Montag, 14. Juli 2014

Die Straße


Interesse!
Was die anderen wohl treiben
Ich bekomme ja nie was mit. Gleichgültigkeit? Zu wenig Interesse am Gegenüber, an Klatsch und Tratsch? Die anderen ausspionieren? Oder echtes Interesse zeigen? Man weiß es nicht. “Wissen sie eigentlich, wann die Nachbarn von drüben? Mal zu Hause sind? Wie? Im Urlaub? Schon drei Wochen? Nein, das wusste ich nicht. In Irland? Das ist ja schön. Usw.” Gut. Man braucht Quellen, die besser aufpasen. Aber jetzt habe ich doch rein zufällig mitbekommen, wie die Polizei die Gangster aus dem Haus da hinten rausgeholt hat. Oder waren es keine Gangster? Der eine hatte sich überlegt, freiwillig mitzukommen. Der andere war noch bockig beim Einsteigen. Männer in Handschellen, das kennen wir schon. Und keiner übrigens trug Tattoos. Ergo waren es weder Knastbrüder noch Chilenen, denn anscheinend gibt es ja bei beiden Gruppierungen eine besondere Vorliebe für Tattoos? Und bei den Menschen generell für Vorurteile, was es in der Liminalität wieder so spannend macht. Gangster, die nicht aussehen wie Gangster? Ganz normale Typen, die aussehen wie Schwerverbrecher. Kompliziert. Da wird man schnell unsicher. Wie sah eigentlich Kyle damals aus? Ganz gut, glaub ich. Fand er zumindest selbst? Denn man konnte sich ja nicht wirklich auf seine Einschätzungen verlassen. Auf wessen überhaupt? Und er hatte ja diesen bösen Autor, der ihn nicht mochte, der arme Kerl. “Hast du dich wirklich vor Kyle gegruselt?”, frag ich Gott. Und der schaut verdrossen. “Unsinn”, sagt er. “Du hast einfach nur den Text nicht verstanden.” Genau. So war das. Damals. Und überhaupt - zurück zu den äußerlich nicht auffälligen, fiesen Typen, die die Polizei mitnehmen musste. Ich weiß nicht, wieso. Klatsch und Tratsch … Müsste ich mich erst umhören. "Wissen Sie eigentlich? Ja, da drüben, was war da los? Ach!" Aber mir ist eine ganz andere Straße eingefallen. Ganz woanders, vor vielen, gar nicht so vielen Jahren. Menschen zogen in diese Straße, die einst nichts als eine Wiese war. Und sie bauten hübsche Häuschen, legten niedliche Vorgärten an und sie freuten sich, weil alles so neu, so sauber und so schön geworden war. Und alle waren nett miteinander und sie wussten, was gute Nachbarschaft bedeutete. So feierten sie zusammen, Kaffeeklatsch, Geburtstage, Grillpartys, Straßenfeste und wer weiß, was noch alles. Und sie freundeten sich immer mehr an, vertrauten sich Dinge an, begannen sich zu streiten. Und manche sogar mochten sich mehr, als es gut war. Oder gebührlich. So wurden hin und wieder wegen der Gefühle, oder der Hormone die Partner getauscht, Kinder wussten angeblich nicht mehr, wo sie hingehörten, irrten fortan orientierungslos durchs Leben. Und würden nie auf einen grünen Zweig kommen. Immer öfter wurde auf der Straße rumgebrüllt. Weil nämlich? “Das ist kein Umgang für uns! Mit denen darfst du nicht spielen. Usw.” Und es sollte noch viel schlimmer kommen, denn Verdrossene zogen fort, Fremde, aus einem fremden Land, zogen ein und benahmen sich - wie erwartet - anders. Da erinnerte man sich plötzlich an Solidarität, und es wurde so lange getratscht und so viele hässliche Dinge wie Lügen verbreitet, bis - ja, die Frau hat sich dann umgebracht. Und das Unglück zog vollends in die Straße, denn der Mann, dessen Frau ihn immer noch mit dem Nachbarn betrog, ja, die, die immer so viel trank, der ist dann auf der Kellertreppe ausgerutscht. Und da dann ganz elendig, wirklich, man hätte ihn bestimmt noch retten können. Aber es kam ja keiner. Ob er noch gerufen hat? Oder ohnmächtig war, da gibt es mehrere Versionen. Und der andere, der alle betrogen haben soll, der allen Villen in Spanien andrehen wollte, war der das? Also ja, der ist dann ins Luxushotel gezogen, als der Prozess schon lief. Und da hat er sich dann … Ganz brutal muss das gewesen sein. Blutig. Das war für ihn aber auch die einzige Lösung, haben dann alle gesagt. Blieb ihm wohl nichts anderes übrig, der arme Kerl. Und weißt du noch der Mann, der seine Frau erstochen hat? Weil sie sich von ihm trennen wollte. Der hat vorher so viel getrunken, der war quasi unschuldig. Fand zumindest der Richter - damals. Und die die früher, ja Straßenschwalbe soll die..., haben alle so - übersehen. Aussortiert. Ganz höflich aber, immer gegrüßt. Und der Typ, der seine Frau immer geschlagen hat, obwohl er sie liebte. Hat er doch immer gesagt. hat sie ihm doch immer wieder geglaubt. Immer - so viele Unfälle, die Arme. Na ja, Geschichtchen, vielleicht sollte man sie eines Tages erzählen. Einfach so - ohne viel zu forschen, wir halten’s ja lieber offen. Und seit ich noch weniger Zeit habe, habe ich mich ja fürs Nicht-Planvolle-Denken als Kunstform entschieden. Da ich so vorab nicht wissen kann, wie’s werden soll, oder könnte, aber erkennen kann, nee, das war’s noch nicht, müssen wir abwarten. Denn wie sagt man - Liminalität - wenn alles im Fluss bleibt, ist am Ende alles möglich? Mal schauen.



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