Dienstag, 8. Juli 2014

Müll


"Weißt du was", begrüße ich Gott wie so oft, weil ich weiß, dass er Floskeln nicht mag. Und ich begrüße ihn auch nicht, sehr unhöflich, aber ... 
"Schlechte Laune?", fragt Gott und sieht weiter aus dem Fenster hinaus.
"Aber doppelt", sag ich, werf mich in den freien Chefsessel, nehme einen Schluck von meiner eiskalten Coca und trete gegen den Mülleimer. Das dämliche Ding an diesem verhunzten Tag kippt natürlich sofort um und ...
"Sach ma! Was wirfst du da eigentlich alles rein?", frag ich Gott.
"Müll", sagt der, nachdem er sich das Chaos auf dem Boden angesehen hat. "Und wolltest du nicht aufhören, dieses braune Zuckerwasser in dich zu kippen?" Schon, aber bevor man mit dem Finger auf andere deutet, sollte man lieber zunächst den eigenen Müll sortieren, denn? "Wirfst du hier wirklich einfach alles rein? Plastikflaschen, Kippen und Bananenschalen. Und seit wann isst du Bananen", frage ich erschüttert, denn, das sei hier mal am Rande erwähnt, ich weiß nicht genau, wieso, aber Männer, die in der Öffentlichkeit herzhaft in eine Banane beißen, sehen dabei irgendwie immer  sonderbar aus. Bizarr, Frauen brechen sich da eher so ein Stückchen ab. Elegant, aber ... Egal, denn Gott sagt: "Das hier ist überhaupt nicht mein Büro", und ich dachte die ganze Zeit, wir wären hier quasi daheim. "Eigentlich ganz nett hier", sage ich, aber "ich hatte mich auch schon gewundert, dass Menschen, die was draufhaben, in so einem First Class Büro landen", sage ich und sortiere den Müll auf dem Boden weiter. "Wieso bist du gekommen?", fragt er. "Wegen des Gutachtens", sage ich. "Ich hatte heute Morgen Einsicht in alle Akten, der Gutachter kann keine einzige davon gelesen haben. Oder er lässt sie unbeachtet? Ich würd auch ganz gern für Gutachten abkassieren, anderen das Leben schwer machen, und dabei so alles ... aus der Luft gegriffen formulieren. Wen interessiert die Sachlage? Und am Ende denken die, sie kommen damit durch. Denn was abgelehnt wird, akzeptieren ja einfach viele." "Na, du sicher nicht", sagt Gott. "Ungerechtfertigtes Verdrehen der Tatsachen, wie nennt man es noch." Nun, ich könnte sagen, was ich davon halte. Und wie man es nennt. "Gibt es da nicht sogar Gesetze?", frage ich. Und Gott seufzt, denn er weiß, dass "Die Kleinen und Machtlosen...", setzt er an. "Müssen immer erst einen riesen Aufstand anzetteln", nicke ich grimmig. "Bevor man sie überhaupt wahrnimmt. Aber in der Seniorenresidenz sitzt eine Frau, hinten in der Ecke, und an der nehme ich mir jetzt ein Beispiel, die ruft immer: "Kommt her! Ihr Feiglinge! Kommt ruhig!" So, sollen die ruhig mal ... Die Feiglinge. Und dann treffe ich diese andere Frau im Foyer, rede eine halbe Stunde mit der netten Dame und zum Abschied sagt sie zu mir: "Hallo! Wie geht's?" "Ouh", sagt Gott, "bist du wieder heimlich in der Psychiatrie gewesen?" Nein, mein bester Freund bleibt noch eine kurze Weile verschwunden. "Aber", sage ich, und Gott nickt. "Du bist ja jetzt stalkermäßig unterwegs", sagt er. "Der arme Junge", sagt er und wendet sich von dem Fenster ab, das wirklich einen prachtvollen Ausblick über die Stadt gewährt. Und dann räumt er den von mir sorgfältig sortierten, aufgereihten Müll einfach wieder in den Eimer zurück. Keinen Ton sage ich dazu. Muss ja jeder selber wissen. Zukunft. Verantwortung und so. "Und ich bin auch nicht stalkermäßig unterwegs", sage ich, "ich hatte ihm versprochen, dass ich, und ich wollte lediglich ..." "Er fehlt dir", sagt Gott, und ich nicke, denn zwischen dem ganzen Shit der letzten Monate war er ein echtes Geschenk. "Leider ging es ihm nicht so gut, aber es war ein Glücksfall, dass ich ihn treffen durfte", sage ich und reiche Gott meinen iPod. "Hör mal", sage ich, und Gott hört und verzieht das Gesicht, denn - sicher - das ist keine Musik in seinen Ohren. Sicher nicht. "Aber", sage ich lieber gleich, "momentan ist das der perfekte Sound. Hörst du das nicht? Er passt perfekt. Ein steter Quell der Inspiration." Und Gott seufzt. Und versteht wieder nicht. "'Die Umwertung der Dinge' zitiere ich. Erinnerst du dich? Aus Müll kann man alles machen. Betrachtung! Transformation. Kulturelle Lokation und Kontextualisierung. Meinst du, ich kenne das Vokabular nicht? Und jeder Sound zu seiner Zeit." Wir verbleiben diesbezüglich wieder einmal uneinig, aber die sinnlose Müllsortiererei hat meine schlechte Laune verpuffen lassen. Oder der Gedanke an meinen Freund. Den find ich wieder. "Und jetzt komm!", sage ich zu Gott, "du musst mir die Fenster hochschieben. Monsieur hat das heute Morgen hingekriegt, aber beim Fahren sind sie alle wieder runtergerutscht. Ich hab jetzt drei offene Fenster. Und a) ist es bei dieser Witterung dingsdingsdingsbumskalt. Und b) regnet's rein." "Warum lässt du die Fensterheber nicht einfach mal reparieren?", fragt Gott weise. "Weil ich den Wagen brauche. Und die in der Werkstatt wollen den mindestens zwei Werktage haben. Weil's so viele unterschiedliche Modelle gibt. Bei den Fensterhebern. Und Friemelarbeit. Soll's auch sein. Und - was weiß ich. Also muss Monsieur sich erst zwei Tage hintereinander freinehmen. Oder", kommt mir ein wunderbarer Gedanke, "du gibst mir deinen Wagen, das ginge natürlich auch", sage ich. "Dann kannst du hier - ganz gemütlich - im Chefbüro ... Was auch immer." Und er seufzt wieder, will mich bestimmt nur endlich loswerden und reicht mir die Schlüssel. Vom kleinen Flitzer. "Aber!", sagt er. "Fahr bloß vorsichtig. Nicht, dass du ihn ..." "Verschrottest?"


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