Freitag, 14. November 2014

Energie


In der Mitte des Tages machen wir flink ein paar energetische Übungen unter strenger Aufsicht der Hunde. Wenn keine Zeit zum Trainieren ist, mobilisieren wir die Energie, die Kundalini, wo gerade Platz ist. Und - als könnte es dazu passen - habe ich heute Morgen im Radio gehört, dass man das momentan eigentlich zur  - wie hieß das noch? - Selbstoptimierung, sagt Gott. Genau, zum self tracking - klingt gut, scheint aber sonderbar, alles messen muss. Jeden Schritt, jeden Atemzug, die Hautoberfläche etc. Selbsterkenntnis durch Zahlen. Die man dann auch noch austauschen kann, damit alle auch alles wissen. Dann müssen die, die tatsächlich alles wissen wollen, nicht mehr so viel schnüffeln. Dann werten sie deine Schweißproduktion und -qualität in irgendeinem Büro in - wer weiß schon, wo - exakt aus, während man selbst noch rätselt, wie es wohl um einen steht. Hast du eigentlich deinen Homocysteinwert endlich messen lassen?, frage ich Gott. Alles prima. Wie bei einem jungen Gott, sagt Gott. Schön! Darüber streitet man sich ja auch, wie wichtig der Wert nun wirklich ist. Und was man tun soll, wenn er mies ist. Wie sagt der Herr im Interview? "Nach jetzigem Kenntnisstand ..." Und mehr sollte man wohl nie erwarten, sollen die Nachfahren mit ihrem dann aktualisierten Kenntnisstand doch eines Tages die Werte der Selbstoptimierer neu deuten. Verlassen wir uns lieber auf das Uralthergebrachte. Energie. Letztens sagte ein Doktor, Dr. mult., übrigens, was will so einer eigentlich alles wissen?, frage ich mal nach. Eine Menge, bestätigt Gott. Wusstest du, dass sie die Ehrendoktorwürden auch so zukommen lassen, so unter Freunden, wie man's halt macht, wenn ich dir schon mal einen Gefallen getan habe, solltest du schließlich erwarten können, dass ich auch. So unter Kollege ... So erzählt man, so hört man ab und an, ich weiß es selbstverständlich nicht. Ich auch nicht, sagt Gott. Und räuspert sich. Wusstest du, dass, wenn man mal ein Verfahren an der Backe hat, Sex mit Minderjährigen z. B., und man ist in einer Partei, wird auch hin und wieder beim Fußvolke gemunkelt, reicht ein Anruf eines hohen Parteifreundes beim Innenministerium, und die Akte ist einfach ... Aber das ist nun wirklich Hörensagen, das kann man ja gar nicht glauben! Das wäre ja auch verboten. Kriminell. Mafiöse Strukturen. Kavaliersdelikte! Unerlaubter Sex! Mit Schutzbefohlenen. Männer unter sich - verstehen, wie oft Dinge da schnell falsch interpretiert werden können! Also? Einfach so die Akten verschwinden lassen? Das kann ja nicht stimmen, oder?, frage ich. Nein, sagt Gott. So steht es nur im Krimi. Ja, das schon! Aber im echten Leben, ich seufze. Egal, der Dr. mult., der Alleswisser also, regte sich auf alle Fälle enorm auf, weil er nämlich findet, dass Menschen, die studiert haben, nicht an Energie glauben können. Das widerspräche jedem gesunden, akademischen Geistesstreben. Glaubst du das?, frage ich. Nun, sagt Gott. Und schweigt. Energetisches Heilen, es funktioniert von innen nach außen. Und von oben nach unten, sage ich daraufhin. Wenn der Körper einmal damit begonnen hat, kann es jeder selbst spüren. Die meisten sind nur zu blockiert, um über den Anfang hinauszugehen. Sie warten lieber, bis sie richtig krank sind. Blockiert. Im Körper und man könnte fürchten, woanders vielleicht auch. Hast du's mal mit Bio-Resonanz versucht?, frage ich. Das soll Unsinn sein, sagt Gott, der weise ist, aber längst nicht alles wissen kann. Hier ein interessanter, kritischer Bericht. Nun, bei mir hat es Wunder bewirkt, sage ich und lache. Aber das war sicher nur - Placebo. Alles nur Einbildung. Energie eben! Man braucht aber, das möchte ich noch kurz betonen, einen wirklich guten Therapeuten. Wirklich! Und das ist vorab immer sehr schwer zu sagen. Aber böse fiese Halsabschneider ... die gibt es bekanntlich auch nur in der Alternativen Medizin. Oder erwähnen sie im Bericht, dass drei von drei Ärzten auch ständig zu völlig unterschiedlichen Diagnosen kommen? Schul!medizinisch? Nein? Nun, egal. Was wollen wir jetzt machen, den französischen Lesbenfilm endlich zu Ende schauen?, frage ich. Och, sagt Gott. Ja, der ist lang und sperrig. Die meisten scheinen begeistert. Sonderbar. Ich mochte den mit dem Licht viel lieber, da passierte ja auch nicht gerade viel. Die Frau von oben verliebt sich in die Frau, die unter ihr wohnt. Wie hieß der noch, der mit der Photographin? Den fand ich wunderschön. Weiß ich nicht, sagt Gott. Wollen wir Rectify schauen?, frage ich. Och, sagt Gott. Ja, das ist auch lang und sperrig. Was mich ärgert. Was soll ich dazu bloß schreiben? Wenn etwas nicht schlecht ist. Und nicht gut sein will. Sich nicht anstrengt. Nicht packen will. Nict mitreißen. Wieso bloß?, seufze ich. Der Spannungsbogen wurde in den letzten Jahrzehnten derart überdehnt, dass man durchaus ... Gott macht eine Geste, die so gut wie alles umfasst. Ich nicke. Schon wahr. Das Tragische, der Ästhetik der Langsamkeit Platz einräumen. Aber muss man deshalb vor dem Bildschirm einschlafen? Kennst du This is England 88? Gut, man kann das nicht mit Rectify vergleichen. Natürlich nicht. Aber es geht auch tragisch zu. Dramatisch. Und es passiert eigentlich nichts. Wenig, langsam. Aber England 88 ist? Superklasse! Energie, sage ich. Mach mal an, sagt Gott. Okay.


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