlich erst mal das Format der Zeitung, sage ich. Künstlerisch natürlich, so dass man es kaum mehr als Zeitung erkennt. Aber auch kleinere Menschen mal einen Blick hineinwerfen können. Glaubst du das mit den Bildern?, frage ich. Was, fragt Gott und legt ein Teilchen richtig an. Bravo, lobe ich, dass sie niemals ein Selbstporträt geschossen hat, fahre ich dann fort. Das hat sie gesagt, ich hab mal ihre Sachen in Düsseldorf gesehen. Versteckt sich doch jeder - im Selfie-Kosmos - hinter einer Pose. Wer kann schon er selbst sein? Wer will das denn? Aber, sagt Gott, hält eine Puzzleteilchen in die Höhe, ich schaue vom Sofa zu ihm herunter, und er erklärt zu mir herauf die Welt von Cindy Sherman ganz neu. Ich höre zu, denn - das ist okay. Wollen wir jetzt Lady Vengeance gucken?, frage ich dann, draußen wird's schon wieder dunkel. Lieber Oldboy, sagt Gott.



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