Dienstag, 15. Juli 2014

Die Stadt



Ganz auf sich gestellt, ging Inès in einer Großstadt schnell verloren. Und eine Stadt wie Rom, die Ewige, in der - wie es schien - ein einziger permanenter Verkehrsstau die Luft verpestete, die lahmgelegten Fahrer ihrer nörgelnden Verdrossenheit oder ihrem fidelen Übermut mit Vorliebe durch ein Hupkonzert Ausdruck verliehen, verunsicherte Inès, erschien ihr als ein einziges bedrohliches Chaos. Auf der anderen Seite lockte die Stadt mit ihren verwinkelten Gassen, den vielen Plätzen von verzauberndem Charme, mit ihrer ganz eigenen quirligen Lebendigkeit, mit atemberaubender Schönheit, antiken Stätten, Sehenswürdigkeiten. Eine Stadt voller Fallen, und Inès machte sich auf, sie zu erkunden.

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Bett spazierte sie unter einem wolkigen Himmel zum Vatikan. Und sie staunte in den Museen über die Unzählbarkeit, die Pracht, den Prunk der Exponate. Nachdem sie mehrere Stunden zutiefst beeindruckt in den stickigen Sälen verbracht hatte, geriet sie, zurück auf dem Petersplatz, in einen kurzen, heftigen Regenschauer und stürzte auf dem unebenen Pflaster. Woraufhin ein freundlicher Römer ihr umgehend eine Hand zur Hilfe reichte und sie mit vielen “Ah-”s und “Oh”s und “Attenzione!-”s wieder auf die Beine stellte. In einem Souvenirladen kaufte sie sich einen Regenschirm mit dem Aufdruck “Ciao Roma”, den sie später in einem Café vergessen sollte. Sofort brach die Sonne durch die Wolkendecke hervor. Und Inès orientierte sich an ihrem Stadtführer, ließ sich von netten, hupenden Römern beraten, um endlich im viel gepriesenen Modischen Dreieck zwischen der Piazza di Spagna, der Piazza del Popolo und der San Silvestro kritisch die Auslagen in den Schaufenstern der teuren Boutiquen zu begutachten. Schließlich konnte man nie wissen, ob man sich nicht doch das ein oder andere Teil leisten sollte.
Auf der Spanischen Treppe zählte Inès zunächst die Stufen, um bei weit über 80 die Übersicht zu verlieren. Sie setzte sich zu einem Musikanten, warf ihm ein paar Lire in den Hut. Und ließ sich kurz darauf von ihm überreden, mit ihm ein Eis zu essen. “Nocciola”, sagte Inès nach längerem Stirnrunzeln, denn es stimmte längst nicht, dass jeder Italiener Deutsch sprach. Das war aber eigentlich überhaupt kein Problem, zumindest nicht für Inès, die sich prächtig mit dem Musiker verstand. Später verabschiedeten sich die zwei, umarmten sich, als wären sie alte Freunde, und Inès wandte sich nach links, um erneut umgehend in einem Labyrinth von Gassen die Orientierung zu verlieren. Aus dem geöffneten Fenster einer Trattoria klaute sie ein Panino, das mit Rucola, Tomaten und Büffelmozzarella üppig belegt war. Selbstverständlich war das Unrecht, und Inès hatte auch ausreichend Geld in ihrer Börse, um das Brot zu zahlen. Aber es war einfach niemand in dem Laden gewesen, sie hatte sich umgeschaut, gerufen und die Gelegenheit genutzt. Kurz darauf gelangte sie auf eine kleine Piazza, und sie setzte sich an einen Brunnen und betrachtete interessiert die vier unbekleideten Jünglinge aus Bronze, die jeweils eine Schildkröte in die Höhe, an die obere Brunnenschale hielten. “Kunst”, dachte Inès, schlug in ihrem Stadtführer nach und biss in ihr Brot, das widerrechtlich mitgenommen einfach noch viel besser schmeckte. “Angeblich wollte der Herzog Mattei seinem zukünftigen Schwiegervater, der starke Zweifel an ihm hatte, beweisen, dass er ein mächtiger und reicher Mann sei. Daher ließ er vor den Fenstern seines Palasts den wunderschönen Brunnen im Laufe einer Nacht errichten”, las Inès und war wie so oft an diesem Tag beeindruckt. Diesmal von dem Herzog Mattei. “Was für ein zielorientierter Mann”, dachte Inès, stand auf und suchte ein Café. Und aus einem vage Gefühl schlechten Gewissens wegen des vorangegangenen Mundraubs steckte sie dem freundlichen Kellner, der ihr einen Cappuccino servierte, wenig später ein ordentliches Trinkgeld zu. Diese großzügige Geste machte ihn redselig, und er blieb eine kleine Weile bei Inès am Tisch stehen, um der “Bella Signora” mit der Kunst des Flirtens zu imponieren. Eine Spielart des dolce vita, die die Italiener durch beständiges Üben auf ihre ganz eigene Weise, gar nicht mal so feinsinnig, zu ihrer eigenen
hohen Kunst erhoben haben. Und so waren sie abgelenkt, als nur ein paar Meter neben ihnen unerwartetes Gebrüll auf eine Meinungsverschiedenheit aufmerksam machte, die, eine Klinge blitzte in der Sonne des späten Nachmittags auf, kurz darauf ein jähes und blutiges Ende fand. Passanten versuchten den zunächst verdutzten, dann fliehenden Täter zu stellen, andere kümmerten sich um das niedergestochene Opfer. Und Inès trank ihren Cappuccino und dann noch einen, beobachtete das traurige Spektakel, denn die Polizei, auf deren Wagen nicht Carabinieri stand, hatte das Areal abgesperrt. Dann ging Inès, vergaß ihren am Morgen im Souvenirladen erstandenen Regenschirm auf dem Stuhl neben ihr und fragte einen Polizisten nach dem Weg zu ihrem Hotel. “Bella ragazza”, sagte ein kleiner, dicker Kollege vom Angesprochenen keck, und Inès zwinkerte ihm zu, schließlich war man in Italien, am Schauplatz eines Verbrechens. Das schien indes bereits aufgeklärt, das Opfer war längst in ein Hospital eingeliefert, der Täter gestellt, die Tatwaffe noch in der Hand. Und das Motiv? Ein simpler Fall von “Gelosia”. “Eifersucht”, nickte Inès, denn die Liebe und das Temperament führen überall auf der Welt zu den gleichen Dramen. Und Sprachen sind mindestens ebenso kompliziert wie simpel. Man kann hinhören und hinsehen, doch manchmal, das ist das Vertrackte, fehlen einem die Wörter, was niemand zu bemerken scheint. Und Wichtiges bleibt ungesagt. Und dann wieder hat man die Wörter, und weiß nicht, was damit anzufangen ist, weil sie der Sache doch nie gerecht oder einfach überhört werden.

Und als die bella ragazza nach einem langen Tag in der Stadt wieder in ihr Hotel zurückkehrte, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Es war viel zu spät, gut, sie hatte eine Erklärung, sie war Zeugin eines Verbrechens geworden, doch war sie sich sicher, dass diese Entschuldigung unverstanden, wie ungehört, verhallen würde. Sie hatte ihre Instruktionen, einen ganzen Tag konnte sie durch Rom flanieren, Spaß haben. “Mach dir einen schönen Tag, Zucker.” Da konnte sie wenigstens zum verabredeten Zeitpunkt im Hotelzimmer sein. So war es abgemacht, so sollte es sein. Also nahm sie die Treppe zum Zimmer, beeilte sich, lief fast hastig die Stufen nach oben und öffnete außer Atem die Tür. Und Felix Caville stand an das Fenster gelehnt und rauchte. Sagte kein Wort, schaute nicht auf seine Uhr, machte ihr keine Vorwürfe, rauchte einfach, gelangweilt, an das Fenster gelehnt. “Ich war Zeugin einer Bluttat”, sagte Inès, beobachtete Felix' reglose Miene und überdachte ihr weiteres Vorgehen. Eine weitere Falle, die Wörter waren da, aber .. “Eifersucht”, sagte Inès, “es war ein richtiges kleines Blutbad”, sagte Inès, gab sich abgebrüht und erfahren. Warf ihre Tasche auf das Bett, ging auf Felix zu, “Ich bin zu spät”, sagte sie, öffnete Felix Hose, kniete sich reumütig großmütig vor ihn und begrüßte seine phallische Kraft. 






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