Donnerstag, 27. November 2014

Der rechte Winkel


Kategorien. Nichts als rechte Winkel. Alles aus einem Maß. An das die Natur in solcher Linientreue nie gedacht hat. Der Mensch jedoch liebt seinen rechten Winkel, baut ihn um sich herum, baut ihn in den Himmel, fühlt sich darin wohl und denkt unweigerlich um bagatellisiert begradigte Ecken. Und dies am liebsten in Zeiten der Not, der Angst oder der Wut. “Eigentlich”, sagte Inès zu Stefan, “eigentlich bist du die größte Enttäuschung meines Lebens.” Und damit hatte sie sogar Recht, schließlich hatte sie Stefan als Straßenmusiker von einer Bank aufgelesen, um sich ihm dann Hals über Kopf anzuschließen. “Hörst du! Ich wollte was erleben. Ich hab dich nicht gebeten, die Brötchen zu verdienen, ein Auto zu kaufen. Und”, Inès schaute sich um, “diese Wohnung.” Und Stefan, der Diplomat, nickte. Hatte sie nicht, das war wohl wahr. Ganz im Gegenteil hatte sie lautstark protestiert. Hinter seinem Rücken gar intrigiert, als er beschloss, ein solides Handwerk zu lernen, als sich Nachwuchs ankündigte. “Liebst du mich?”, hatte er sie gefragt, und die verwöhnte Inès hatte die Achseln gezuckt. “Bestimmt nicht mehr lange. So ein reaktionärer Langweiler wie du bist”, hatte sie gesagt. Und Stefan hatte sie, wie er es meist tat, toben lassen. Und er war Handwerker geworden. Verdiente die Brötchen für seine stets wachsende Familie und bezahlte das Auto und die Wohnung.
“Intellektuell zurückgeblieben”, dachte Inès, wenn ihr Misha, der große Kerl, auf die Nerven ging. “Bist du wirklich so minderbemittelt?”, fragte sie ihn, wenn seine Rechtschreibschwäche sie nicht in tollpatschig verfassten Liebesnotizen rührte. Und doch saßen sie fast jeden Abend am Essenstisch und Misha diktierte ihr seine Berichte, sie korrigierte seine Notizen, stupste ihn mit dem Ellbogen an und zwinkerte ihm verschwörerisch zu, wenn er dabei war, einen Fehler aufs Papier zu bringen. Und wenn Misha nach einer verwegenen Tour von seinem Crossbike stieg und sich zu ihr hinabbeugte und wieder einmal rätselte: “Was ist das nur - zwischen uns?”, war Inès sich mit der Zeit ganz sicher. “Liebe”, sagte sie und strahlte. Schließlich sollte es jeder, der wollte, sehen können. “Es ist Liebe, Misha”, sagte Inès und nickte, wie er es immer tat, wenn er etwas von Bedeutung gesagt hatte.
Nicolas Caville, den Inès nur Jean nannte, war kein Mann, den Inès liebte. War ein Mann, für den Inès wegen all der sich begegnenden Tragik so etwas wie Liebe empfand. Er hatte ihr sehr dezent seine Aufmerksamkeit zukommen lassen, an einem Ort, an dem Schicklichkeit und Anstand nichts zählten. Während sich die Frauen auf der Bühne auszogen, musste er Inès im Hintergrund mit ihrem Wischmob beobachtet haben. Musste er beobachtet haben, wie Inès mit ihrem Wischmob das Geschehen im Saal beobachtete. Die Bühne, dort, wo sie sich geweigert hatte, die Hüften kreisen zu lassen, nicht in der Mittagspause, nicht am frühen Feierabend, keine langen Nächte wollte sie sich mit all den schnellen Nummer vermiesen. Mit Jean aber war es dann ganz anders. Aufregend. Geheimnisvoll. “Wieso willst du mich nicht? Wenn du für mich zahlst?”, fragte sich Inès. Und steckte das Geld ein. “Wieso willst du, dass ich dir dabei zusehen, wie du unglücklich bist. Spürst du? Wie unglücklich ich bin?”, dachte Inès. Und schwieg, denn in der Beziehung gab es klare Grenzen, die sie nicht überschreiten durfte. Und dann schlug das Unglück erst richtig zu, Jean stürzte vom Balkon, fiel oder sprang, weil er nicht wusste, was er tat, weil er entschied, dass das das Ende war. Weil er schwächer war, als Inès. Oder stärker. Und daraufhin wünschte Inès, Jean hätte sie nie verlassen. Hätte ihr sich erklärt. Sie einfach mit in den Strudel gerissen. Sie wusste es nicht.
Und so traf es sich gut, dass sie aus Jeans Händen quasi direkt in die seines kleinen Bruders überging. Felix Caville schien gesegnet. Er war selbstsicher, nahm sich von dem, was die Welt zu bieten hat, was ihm zustand! Lebte auf der Sonnenseite und war sich dessen bewusst. Und für diesen Lebensstil folgte er den Konventionen und Ansprüchen, die sein Status an ihn stellten. Im Vergleich zu dem, was Misha, was die von Mürnitz’ besaßen, verfügten die Cavilles über ein nicht mal kleines Vermögen. Und Inès nahm staunend zur Kenntnis, wie bereitwillig erst der eine, dann der andere Bruder das Geld der Familie für sie verschwendete. “Bist du dir wirklich sicher?”, fragte Inès Felix und betrachtete die Hausschlüssel, die er ihr gegeben hatte. “Willst du das wirklich? Denn. Wenn ich dort einziehe, wird es fast etwas Ernstes zwischen uns.” Und Felix fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und nickte. “Ich liebe dich”, sagte er. “Aber du hast eine andere geheiratet”, antwortete Inès. Und Felix zuckte die Schultern. “Ich war vorher mit deinem Bruder zusammen”, sagte Inès, und wieder zuckte Felix die Schultern. Sag mir was Neues, schien er zu fordern. “Wenn du mich liebst, wieso bezahlst du mich? Wie eine Hure?”, sagte Inès. Und Felix schaute aus dem Fenster. “Weil du keinen Tag bei mir bleiben würdest, wenn ich es nicht täte”, sagte er dann. Und Inès runzelte die Stirn.





  



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