Sonntag, 16. November 2014

Wissen


Wissenschaft. Faszination! Wie immer bin auch ich hin- und hergerissen, von dem einen Wunsch beseelt: Zu wissen. Nachdem ich mich an diesem trüb regnerischen Morgen flugs in meiner Lieblings-Sonntagszeitung in der kompakten Form wieder etwas schlauer gelesen habe, wende ich mich Gott zu. Möchtest du, dass ich zwanzig Jahre jünger bin?, frage ich. Nein, sagt der. Ich überlege, wie alt wäre ich dann überhaupt? Ach, das wär doch gar nicht schlecht. Noch mal einfach halb von vorn anfangen! Warum nicht? Doch bevor ich rumphantasiere, was ich dann alles anstellen würde, wende ich mich lieber wieder dem Thema zu, denn? Das war aber die falsche Antwort!, stelle ich fest. Was stimmt nicht mit dir?, frage ich Gott. Du musst dir die Frauen jünger wünschen. Gott seufzt. Viel zu anstrengend, sagt er. Hier steht auch, fahre ich fort, Frauen lügen sich kleiner und dünner. Männer lügen sich nach oben. Was heißen soll, sie machen sich und ihr Gehalt größer. Ob Frauen auch behaupten, sie würden weniger verdienen, als sie tatsächlich verdienen, steht hier nicht. Allein diese Aufstellung ist doch schon komplett absurd. Oder? Machst du dich auch gern dicker - beim Online-Flirten?, frage ich nach. Einfach mal ein paar Kilo mehr draufgelegt? Mehr Mann! Ich flirte nicht, sagt Gott. Okay, das ist wirklich ... Sehr lobenswert? Hier steht auch, Frauen stehen auf den Pfau-Typ, den Handicap-Mann, der sich so einen Protzschwanz leistet. Obwohl man ihn nicht wirklich brauchen kann. Einen, der hohen Status signalisiert. Wen haben die bloß befragt bei ihren Studien?, rätsle ich. Und Männer mit markantem Kinn sollen einen hohen Testosteronlevel haben, auch das scheint nicht immer gut anzukommen. Ich hab kein markantes Kinn, sage ich und reibe mir über das Kinn. Du hattest einen Unfall, sagt Gott. Ich nicke. Trotzdem, mein Testosteron fließt nicht ins Kinn, und für eine Frau hab ich ein Menge davon. Der einzige Ausrutscher bei den Werten. Was zu der generellen Frage führt, ob mir deshalb der Weg der allumfassenden Liebe zuweilen so beschwerlich scheint? Zu viel Aggression. Wegen der Hormone und nicht etwa wegen des Charakters? Oder trotz des Frau-Seins. Was macht das überhaupt genau aus? Egal, denn für Frauen ist - laut Studie - eh alles einfacher. "Der sicherste Weg für eine Frau, sexuell attraktiv zu wirken, war jedoch laut den befragten Männern, mit fast 7 von 7 Punkten: Wenn sie dem Mann einfach sagte, sie wolle Sex mit ihm." Aha. Im Sinne der Wissenschaft frage ich umgehend bei meinem Probanden nach. Wir kennen die Antwort indes vorab. Etwas stimmt nicht mit uns, folgere ich. Mit mir stimmt alles, behauptet Gott. Bei mir ist alles bestens, sagt er. Nimmst du mich ernst, frage ich nach. Das sind schon wissenschaftliche Erkenntnisse hier. Von Belang, sonst würden sie ja nicht überall gedruckt. Und überhaupt - wie früher auch, wurde mal wieder alles vornehmlich an der Frau erforscht? ManN versteht die Frauen einfach nicht - im echten Leben, sie bleibt ein Rätsel. Aber die Wissenschaft entschlüsselt sie, liest in ihr - wie in einem Buch! Erinnern wir uns an die soziokulturelle Geschichte des Blicks. Da wurde aufgezeigte, wie der Körper wahrgenommen wurde, der weibliche versteht sich. Es gibt dazu so ein wunderschönes Gemälde! Ärzte, die sich mit Lupe vor dem Rätsel der Weiblichkeit die Köpfe zerbrechen. Von wem ist das noch?, frage ich, aber Gott weiß es auch gerade nicht. Objektzerlegung im Namen der Wissenschaft. Und bedenken wir ebenfalls, dass ein Gedanke zunächst immer sich selbst folgt. Man glaubt, etwas zu wissen. Und beweist das dann auch. Es ist immer sehr kompliziert, sage ich, Gott nickt. Und verwirrend. Denn z. B. Rectify! Gott seufzt wieder. Also, das wurmt mich, sage ich wie die vielen Male zuvor. Alle finden das so toll! Findest du es auch toll?, frage ich nun eben auch zum wiederholten Male. Und zum wiederholten Male sagt Gott:  Ich werde dir deine Meinung eh nicht ausreden, denk selbst, das ist es doch, was du willst. Hmm. Hab ich ja schon. Und mich nebenbei ein wenig umgeschaut und dieses Zitat gab mir wirklich noch mehr zu denken: "Mit Rectify transformiert Ray McKinnon das Medium Fernsehen zu einem Medium, das tiefgründige existenzielle Fragen behandelt, die bisher nur der Literatur oder dem Film vorbehalten waren. In gerade einmal sechs Episoden entfaltet diese Serie eine derart emotionale Wucht, dass man als Zuschauer wirklich noch tage- oder gar wochenlang mit seinen Gedanken um Daniel Holdens Geschichte kreist und sich mit den Grundsätzen seiner eigenen Weltanschauung beschäftigt. Rectify setzt mit seiner Thematik, seiner komplexen Dramaturgie, seiner formvollendeten Kinematographie und seinem spektakulären Hauptdarsteller Aden Young neue Maßstäbe für das Fernsehen. Virtuose, mitreißende, überwältigende Serienunterhaltung." (Maria Gruber). Erschütternd. Als hätten wir etwas völlig anderes über den Bildschirm flimmern sehen. Tiefsinnigkeit für Anfänger? Aber jetzt, sage ich triumphierend, habe ich endlich in der NY Times dies gefunden: "For about an episode and a quarter, it’s very good television. But over the rest of its six-episode first season it resembles nothing so much as a bad indie film, the kind of slow and tepid bummer that used to fill Sundance’s late nights and afternoons when it was a full-time movie channel." Und der Herr beendet seinen Artikel mit einem Satz, um den ich ihn beneide! Er schreibt: "You can see where Mr. McKinnon can take it — exploring Daniel’s constant adjustment to his new life — but by the time you get to the end of the season, you may think that you and Daniel have both been through enough." Famos! So kann ich das jetzt aber nicht mehr schreiben. Bedauerlich! Wolltest du nicht mehr auf nichts und niemanden achten, wenn es um deine Meinung geht, beharrt Gott. Exakt! Aber Wissen! Wenn es doch alle besser wissen. Und mir dann endlich mal einer so aus der Seele spricht ... 
    

~

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen