Sonntag, 9. November 2014

Orientierung


Ausflug.
Mit 3 älteren Herren
Machen wir also einen Ausflug, es ist Sonntag! Und weil man am Sonntag viel zu viel machen kann, entscheiden wir uns für eine kleine Tour with the  dogs, da wollen wir hin. Okay. Ahnungslos fahren wir stattdessen in die entgegengesetzte Richtung. Genau, blöd! Monsieur und ich haben momentan ein paar schwere Aussetzer, letztens haben wir True Detective geschaut. Wir haben mit der dritten Folge angefangen! Und danach selbstverständlich gefachsimpelt. Beginnt gar nicht so schlecht, hab ich gesagt. Ja, hat Monsieur zugestimmt. Bisschen verwirrend vielleicht. Schon, für eine erste Folge … Und so weiter. Nun, manchmal braucht selbst der Experte ja etwas länger, um Fehler zu erkennen und sie zu korrigieren? Auf alle Fälle, egal, mit welcher Folge man anfängt, die Serie ist klasse! Zurück zum Ausflug. Da wir ja nicht wissen konnten, dass wir gänzlich falsch gefahren waren, haben wir ein nettes Pärchen gefragt. Nein, sagte der Mann, das Weidenpalais? Davon habe ich noch nie gehört. Hast du davon schon etwas gehört, fragte der Mann die Frau, das klingt ja interessant. Seine Begleiterin indes gab sich ratlos. Also fragte ich eine distinguierte ältere Dame mit Hut, anscheinend wohnt sie im Schloss, ist gräflicher Herkunft womöglich. Da müssen Sie sich irren, sagte sie. Von einem Weidenpalais müsste ich wissen. Wir wohnen ja hier. Okay, kaum daheim, habe ich also recherchiert. Na gut, schön, fahren wir einfach das nächste Mal in die komplett andere Richtung. Und schade, denn dieser Ausflug hätte sich tatsächlich bereits heute angeboten. In dem hübschen kleinen Städtchen vor unserem eigentlichen Ziel war heute nicht nur Weihnachtsbäckerei und Adventsausstellung, sondern auch verkaufsoffener Sonntag. Und dort ist ja neben meiner Lieblingsboutique auch noch der schöne Tee-Laden. Wir hätten also bei Krishna Tulsi-Tee kaufen können, sie hätte uns einen Tee gekocht, wie sie es immer tut. Und uns ein paar Bonbons geschenkt, sie ist nämlich so nett, dass man am liebsten ständig bei ihr einkauft. Bloß, ich hab jetzt auch in Frankreich den guten BB-Detox-Tee gekauft. Der ist lecker. Und ja, wir ahnen es, in Frankreich einfach mehr als 5 Euro billiger, die große Kiste! Pas mal, hein ? Okay, trinkst du auch immer deinen guten Beauty Detox Tee, den ich dir mitgebracht habe?, frage ich Gott. Jeden Morgen, lügt der ohne den Hauch des schlechten Gewissens. Wirklich?, frage ich streng nach. Er nickt. Lecker, nicht? Und es wirkt, sagt er. Oh ja, man spürt es förmlich. Die ganze Lügnerei. Und gestern fragt mich eine Frau, ob Monsieur eigentlich mit mir zum Yoga geht. Um den Himmels willen!, hab ich gesagt. Auf gar keinen Fall, das wäre ja ... Schrecklich! Wieso, hat sie pikiert gefragt. Ihr Mann geht nämlich mit ihr zum selben Kurs. Würdest du mit mir zum Yoga gehen, frage ich Gott, der schüttelt den Kopf. Auf gar keinen Fall, sagt er, nimmt seine Teedose aus dem Schrank und brüht uns einen leckeren BB-Tee! Hat er etwa doch nicht gelogen? Ich glaub es nicht, bin aber etwas verunsichert ... Ich finde auch, du solltest wirklich nicht mit mir zum Yoga gehen, ergreife ich wieder meinen eigenen Gesprächsfaden. Das wäre ja ... komplett bizarr. Aber dann aber hab ich gedacht, sage ich, da ich ja eine der wenigen Bambus-Strategie-Verfechter bin, ist mir klar geworden, dass es für Monsieur ziemlich gut wäre, zum Yoga zu gehen. Und für dich übrigens auch, füge ich an. Männer müssen, sollen und wollen womöglich sogar immer hart sein, machen auch nur Sport, der hart macht. Fußball, Laufen, Boxen, Schwimmen, selbst Golf, was auch noch einseitig ist, macht hart. Yoga macht weich, Yin und Yang. Es wäre dementsprechend perfekt für euch. Die Chakras, die Wirbelsäule, die Atmung. Beweglichkeit, Leichtigkeit, Schnelligkeit durch Langsamkeit, Konzentration, Aufrichtung. Also hab ich mir überlegt, geh zum Yoga, aber tu es bitte heimlich!, sage ich. Ich will davon nichts wissen. Ich will es mir nicht vorstellen. Ich will davon nichts hören. Ich auch nicht, sagt Gott. Und eben dies hat Monsieur auch gesagt, weil es uncool ist? Weil ich keine Zeit dazu habe, sagt Gott. Hat Monsieur auch gesagt. Ist aber doch gelogen. Gott stellt die Teekanne auf den Tisch und schenkt mir ein, prima! Ich würde es eh ziemlich bald erkennen, die Haltung wird ganz anders. In der Nationalmannschaft macht, wenn ich es recht erinnere, ein Drittel Yoga. Der Lehrer, wie heißt er noch, ist ja übrigens auch ein Mann, hat auf alle Fälle gesagt, dass die meisten wohl für sich entschieden haben, Yoga sei nichts für sie. Für mich auch nicht, sagt Gott. Hast du es schon einmal probiert?, frage ich. Ist Yoga, wenn man nicht gerade in LA lebt, in der westlichen Welt Frauensache? Ist das so? Empfinde ich so? Travestie in mehrfach verdrehter Form? Für Männer zu uncool? Obwohl Yogis mal wieder, auch hier streiten sich die Geister, wohl vornehmlich bis ausschließlich Männer waren, die die Techniken weitergaben. Ob und ab wann Frauen diese erlernen konnten, ab wann sie ihnen (nicht als Einzelne, sondern als Geschlecht) überhaupt zugänglich waren, scheint nicht ganz eindeutig. Und wie es weitergehen soll, wohl auch nicht. Hier z. B. ein Zitat, das Männern - vielleicht nicht mal zu Unrecht? - wenig Gutes unterstellt: “I think that if we do not encourage women, the great Indian traditions will die because the men are not following the Vedic rules and regulations. They are all becoming business people.” (Sri Tirumalai Krishnamacarya) Frauen sind die besseren Menschen, ziehe ich die Konsequenz, Gott
Inès. Verstört.
lacht. Du bist auch nur ein Opfer der Strukturen, denke ich, Yoga ist zu uncool. Lach doch. Vielleicht ist es auch Angst. Vor dem Versagen. In der Rolle. In dem Moment. Man weiß es nicht. Was wäre wenn wir alle keine Meinung haben? Wir können nicht erkennen, verstehen und entscheiden? 

Da durch den patriarchalischen Blick, durch die Strukturen, allumfassend unser Denk- wie auch unser Handelsvermögen oktroyiert und damit vordiktiert ist. Nicht nur Frauen versuchen dann vergebens die eigenen Denkstrukturen zu unterlaufen? Prévert z. B. macht sich lustig: “Feministinnen ziehen immer alles vom Schwanz her auf”, zitiere ich. Von woher auch sonst? Ich seufze, denn die Welt ist böse, sie ist männlichen Strukturen unterworfen. Mit Monsieur mache ich gemeinsame Sache. Selbst Gott ist mein Komplize. Wir machen nur Unsinn. Und sind alle zusammen ausgeliefert. Tragisch. “A woman reading Playboy feels a little like a Jew reading a Nazi manual.” zitiere ich Gloria Steinem. Zitate, in ihrer überspitzten Form verwirren sie einen immer wieder, eröffnen neue Denkhorizonte? Dieselbe Frau sagt auch, “The truth will set you free, but first it will piss you off.” Und damit wären wir - wie ständig - wieder beim Anfang all unserer Überlegungen angelangt. Richtig und falsch. Moral. Wieso wissen die anderen bloß immer, was richtig ist? Wieso kennen die die Wahrheit?, frage ich Gott. Und. Nur ich hab keinen Schimmer? Gott schenkt uns Beauty-Detox-Tee nach.



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