Mittwoch, 26. November 2014

Die MiKris


Hör mal, begrüße ich Gott. An was erinnert dich das?, frage ich und stell mal die Lautsprecher auf laut. Na weißt du, sagt Gott, offensichtlicher geht es ja nicht. Ich nicke zufrieden, denn das dachte ich auch gleich. Wär das also schon mal geklärt? Spirit-Music eben.
Heute, wende ich mich daher einem neuen Thema zu, hat mich tatsächlich jemand gefragt, wer du bist. Gott schüttelt resigniert den Kopf, und auch ich runzle in der Erinnerung missbilligend die Stirn. Ein Klassiker, sagt Gott, das bin ich. Ich nicke und zucke nahezu simultan die Achseln. Indiskretion und Ignoranz, da ist es schwer zu entscheiden, was uns mehr auf die Stimmung drückt. Beides erscheint mir sträflich, sagt Gott. Wir sind uns einig. Andererseits ... Sie wissen es ja nicht besser, gebe ich mich großzügig. Du weißt doch, ich zitiere: 'Let us admit it by accepting movement. Let us be static! Be static!'  Wir sind, was wir sind. Und das ist, so moralisch man sich ständig geben möchte, nicht immer das Beste! Glaubst du den Unsinn, den er erzählt, fragt Gott. Es kommt mir vor, als hörte ich einen vorwurfsvollen Unterton heraus. Na, ich wiege den Kopf. Ich mag ihn, sie waren ein tolles Pärchen, schau mal hier, wenn er gleich zu Beginn erzählt, wie sie sich kennen gelernt haben, die beiden sind süß zusammen. Die zwei hatten Ideen! Immerhin. Das kann nicht jeder von sich behaupten. Aber klar, er hat da einen eigentümlich einhämmernden Stil, als wolle er sich erst noch selbst überzeugen. Etwas demagogisch vielleicht. Was soll's. Wir nehmen ihn zur Kenntnis, sagt Gott. Sicher. Wir nehmen so viel, wie eben möglich ist, zur Kenntnis, nicke ich. Vorzugsweise den good stuff. Falsch liegt er ja nicht. Und das mit dem Terrorismus und der Kunst ..., sagt Gott kopfschüttelnd. Ist ja auch nicht völlig falsch gedacht, überlege ich. Obwohl! Als Terrorist folgt man da nicht meist einer Ideologie? Muss sich einer Gruppe anschließen? Das wär nichts für uns, stellt Gott fest. Wir sind uns einig.
Aber ein kleiner moralischer Langweiler bist du schon geworden, sage ich und ernte einen mahnenden Blick. Früher steckte viel mehr Feuer in dir, fahre ich unbeirrt fort. Früher stand ich deshalb auch vor Gericht, sagt Gott, er scheint immer noch fassungslos. Wegen Immoralität, sage ich beeindruckt. Nicht schlecht! Wir schmunzeln. Es waren andere Zeiten, gibt Gott zu bedenken. Ich habe über die Verlogenheit geschrieben, ich wollte lediglich den Blick hinter die Lügen festhalten. Im und durch den Stil! Dazu klatsche ich ihm Beifall. Schließlich wollen das die wenigsten. Ein Pionier bist du, lobe ich, Gott seufzt erschöpft. Aber irgendwann ist auch mal wieder Zeit für etwas Neues, die ollen Lorbeeren, sage ich. Wir sind langweilig, wir sollten etwas Wilderes tun - zwischen all den Wildkräutercocktails, dem veganen, glutenfreien Essen, der Yoga-Praxis. Wir haben nicht mal Waffen, bemerke ich. Nein?, sagt Gott, steht auf, geht zu seinem Schreibtisch, und nimmt aus der unteren linken Schublade einen kleinen Schlüssel. Dann fahren wir mit dem Aufzug in die Kellergewölbe des großen Gebäudes, und in einem der hinteren Säle öffnet Gott einen Schrank, zeigt mir das Arsenal. Primaaaa! Was wollen wir damit anstellen?, frage ich. Gott denkt nach. Stimmt es, dass Madame de Saint Phalle Farbbeutel auf einer Leinwand zerschossen hat, um ihre Wut auf Männer zu zähmen?, frage ich nachdenklich. Das wär auch was für dich, sagt Gott. Aber ich denke lieber noch etwas nach. Such ein paar Waffen aus, sage ich dann. Wir machen Kunst! Wo ist deine MiKris-Ecke? Die Mikris, die liegen auch hier unten irgendwo, sagt Gott und schaut sich suchend um. Die miesen Krimis, wo sind die nur? Ich hab die hier alle aufgestapelt, die braucht ja keiner, stellt er klar. Wir sind uns einig. Wenn du sie gefunden hast, sage ich, nehmen wir sie mit, wir hängen sie in einen Baum. Und schießen darauf. Mal sehen, was passiert. Ein Baum, das Symbol des Lebens - mit Wurzeln verankert im Boden, stabil, beheimatet, geerdet. Die Blätter wie Flügel im Wind. Die Leichtigkeit, Ausgelifertheit an Weite. Die Jahreszeiten, die Witterung. Statt des Laubes - zerschossene Mikris im Novembersturm! Immer noch auf wertvollem Papier gedruckt, so wird es selbst die MiKris eines Tages nicht mehr geben. In einer digitalisierten Welt. Wie am Galgen baumeln sie, verwurzelt in der Dynamik. Ausgesetzte, verdorbene Früchte der Kultur. Der Zyklus des Lebens: sa - ta - na - ma. Die Geburt, das Leben, der Tod, die Wiedergeburt. Wir werden sie nie los, seufzt Gott. Doch, sage ich. Fürs Erste nun schon.



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