Mittwoch, 12. November 2014

Das Selbstportrait


Nicht über das Zerwürfnis nachdenken zu wollen, hieß, daran zu denken. An Inès’ Liebe zu zweifeln, bedeutete - simpel gesagt - zu verzweifeln. Eine traurige, fast jammervolle Stimmung war das, und vor allem die langen, schlaflos durchgrübelten Nächte ließen sich auf Dauer kaum überspielen. “Ist sie nicht gerade erst eingezogen? Hängt der Haussegen schon schief?”, fragte der Kollege. “Schwangere und ihre Hormone”, steuerte der andere mitleidsvoll sein Wissen bei. “Mach ihr kein Kind, dann ist der Spaß vorbei. Das haben wir dir gesagt”, grinsten Mishas Teamkameraden beim Fußballtraining ebenso hämisch wie bedauernd. Denn Misha war unaufmerksam auf dem Feld, zu nichts zu gebrauchen, zu abgelenkt, reagiert nicht schnell genug, zu müde, um mit ihnen noch einen zu trinken. “Reiß dich zusammen, Junge. Bring das wieder in Ordnung”, mahnte die Verwaltung.
 

Das Problem war, dass keiner von beiden klein beigeben wollte, Misha aber letztlich wusste, dass er nicht gegen Inès’ Sturkopf ankommen würde. Nach ihrem Streit, nach den Kränkungen, die sie sich so völlig unerwartet und boshaft um die Ohren geschlagen hatten, ging Inès ihm konsequent aus dem Weg. Wenn sie sich dennoch begegneten, sich ein Ausweichen in der Küche oder dem Flur nicht vermeiden ließ, weil es einem Rückzug gleichgekommen wäre, ignorierte sie ihn mit beachtenswerter Entschlossenheit. Und obwohl Misha auf dem Fußballfeld ohne Zögern alles für den Sieg gab, war er in der Beziehung zu Inès nicht gewillt, bis zum letzten Mann zu kämpfen. Oder die traurige Einsamkeit, in der sie momentan zusammenlebten, triumphieren zu lassen. Also ging er eines Morgens in den Blumenladen an der Ecke, wählte acht Rosen aus, und ließ sie sich zu einem Strauß binden. “Acht?”, fragte die Verkäuferin nach, und Misha nickte. Denn es war genau vor acht Jahren gewesen, dass er Inès zum ersten Mal auf dem Schulhof gesehen hatte. Es war kurz nach den großen Ferien, gleich zu Beginn des neuen Schuljahrs, als sie energischen Schrittes zu der Gruppe großer Jungs gegangen war, um ihren Rock zu heben und ihnen ihr Höschen zu präsentieren. Um bei einer Wette mit ihren neuen Klassenkameradinnen ein dämliches Yps-Heft zu gewinnen. Und eigentlich hatte Misha damals gar nicht ihr Höschen gesehen, eigentlich hatten ihm die anderen davon später erst erzählt, 'rosa, mit Schleife und Flügen'. Misha konnte sich eigentlich nur an Inès grüne Katzenaugen erinnern, an ihre Augen, die sie fest zugekniffen hielt, als sie bis zehn zählte. An das Funkeln in ihren Augen, als sie sie öffnete. Die Jungen beschimpfte und über ihren Sieg jubelte. Seither himmelte er das Mädchen aus der Ferne an. “Das kleine Luder”, wie sie von seinen Freunden seither mit einem schiefen Grinsen genannt wurde. “Und eine Karte, bitte”, sagte er zu der Verkäuferin, wählte eine auf einem Pfeil aufgespießte Erdbeere in Herzform als Motiv und schrieb darauf: ‘Against all otts! So war es immer mit uns. Von Anfang an. Pack die Koffer, wir werden etwas Ferrücktes tun. Ich liebe dich!!!’ Und Inès nickte zufrieden, als sie die Blumen in Empfang nahm. Keinen Schritt war sie zurückgewichen, sie hatte sich nicht entschuldigt. Sich nicht erklärt. Und tatsächlich wusste sie immer noch nicht, ob sie wirklich wegen ihres Bauches bei Misha eingezogen war, wieso sie sich überhaupt von ihm hatte rumkriegen lassen. Doch auch wenn sie ihre Gefühle bei bestem Willen nicht durchschaute, sehnte sie sich ebenso wie er nach einer Versöhnung. Und so lächelte sie, als sie die Karte las, strich sich über den Bauch und seufzte. “Dein Papa ist wirklich kein Genie”, stellte sie klar. Doch was bedeutete schon Rechtschreibung, wenn man den Kerl liebte. So also steckte sie die Karte zurück zu den Rosen, stellte diese in eine elegante Kristllvase der von Mürntiz' und suchte die Koffer.

Und als Misha mittags nach Hause kam, taten sie tatsächlich etwas völlig Ferrücktes. Mitten im Freitagnachmittag-Feierabendverkehr starteten sie ihre Spritztour und standen stundenlang im Stau. Stunden, in denen sie sich wie frischverliebt neckten. Und Inès einfach nicht erraten konnte, wohin es gehen könnte. Aber verstand sich das nicht von selbst? “Wir fahren nach Paris”, verriet Misha so auch recht bald, denn natürlich konnte er Inès’ Drängen und Bitten nicht widerstehen. Und Inès strahlte.
Strahlte, als sie im Montmartre ankamen, und strahlte, als sie das Hotelzimmer sah, kltschte vor Freude in die Hände, als sie den Ausblick auf den Eiffelturm erspähte. Und das sollte bis auf einen kurzen Spaziergang durch das Künstlerviertel, bei dem sich Inès spontan in ein angeblich unverkäufliches Selbstportrait eines Malers verliebte, und es ihm mit viel Charme und miserablem Schulfranzösisch für eine horrende Summe dennoch abluchste, das Einzige sein, was sie von der Stadt der Liebe mitbekamen. Inès war rundum glücklich. Sie bestellte sich Törtchen aus der dem Hotel angeschlossenen Patisserie aufs Zimmer. In einer großen Schachtel brachte man ihr die kleinen rosa Törtchen mit Marzipanfüllung, die dunklen Schokotörtchen mit Birne, die giftgrünen Törtchen mit Pistazie und all die anderen Leckereien, die sie unbedingt probieren musste. Die meiste Zeit verbrachten sie im Bett, sie schliefen nach den letzten Wochen endlich wieder sorgenfrei, ohne sich selbst oder dem anderen insgeheim Vorwürfe zu machen. Sie schworen sich, nie wieder so einen ungeheuer dummen Streit zuzulassen, sie hielten sich einfach nur im Arm, um das Glück, das sie hatten, festzuhalten. Bis sich Inès am späten Sonntagabend abrupt aufrichtete und stöhnte. “Was ist?”, fragte Misha besorgt. “Nichts”, antwortete Inès, stöhnte erneut und krümmte sich. “Zu viel Törtchen wahrscheinlich”, sagte sie und biss sich auf die Lippe. “Wir fahren ins Hospital”, sagte Misha, sprang aus dem Bett und setzte seinen Willen eisern und gegen jeden Protest durch. Und wie sich herausstellen sollte, war dieser Entschluss goldrichtig, denn keine zwei Stunden, ein paar deftige Flüche und einen Urschrei, dessen Intensität Inès selbst überraschte, später, gebar Inès eine Tochter. Die Geburt verlief völlig komplikationslos auf einem Gebärhocker vor einem vor ihr knienden, eilig herbeigerufenen Arzt und einer in Französisch auf sie einredenden Hebamme. Und obwohl sich das Baby fast fünf Wochen zu früh entschieden hatte, auf die Welt zu kommen, und die Ärzte sie unter sorgsamste Beobachtung auf der Frühchenstation stellten, war sie kerngesund und von einer so kräftigen Konstituion wie ihr Vater. “Jetzt haben wir eine kleine Französin bekommen”, sagte Inès zu Misha und lächelte. Und der drückte ihre Hand, denn ihm fiel nach den Strapazen dieser Nacht einfach keine Antwort ein.
 



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