Montag, 21. Juli 2014

Die Freiheit. In der Kunst


"Kommst du mal!", rufe ich Gott, der zögert. "Was hast du an?", fragt er, weil er nämlich letztens Inès im Garten getroffen hat. Und er fand, sie hätte - trotz der Hitze - mehr Kleidung tragen sollen. Vielleicht ist er ist das Lotterleben der künstlerischen Freiheiten noch nicht gewohnt. Oder er mag Inès nicht. "Keine Sorge", rufe ich. "Ich trage Hose und Pullover, dick eingepackt." Nicht mal unter der Dusche ziehe ich was aus. Und außerdem: "Ich bin nicht Inès", sage ich, das begreift er nämlich auch noch nicht. Ich bin auch nicht véro, "ich könnte alles Mögliche sein", behaupte ich. "Das deutete auf eine sehr schwere Persönlichkeitsstörung hin", sagt Gott und knabbert an seinem Eis, und ich nicke. Er hat Recht, wenn es so wäre, aber es ist ja anders. Und selbstverständlich, es ist schwierig. "Wie schmeckt dir das Eis?", frage ich. "Nicht so gut", sagt er höflich. "Du hast immer sonderbares Essen, was ist das?" "Schwarze-Bohnen-Eis", sage ich. "Das ist gesund. Und lecker!" Und weil ich auf Einwände eh nicht eingehen möchte, fahre ich fort: "Schau, das Photo kann ich nicht nehmen, oder?" "Wer ist das?", fragt Gott und beugt sich vor. "Zwei Typen, die mal aus dem Mittelmeer angepaddelt kamen und mir ihre Yacht zeigen wollten", sage ich. "Der kleine Dicke?", fragt Gott, und wir lachen. Nicht etwa über dicke Menschen, denn denen stehen ihre Körperproportionen ja zuweilen recht gut, und nicht selten stimmt das Vorurteil, dass die breiter, die kräftiger Gebauten heiteren und gelassenen Gemüts sind - sympathische Menschen, die nicht so schnell hektisch werden, wie ich zuweilen. Nein, wir lachen über die Absurdität des Lebens im allgemeinen. "Nein", sagt Gott, "die kannst du nicht nehmen, wenn du das Photo auf den Blog stellst, egal, wie alt es ist, könnten sie Einspruch erheben." Und sodann zitiert er Anwaltsweisheiten: "Für den Freizeitfotografen bietet es sich aus pragmatischer Sicht weiter an, sich in Selbstzensur zu üben und das gezielte Fotografieren fremder Menschen ohne deren vorherige Einwilligung auch an öffentlich zugänglichen Plätzen zu meiden wenn er vor Ort oder bei einer Veröffentlichung Auseinandersetzungen möglichst vermeiden will. Erfahrungsgemäß hilft in solchen Momenten vor Ort auch der Hinweis auf die Kunstfreiheit nicht weiter." "Die waren aber einverstanden mit dem Foto", sage ich. "Nicht mit der Veröffentlichung, nehme ich an", weiß mein Gegenüber. Und: "Das Bild ist ja auch von keinem künstlerischen Wert. Bist du mit ihnen gegangen", bemerkt Gott kritisch, fragt neugierig und hantiert mit seinem Eis. "Wenn du es nicht magst, gib's mir", sage ich. Und - mal überlegen - käme das mit dem künstlerischen Wert nicht auch auf den Kontext an? "Es wäre für ..." "Schon klar", sagt er. "Deine Textchen. Aber sagtest du nicht eben, der kleine Dicke und der Glatzkopf da, die wollten dir ihre Yacht zeigen? Das müsste doch aber dann Inès erlebt haben. Da ihr doch hier so viele seid." "Nein. Nicht unbedingt", behaupte ich. Schließlich schreibe ich ja keine Biographie. "Erinnerst du dich nicht an Biographien? Wie da gelogen und verschoben wird? Hast du Sartre gelesen? Und man könnte so viele aufzählen, die später, da sie noch nicht verstorben waren, zugeben mussten: 'Ach, richtig, so war das gar nicht. Man nennt es ..." "Die Freiheit in der Kunst", sagt Gott.  "Hier", sage ich und schiebe ihm einen Zettel zu. "Was hältst du davon?" "Was ist das? Das ergibt keinen Sinn", sagt er. "Das ist die Wörtersammlung. Zu dem Bild, das ich nicht nehmen kann. Ich hab jedes Wort notiert, das mir gefiel. Und ich habe keine Ahnung, was daraus wird." Und er nickt, denn tatsächlich, viel Material - an Wörtern. "So gesehen", sagt er, "ist es fast ein Wunder, dass am Ende überhaupt ein Text rauskommt, wenn du sie mit solch Wörterkuddelmuddel zusammenbastelst." Ja, es ist spannend, weil man nie weiß, wo's hingeht. "Das Interessante daran ist", sage ich, "wenn man ein Wort unbedingt noch benutzen will, das da rein zufällig auf dem Blatt steht, man guckt drauf und weiß sofort, ich muss sie ja nicht alle nehmen, aber das da, das muss noch rein! Und dann hat man ganz plötzlich eine Kurve auf dem Papier, von der man vorher nichts ahnen konnte. Weil man sonst das Wort nicht reinkriegt, das will woanders hin, als man dachte. Schreibt man einen ganz anderen Text. Das nenn ich mal Freiheit. Ob es Kunst ist, weiß eh nie einer. Wäre aber auch egal." Und dann klingelt es. Und ich stehe mit einem schmelzenden Schwarze-Bohnen-Eis am Stiel in der Tür, und ein Mann steht vor mir und sagt: "Sind denn deine Eltern da?" Äh. Nein, aber ... Ich kann Gott rufen: "Kommst du mal? Hier möchte jemand mit einem Erwachsenen sprechen", rufe ich durchs Haus. Und Gott seufzt, und ich nicke. So viel mal zu den vielen unterschiedlichen Personen, ganz unterschiedlichen Alters. Man weiß nie, mit wem man es zu tun hat. Kommt aber auch immer darauf an, wie man hinschaut.


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