Montag, 7. Juli 2014

Die Gemeinschaft


‘Vor Millionen von Jahren, das Universum war noch längst nicht Materie geworden, schwebten zahllose Freudenfunken des Schöpfers durch den Kosmos. Glückselig waren sie, voller Inspiration und reinem Bewusstsein’, so will es der Mythos, und so glaubten es die weisen Frauen, die Inès und ihre Tochter in die Gemeinschaft der Funken aufgenommen hatten. ‘Im Laufe der Zeit jedoch verbreitete sich Finsternis und feine Risse traten in die einst vollkommene Harmonie zwischen dem Göttlichen und der Schöpfung. Risse, die im Laufe der Jahrhunderte zu tiefen Kratern aufbrechen sollten, so dass sich der Mensch am Ende selbst fremd wurde. Doch es ist ein Goldenes Zeitalter versprochen’, und auf dieses bereiteten sich die weisen Frauen vor. Besondere Sorge galt dabei der menschlichen Unfähigkeit, die gesamte Kapazität des Gehirns zu nutzen. Zu was wäre er fähig, der Mensch, wäre er in der Lage, das ihm zur Verfügung stehende Potential zu nutzen? Wie will er seine eigenen Möglichkeiten ausschöpfen?

Nachdem Inès tief und fest geschlafen hatte, sie hatte fast eine Woche auf der Matratze in ihrem Pavillon gelegen und nach außen fast friedlich einen inneren Kampf ausgetragen, öffnete sie eines Tages die Augen und fühlte sich wie neugeboren. Sie wusste nicht, wo sie war, oder wie lange sie geschlafen hatte, aber sie fühlte sich leicht und frei von Sorge. Ein Gefühl von Glückseligkeit erfüllte sie, auch wenn sie nicht hätte sagen können, was diese tiefe, innere Zufriedenheit hervorgerufen hatte. Die Frau, die vor Inès' Pavillon wachte, nickte ihr, als sie sah, dass Inès aufstand, zu und klatschte freudig in die Hände. Und ein kleines Mädchen, ganz in buntes Tuch gehüllt mit einem kleinen Turban auf dem Kopf, kam durch den Garten auf Inès zugelaufen. “Manon”, sagte Inès, die ihre Tochter kaum wiedererkannte, und sie nahm sie auf den Arm und staunte, wie hübsch die Kleine war. Am Abend feierte man ein Freudenfest, mit köstlich sattvischen Gerichten, Musik und Tanz, schließlich hatte wieder eine Seele ihren Weg gefunden. Doch weil die Heilung gerade erst begann, blieb Inès: “Aber nur noch ein paar Tage”, aus denen Wochen, dann Monate wurden. Und Inès genoss die stille Ruhe, die den Ort umgab, und die sich in den Handlungen, Bewegungen, dem Bewusstsein eines jeden Mitglieds der Gemeinde widerspiegelte. Denn in jedem Wesen schlummert der Funke des Göttlichen, der erweckt werden will. Und wie die Hitze, die das Feuer Funken sprühen lässt, findet sich auch die göttliche Essenz in jedem Lebewesen, in jedem Atemzug wieder.
Damit Inès diese Erkenntnis erfahren konnte, führte man sie langsam in die ersten Formen der Vollkommenheit ein. Inès aß anders, sie schlief anders, begann anders zu sprechen, zu denken, zu fühlen. Inès wurde ein sinnliches Wesen, fand Zugang zu den feinsten Energiebahnen ihres Körpers, öffnete sich all der Bedürfnisse des empfangenden Selbst.
Und so stand sie in der Früh, noch vor Sonnenaufgang, auf, setzte sich in den Garten, schloss die Augen, lauschte dem Gesang der Vögel, konzentrierte sich auf ihr Selbst. Denn in jedem Funken liegt die göttliche Essenz. Und Inès ließ das Selbst ihr Ich beobachten, lächelte ihm zu und vergab ihm. Und sie stellte keine Fragen, denn eins fügte sich ins andere, das innere Wissen ergibt sich dem Suchenden aus sich selbst.
Lediglich die kleine Manon ließ sich nicht beirren. Ihr gefielen die bunten Kleider, ihr kleiner rosa Turban und das viele süße Obst, das sie hier essen durfte. All die Freiheiten, die man ihr ließ, weil man sie als rein und heilig ansah. Und doch erinnerte sie sich und mahnte. “Papa”, sagte sie fast täglich, obwohl die weisen Frauen eine andere Sprache mit ihr sprachen, die Manon wie alle Kinder im Handumdrehen lernte. “Papa”, sagte sie zu ihrer Mutter vorwurfsvoll. Und eines Tages, ganz unvorhersehbar, hörte Inès auf ihre Tochter und nickte. Denn obwohl sie längst noch nicht bereit war auf ihrem äonenlangen Weg der Erkenntnis, hatte Manon sie daran erinnert, dass jeder seinen eigenen Weg beschreiten muss. Die Gemeinschaft bedauerte den Abschied zutiefst. “Denn erst für den”, so sagt der Weise, “der Herr über seine Sinne geworden ist, ist nichts in der Welt unmöglich.” Und Inès verstand. Und ging.








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