Sonntag, 13. Juli 2014

Schweig


Schade, ich habe komplett vergessen, dass ich in den letzten Wochen doch den jeweils schärfsten Spieler eines Spiels ausfindig machen wollte. So macht man es doch bei einer WM. Großen Turnieren. Wettkämpfen. Als Nicht-Fan. Die echten Fans - und es ist ein klasse Song! -, wissen wir ja, stehen rum. Auch schön! Den Plan mit den Männern habe ich dann aber komplett aus den Augen verloren. Was wahrscheinlich auch besser ist, denn es hätte vermutlich nur zu Unmut geführt. Schließlich geht es um Sport! Und nicht ums Äußere. Oder andere Dinge. Und ganz unter uns - alles ist relativ, aber lediglich der Herr Scolari und, klar, die Chilenen wären im Ranking ganz oben aufgetaucht? Und sportlich konnten beide nicht gerade sehr erfolgreich - im Abschluss überzeugen. Na, aber - à propos Chile, da scheint eine besondere Vorliebe für coole Tattoos in der Mannschaft zu grassieren, und irgendwo hab ich mal gelesen, die ältesten Tattoos wurden in Chile gefunden? Weiß ich nicht genau, könnte also Tradition sein, sieht auf alle Fälle gut aus. Und letztens erst verglichen wir hier noch vor dem Kampf gegen den Dings, den ich nicht mag, Herrn Kesslers Körpermalerei mit den sonderbaren Motiven, die sich Herr Groves zugelegt hat. Und bumms ging der zu Boden. Wir sehen es hier. Tja. Und da dieser Tattoo-Vergleich-Gedanke so clever war, wurden dann auch die von den Fußballern gleich in meinem Lieblingsradiosender verglichen. Vor jedem Spiel, ich höre das - allerdings immer nur morgens unter der Dusche - wurden die jeweiligen gegnerischen Mannschaften über die Tätowierungen vorab klassifiziert. Wer gewinnt? Lies es aus der Körpermalerei. Nun. Liest mein Sender etwa meinen Blog? Man spricht dort übrigens auch seit geraumer Zeit mit Gott, auch wenn mir diese Konversationen schleierhaft bleiben. Nun ja, jeder wie er möchte? Ich spreche da lieber mit meinem, könnte aber anfügen, wenn jemand hier mitliest: Lasst doch bitte morgens nur meine zwei Lieblingsmoderatoren ans Mikro, genau, die zwei, die's auch können. Danke. Und - das ist sonderbar, ich dachte immer, den einen mag ich lieber als den anderen. Und letztens habe ich dann festgestellt, stimmt gar nicht, ich mag den anderen viel lieber als den einen. Akustisch. Immerhin. Jetzt müsste man sie sich natürlich näher anschauen. Tattoos vergleichen etc. Egal, interessiert ja niemanden. Schweig ich lieber dazu und spreche mit meinem Gott. "Letztens stand in der Zeitung, 'die Gedenkstätte konnte nur besucht werden, weil ein ganzes Batallion für Schutz sorgte'. Klingt das nicht gefährlich?", sage ich. "Es ist nämlich verboten, die Gedenkstätte zu besuchen. Obwohl sie groß ausgeschildert ist! Und 'verboten' steht nirgendwo, denk ich." "Und?", sagt Gott, der den Ernst der Lage nicht erfasst.. "Deshalb war ich natürlich auch nicht da - mit Monsieur. Weil es ja verboten ist. Und als Monsieur den Artikel las, sagte er: 'Eines Tages komm ich wegen dir noch in den Knast.' Aber das ist Unsinn. In den Knast kommt man nur, wenn man gegen Gesetze verstößt. Nicht wegen mir. Und wir waren ja auch logischerweise gar nicht da." "Gut", sagt Gott.  "Aber", sage ich leise und winke Gott näher. "Wären wir dort gewesen, kann ich dir sagen, da wäre bestimmt eine ganz besondere Atmosphäre an diesem Ort des Gedenkens, ganz sonderbar. Enorm viel Energie. Ein energetisches Feld. Ich spüre das. Ich war ja nicht da!" "Schön", sagt Gott, der mir das mit der Energie nie recht glauben will. Oder den Rest von der Geschichte, also wechsle ich das Thema. "Wo fährst du eigentlich dieses Jahr hin?", frage ich. "In Urlaub." Und ich sehe sofort, dass Gott misstrauisch wird. "Du kannst es mir ruhig sagen, ich komme nicht nach." Hab ich ja gar nicht nötig. "Wir sind eh immer zusammen", sage ich. Und Gott seufzt. "Das ist das Sonderbare", sagt er "das ich noch nicht verstanden habe." Nun, "man nennt es Phantasie", sage ich, wenn man es spielerisch sehen will. Zu verbissen angegangen, wird es schnell zur Psychose. Dann wird's gefährlich. "Also, wo geht's hin?" Und immer noch ist da dieser Argwohn. Der liegt m. E. sehr oft über zwischengeschlechtlichen Konversationen. Simpelste Fragen wie "Wo warst du?" oder "Wo willst du hin?", lösen beim männlichen Gegenüber rasch Skepsis aus. Die Ausfragerei. Überwachung. Und wahrscheinlich liegt das daran, dass Frauen zumeist gut zuhören. Und sich später, wenn die Details nicht mehr zusammenpassen wollen, erinnern. Es ist nämlich so, wichtige Gespräche führen generell ausschließlich Männer. Unter sich. Das ist ja wohl jedem klar. Deshalb sind Gespräche mit Frauen per se unwichtig, so will es dann die Logik. Jetzt dachten sich aber die Frauen, wir wollen auch mal wichtige Gespräche führen, nicht immer nur das Geschnatter über Klamotten, Jungs, bad hair day usw. und sie begannen hinzuhören, den Männern genau zuzuhören. Interessant, dachten sie sich. Was soll da dran sein? Und so zeichneten sie sogleich den Männern die Widersprüche in deren Reden auf. Was wiederum rasch zu Unmut führte. Sagt man nicht: "Weib! Schweig!" Dann gibt's auch keinen Ärger. Doch das Weib wollte nicht mehr schweigen, und so wittern Männer nach all den vielen Jahrhunderten ganz schnell Gefahr, wenn man ihnen eine simple Frage stellt? Zu Recht, denn später könnte jedwede Aussage, gedankenlos dahingesprochen, gegen sie verwendet werden. "Also?", frage ich und tippe auf das Zifferblatt meiner stehengebliebenen Uhr. Die ist nämlich kaputt. "Wohin?" "Möcht ich nicht sagen", sagt Gott. Und ich nicke, weil er so klug ist. Und wir schweigen. "Wollen wir unser Spiel spielen?", frage ich, aber er schüttelt den Kopf. "Wollen wir was lesen? Nein? Wollen wir was kochen? Ins Paradies gehen? Sehen, ob da alles in Ordnung ist? Nach den Gewittern? Nein? Soll ich einfach mal? Kenn ich schon! Die Klappe? Halten? Ja?"


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