Freitag, 26. Dezember 2014

En passant



Bevor wir endgültig die Rückreise antreten - müssen, denn ich bin dagegen - gibt es noch einen letzten Weihnachtsspaziergang an einem meiner Lieblingsstrände. Und meine Winterjacke hat sogar wieder ihre ursprüngliche Farbe angenommen, sehr gut. 
Was hältst du jetzt eigentlich von Coline?, frage ich Gott. Sie trägt Schlappen und einen zerlöcherten Pullover am Weihnachtsmorgen, antwortet der vage. Ich nicke, denn Coline ist: Richtig tough, sage ich zufrieden. Die macht, was sie will, der ist es völlig egal, was die anderen denken. Und sie ist eine der liebsten und aufmerksamsten Personen, die man sich vorstellen kann. Perfekt. So zufrieden sollte jeder sein, überlege ich. Daran werden wir arbeiten, prophezeie ich. Aber zieh dir nicht solche Sachen an, sagt Gott, Monsieur nickt. Gestern Abend hab ich mich noch auf die Schnelle quasi en passant verliebt, lasse ich die zwei Nörgler wissen. Wie denn das?, fragt Gott. Du bist doch gar nicht mit in die Bar gekommen, sagt er. Ah! Non ! Wo die scharfen Typen sind, da war ich tatsächlich nicht noch mal. A propos ? Wie läuft es mit der Patin?, frage ich, denn die Patin ist auch so eine Frau, die sich ganz sicher nichts sagen lässt. Ach. Sie ist eine Diktatorin, seufzt Gott. Ich nicke, sie hat einen ganzen Stall voller scharfer Männer zu befehligen, da muss man schon hart durchgreifen, bin ich mir sicher. Da kann man keine Rücksichten auf Befindlichkeiten nehmen, da muss man wissen, was man will. Aber - sie sieht verdammt gut aus, sage ich. Für ihr Alter, sagt Gott, der in seinen schlimmsten Momenten immer noch in Schablonen denkt. Der Typ auf der Straße in Le Touquet sah auch verdammt gut aus, sage ich daraufhin. Für sein Alter, füge ich an und seufze schwer, denn das Alter ..., es macht nicht nur die Frauen alle alt, hässlich und verblödet. Und der nun, er hat mich angeschaut, als würde er mich kennen, so ganz erfreut, er hat gegrüßt. Und dann so ... Wie es halt so ist, Monsieur nickt grimmig. Und er sah aus wie dieser französische Schauspieler, der so gut aussieht, wie heißt der noch? Richard Bohringer, sagen die Messieurs, denn sie kennen sich aus. Und liegen richtig. Es sind diese ganz kleinen Momente, die das Leben schön machen, behaupte ich. Und ernte einen ungnädigen Blick von Monsieur. Doch, lasse ich mich nicht beirren, es ist wie in den Bildern von Doisneau, und da ich mir in Frankreich einen neuen Band von ihm gekauft habe, zeige ich gleich mal eins meiner Lieblingsbilder in die Runde. Ist es nicht herrlich?, frage ich, das Glück in einem Gesichtsausdruck, in einem Moment, en passant eben. Aber dann müssen wir fahren, Abschied nehmen von Frankreich, was könnte schlimmer sein? Immerhin - morgen kommt Wins, mal sehen wie

das Chaos sich gestalten wird, ob das gut geht? Mit zwei Hunden? Mit dem Chief? Ich glaube, sage ich, ich hab schon wieder Fieber. Ist nicht wahr, sagt Monsieur schaut mich an und zündet den Motor. Doch, sage ich. Ich hab dir gesagt, nimm die Medikamente weiter, sagt Monsieur, der gern vernünftig ist. Aber ich war so vernünftig dieses Jahr, ich bin nicht mal über die Felsen gekraxelt und so auch nicht ins Wasser gestürzt wie letztes Jahr. Das ist nämlich sehr gefährlich, wenn unerwartet schnell die Flut alles versinken lässt. Und man in Panik gerät, nicht richtig hinschaut, die Beine schon knietief im Wasser und dann ausrutscht, stolpert und ... Pitschepatschenass aus dem Wasser gezogen wird. Es muss dieses Jahr so eine Art Reisekrankheit sein, spekuliere ich, denn in Frankreich ging's mir gut, wirklich. Vielleicht hätte ich tatsächlich nicht aufhören sollen, die Medikamente zu nehmen? Tja, Fieber auf der Autobahn, was soll's, sage ich. Gott seufzt.


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