Freitag, 4. Juli 2014

Die Therapie


Eine  Zeitlang war Inès auf der Flucht. Eines Tages hatte sie Misha, wie sie es fast jeden Tag tat, in der Klinik besucht. Und auch an diesem Tag gab es keine sonderlichen Vorfälle zu vermelden, alles war wie immer gewesen, unvorhersehbar. “Wie geht es dir?”, hatte sie ihn gefragt, und er hatte ihr Bericht erstattet. “Heute Morgen haben Sie mich schon dreimal in der Stadt aufgegriffen. Schlimme Sache war das, ja. Ganz schlimme Sache. Und was habt ihr heute noch vor?”, hatte er gefragt und mit Manons kleiner Hand gespielt. Und Inès, der die Ärzte empfohlen hatten, sie solle den Patienten nicht in seinen Vorstellungen bestärken, hatte nachgefragt. “Warst du wirklich in der Stadt, Misha? Warst du unterwegs? Du warst doch den ganzen Tag hier. In der Klinik.” “Sicher”, hatte Misha ihr freundlich bestätigt. “Und was glaubst du, was wir für einen Spaß hatten. Hier. Ich und die anderen. Wir haben immer einen solchen Spaß.” Woraufhin Inès nach seiner Hand gegriffen hatte, um sie, bevor sie sie losließ, eine lange Weile festzuhalten. Später am Nachmittag hatte sie Manon ins Auto gesetzt, zwei große Reisetaschen in den Kofferraum gehievt und war mit ihrer beider Tochter und Mishas getuntem Oldtimer aufgebrochen. Ins Nichts. Auf der Flucht.

Um diese simpel zu halten, fuhr sie auf der Karte, die neben ihr auf dem Beifahrersitz ausgebreitet lag, zunächst nach links. Und dann immer geradeaus. Als sie am nächsten Tag ein Meer erreichten, überlegte Inès nicht lange, entschied sich erneut für linker Hand und gab Gas. Folgte einfach dem Meeresrand, über eine, dann weitere Grenzen, bis die beträchtliche Summe an Bargeld, die Inès eingesteckt hatte, trotz aller bescheidenen Ansprüche aufgebraucht war.
Und so wäre dieser spontane Ausbruchsversuch, wie so viele andere auch, beinah am Geld und unzureichender Planung, nenn es miese Finanzlage gepaart mit Kopflosigkeit, gescheitert. Aber Inès weigerte sich, eine weitere Niederlage anzunehmen. Misha war durch eine Tür gegangen, durch die sie ihm nicht folgen konnte. Und nun hatte sie eine andere Tür geöffnet, und sie war nicht bereit, einfach umzukehren. Doch schien ihr auch die Flucht nach vorn verbaut. Zur Reglosigkeit verdammt, setzte sich Inès mit Manon an den Strand und sah auf die Brandung hinaus. Viele Stunden, wie versteinert, in völliger Apathie, oder ganz in ihr Selbst versunken, eine derartige Beurteilung lag im Auge des Betrachters. Und das Schicksal sandte ihr ein Trio aus in bunte Tücher gehüllten Frauen. Und die Dreiergruppe hatte ein gesundes Verhältnis zu den Ungleichgewichten des Lebens. Und eine äußerst aufmerksam geschulte Wahrnehmung, die Feinde der Naturgesetze sowie die Opfer der Asuras (der bösen Geister) umgehend erkennen konnte. Und war es nicht offensichtlich, dass dort eine Seele Rettung suchte? Zwei Seelen, um genau zu sein, schließlich waren Kinder in der Gemeinschaft “Der sechs Funken” heilig, denn sie gelten als rein und frei. Von jeder Schuld.
Und so baten die drei Frauen Inès und ihre Tochter, mit ihnen zu kommen. Und sie führten sie nicht weit vom Meer in einen Garten, in dem ein kleiner Pavillon für die Gäste hergerichtet wurde. Man breitete Tücher über eine Matratze aus, und Inès legte sich nieder und schlief. Und die weisen Frauen saßen neben ihr und gaben Acht, dass sie Ruhe fand, dass keine bösen Geister sich in ihre Nähe wagten. Denn, so will es der Weise: “Derjenige, der in seinem Selbst gegründet ist, lebt ohne Krankheit 36000 Nächte und wird von den tugendhaften Menschen geachtet.” Und Inès schlief und vertraute und nahm die Herausforderung an. Immer wenn sie aufwachte, reichte man ihr ein Glas Mangosaft. “Trink. Um den Körper zu reinigen, um ihn zu nähren. Denn der Mangobaum ist ein Geschenk, das der Himmel einst den Menschen aus Dankbarkeit machte. Einst gerieten die Devas in Bedrängnis, das Böse breitete sich aus, man fand kein Mittel, ihm Grenzen zu setzen. Da baten die Devas in ihrer Not die Menschen um Hilfe, und zusammen schlug man in einer schrecklichen Schlacht das Böse nieder, Blüten fielen vom Himmel, und von da an nährte der Mangobaum die Menschheit. Eine Gabe der Dankbarkeit. Trink.” Und Inès trank und schlief. “Trink. Denn der Mensch leidet an einem Gefühl des Ausgeliefertseins, doch das hemmt ihn nur. In Wahrheit ist er in ein schreckliches Ungleichgewicht geraten, das er selbst nicht erkennen kann. Im schlimmsten Fall der Krise wendet er sich gegen sich selbst. Doch die Schöpfung kennt nur einen Bauplan: die Harmonie der Energien. Trink”, sagten die Frauen zu Inès, “denn die göttliche Frucht lässt dich in deiner Not überwintern. Bis du das Licht in dir zum Leuchten bringst, denn deine Seele ist standfester, als du zu glauben vermagst.” Und Inès trank.  






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