Dienstag, 22. Juli 2014

Die Heirat


Von Rom nahmen sie nicht den direkten Weg nach Hause. “Überraschung”, sagte Felix und fuhr nicht weiter in den Norden Richtung Mailand, sondern nahm die Ausfahrt in den Westen. “Drei Tage, nur für uns”, sagte er. “Es gibt so viele Orte, die ich dir zeigen möchte”, sagte Felix. “Romantische Orte.” “Für Liebende erbaut”, nickte Inès, die diese Formulierung beim Durchblättern ihres Italien-Reiseführers aufgeschnappt hatte. Und Felix warf seiner Begleiterin einen Blick zu, dann trat er aufs Gas, als habe er es eilig, sein Ziel zu erreichen.
Doch trafen sie dort wesentlich schneller ein, als erwartet. Oder das Schicksal spielte ihnen einen Streich. Auf alle Fälle waren sie nach einer kurzen Erfrischungspause in einem Café in einem kleinen Ort hinter San Remo kaum in die Hitze des Nachmittags getreten, da fluchte Felix auch schon. “Das Pack”, sagte er und sah sich um, als wollte er es direkt mit diesem aufnehmen. Schließlich war irgendjemand immer Schuld. Sollte zur Rechenschaft gezogen werden. Und tatsächlich sollte sich später in der Werkstatt bewahrheiten, dass man drei seiner Reifen aufgestochen hatte, zu viel Geld am Straßenrand geparkt. Man konnte sich glücklich schätzen, dass der Lack nicht ruiniert war. “Es sind nur Reifen”, sagte Inès leise, wie eingeschüchtert, denn inzwischen kannte sie Felix’ zorniges Temperament, das, ganz anders als bei seinem Bruder, oft und unkontrolliert ausbrach. “Vielleicht ist es ein Glück, Schicksal. Es ist hübsch hier”, sagte Inès, aber Felix schüttelte den Kopf. Er mochte es nicht, wenn seine Pläne durchkreuzt wurden. Und die Verleugnung von Tatsachen, eine Schwäche, die besonders Frauen als Tugend zu pflegen schienen, machte  das Leben nicht besser. “Geh du zum Strand, ich werde das regeln”, sagte Felix. “Ich suche eine Werkstatt, im schlimmsten Fall nehmen wir uns hier ein Hotel”, sagte er, denn jeder fehlgeschlagene Plan wurde umgehend durch einen anderen ersetzt. Und er sah sich um. Ein Ferienort an der Küste, malerisch, aber quasi namenlos, unbekannt auf der Karte der romantischen Orte, unbedeutend für einen Caville. 
Und Inès kaufte sich einen kleinen Snack im Café, hörte, wie Felix telefonierte, hörte seine Wut, winkte ihm zu und schlenderte hinunter zum Hafen. Und wie so oft in der letzen Zeit dachte sie an Jean, an seine ruhige, besonnene Art. An seine Depression. Vielleicht war er früher genauso temperamentvoll, so jähzornig gewesen wie sein kleiner Bruder. Sie wusste es nicht. “Ich halte mich ganz gut, Jean”, sagte
Inès und setzte sich auf einen Felsen. “Aber ich vermisse dich”, dachte Inès, obwohl die Grundregeln im Lehrbuch eindeutig formuliert waren. Gefühle waren in jeder Hinsicht fehl am Platze. Und was immer Inès sich für ein Bild von ihrem Gönner gemacht hatte, es musste falsch sein, verzerrt. Durch die Umstände, durch ihre eigene Wahrnehmung. Durch seine Vorstellungen. Theorie, und Inès war klug genug, sie zu begreifen. Doch was hieß das schon, wenn einem der Puls rast, das Herz in die Hose fällt, es einem eiskalt über den Rücken läuft und der Kloß im Hals festsitzt. Denn alles hat eine solche Macht, wenn man es loslässt, und es einem das Herz zerreißt. Oder man daran festhält, und sich dabei zusehen kann, wie man genüsslich in den eigenen Wunden stochert.
Und weil sich das Suhlen in trüben Gedanken und Befindlichkeiten noch niemals ausgezahlt hat, war Inès erfreut, als plötzlich zwei Typen neben ihr aufkreuzten und mit ihr scherzten. Sie einluden, ihr Komplimente machten. Und Inès lachte unbekümmert und hörte den beiden aufmerksam zu, auch wenn man sich kaum verstand. Und so trieben sie ihr kleines Spiel, scharwenzelten um den Reiz des Flirts, der Ablenkung, bis ein Schatten auf den Stein vor ihnen fiel, und Felix, der Inès gesucht hatte, hinter ihr stand, ihre Begleiter höflich begrüßte. Um sich sodann von ihnen zu verabschieden.

Den Rest des Tages verbrachten sie auf ihrem Hotelzimmer. Und Inès trank Champagner, lehnte die Austern ab. Ging lieber hinaus, stand an die Brüstung des Balkons gelehnt, den Blick auf das Meer gerichtet, das hinter den Palmen der Promenade in der ersten Dämmerung des Abends im richtigen Licht vor ihr lag, um ihr etwas Verwunschenes, etwas Idyllisches vorzugaukeln. “Was haben wir denn da?”, sagte Felix, trat hinter Inès, schob eine Hand unter ihr Sommerkleid, und dann sich selbst immer dichter an ihren Körper auf der Jagd nach dem großen Nichts. Und während er in eben dieses glitt, ihr Vorwürfe wegen ihrer steten Treulosigkeit, ihr Liebesschwüre ins Ohr flüsterte, sie immer heftiger gegen das Gitter stieß, blieben ihre Gedanken verworren. Was sollte sie fühlen. Oder glauben. War die Erregung von Felix Caville ein Liebesbeweis, seine Eifersucht ein Zeichen von Zuneigung? “Rumficken”, dachte Inès und hielt sich an dem Eisengitter fest, als sich Felix immer stärker an sie klammerte.

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf. Das Frühstück hatte Felix vorzeitig abgebrochen, als er eifrige Ameisen im Marmeladenglas erspäht hatte. Und seine darauf folgende Beschwerde an der Rezeption war derart atemlos laut und erbost ausgefallen, dass man ihnen einen erstaunlichen Rabatt auf das Zimmer gewährte. Und Felix nickte zufrieden, denn er zahlte nicht gern, wenn er von der erbrachten Leistung enttäuscht wurde. Und Inès, das alberne kleine Ding an seiner Seite, die Signora Caville, wie sie hier offiziell eingetragen worden war, schämte sich. In diesem Moment fast noch mehr als am Abend zuvor, als derselbe Mann, der nun hinter der Rezeption unterwürfig versuchte, einen erbosten Caville zu bestechen, draußen auf der Promenade eine Zigarette geraucht hatte. Und sie beobachtet hatte, Inès beobachtet hatte, an die Balustrade gestoßen, ungebührlich, gegrinst hatte, als sei die Signora nichts als ein Flittchen, in deren Schloss man gern mal den eigenen Schlüssel ausprobieren würde.

“Lass doch, vergiss es”, sagte Inès im Wagen und schaute aus dem Beifahrerfenster. Denn in Alltagssituationen war sie unsicher, wusste nie genau, wie sie sich verhalten sollte. Welche Rolle sie spielen durfte. Die des albernen kleinen Dings, das niemand ernst nehmen musste. Das Belanglosigkeiten von sich gab, Unfug trieb, über den sich niemand aufregen musste. Den man belächeln konnte. Und dann schnallten sie sich an, Felix startete den Motor und gab Gas. Und sie fuhren viel zu schnell, als müssten, als könnten sie die verlorene Zeit wieder aufholen. Rasten, so schnell es der Verkehr auf den schmalen Serpentinenstraßen zuließ, rauf in die Berge, um dann wieder in riskanten unübersichtlichen Überholmanövern hinunter zur Küste zu drängeln. “Ich werde übrigens heiraten”, sagte Felix. Und er gab Gas. “Demnächst. Wenn wir zurück sind. Aber. Mach dir keine Sorgen, Zucker. Zwischen uns ändert das nichts. Natürlich nicht.”        






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