Donnerstag, 10. Juli 2014

Die Familie


Inès war also nicht Herr über ihre Sinne geworden, sie war nicht einmal in die erste Stufe der Vollkommenheit eingeweiht worden. Und so blieb das Leben für sie, kaum hatte sie die Gemeinschaft der Funken verlassen, eine unvorhersehbare, kurvige, lange Aneinanderreihung von Herausforderungen. “ ‘Probleme’ sagt der Weise, ‘kommen, um dich zu umarmen. Dann gehen sie wieder.’ Denk immer daran”, hatten die Schwestern der Funken Inès geraten, sie umarmt und mit tiefstem Bedauern verabschiedet. Die Hoffnung geäußert, sie gebeten, eines Tages in ihren Schoß zurückzukehren. Und sie hatten ihr tatsächlich Geld für die Heimreise zugesteckt. So also kam es, dass Inès auf Anraten ihrer Tochter mit dreiundzwanzig Jahren der Spiritualität vorerst den Rücken kehrte, um zu ihrem Mann zurückzukehren. “Mein Leben, ich und der Irre”, dachte Inès und lächelte, denn obwohl sie die Größe des Selbst’ gespürt hatte, die Macht der Freiheit, wenn es einem gelingt, die Starrheit der Grenzen abzulegen, hatte sie sich doch zurück in ihr kleines Ego begeben, um zu Misha zurückzukehren. “Ein Rückfall”, sagten die Schwestern, “es ist noch zu früh”, warnten sie. Aber Inès wusste es besser und fuhr los. Und in einem Moment der Trostlosigkeit an einem der vielen Rastplätze stellte sie sich der ersten Herausforderung ihres alten Lebens und rief ihren Vater an. “Was glaubst du eigentlich, was hier los ist?”, brüllte der durch den Hörer. Und dann folgte eine kurze, aber heftige Tirade, die insgesamt darauf hinauslief, dass er es einfach nicht verstehen konnte - “Ich kann es einfach nicht begreifen, weißt du?“ - wieso seine einzige Tochter, die so klug war, so verantwortungslos, mit aller Macht versuchte, ihr Leben zu verhunzen. Ein Kind, ein abgebrochenes Studium, einen Mann in der Psychiatrie. “Und sie behaupten, du hättest die Kleine entführt”, sagte ihr Vater, und Inès schluckte. Denn so war es ja schließlich, wenn man darüber nachdachte. Wahrscheinlich gab es ein Gesetz, dass es unter Strafe stellte, in einer schwer labilen, depressiven Phase seine Tochter in ein Auto zu setzen und heimlich mit ihr zu verschwinden. Bestimmt sogar gab es so ein Gesetz. Menschen dachten unmenschlich. Und handelten auch so. Aber Inès wollte sich keine allzu großen Sorgen machen, noch nicht. “Ich komme jetzt heim, Papa”, hatte sie gesagt. “Sei vorsichtig, brauchst du noch was, kann ich noch irgendwas für dich tun? Schatzelchen?”, hatte ihr Vater geantwortet, denn er war ihr Vater. Und er würde immer alles für sie tun. Und ihr alles vergeben.
“Das wird schon”, sagt Inès, um die Düsternis, die aufzog, zu vertreiben, die alte Gewissheit, dass ihr Leben ruiniert war. “Das wird schon” sagte Inès zu Manon und küsste die Kleine auf die Stirn, legte eine Hand auf ihre Wange, auf die Stirn, Manon glühte.


Nach ihrem Geständnis, oder was immer es war, das Stefan von ihr hören wollte, ging es Inès keinen Deut besser. In ein paar traurigen Wahrheiten rumzuwühlen, machte das Leben nicht schöner. Oder einfacher. Doch Stefan schien ihre Offenheit zu gefallen, er hatte ihr zugehört, verständnisvoll, wie es schien. “Geht es dir besser jetzt? Glaubst du mir?”, fragte Inès oben in ihrem Zimmer in der kleinen Pension, und Stefan zuckte die Achseln. “Ich will, dass du mir vertraust. Ich will dir vertrauen. Du bist meine Frau”, sagte Stefan, hob Inès in die Höhe, legte sie auf das Bett und tat das, was ein Ehemann, der sich letzten Endes doch nur mit seiner Frau versöhnen will, tun sollte. Das feurige Streitross besteigen, auf der Welle reiten, Raum und Zeit zum Flirren bringen, die Sinneswahrnehmungen zum Erschauern. Zwei Ichs, die in der rasenden Talfahrt der Lust alle Wahrheiten, alle Lügen, alle Versprechungen, alle falschen Beruhigungen, das Leid, die eigene Existenz vergessen.    
Oder doch nicht ganz. Denn kaum entspannte sich Stefan, kam zu Atem, sein Herz pochte noch zu schnell, Schweiß perlte auf seiner Brust, da sagte er: “Ich denke, ich würde sie gern kennen lernen, Manon. Ich weiß nicht, warum sie nicht bei dir ist. Aber ich finde, sie gehört zu dir.” “Zu unserer Familie”, wollte er noch sagen, aber Inès kam ihm zuvor. “Misha auch, Stefan”, sagte sie. “Ich habe versucht, die zwei zu vergessen. Sie haben mir beide weggenommen. Ich wollte sie nie wieder sehen, weil ich das nicht ertragen kann. Aber du musstest sie wieder rauskramen. Und du hast Recht, sie gehören zu mir. Beide. Ich sollte sie wiedersehen. Ich liebe sie.” Und Stefan rollte sich von Inès, lag auf dem Rücken neben ihr und überlegte, ob das der Moment war, in dem ein Mann endgültig aufstand und ging. Oder aufsprang und Gegenstände durch den Raum warf, am Ende seine Frau verprügelte. Ein anderer Mann täte das vielleicht. Stefan - mit den braunen Augen bereute, dass er nicht mal rauchte. “Aber weißt du”, sagte Inès nach einer sehr langen Zeit, in der sie vielleicht darauf gewartet hatte, dass Stefan aufsprang und ging. Oder Gegenstände durch den Raum warf, oder das tat, was Männer so tun, wenn man sie demütigt. “Du und Dodo, ihr gehört ja auch zu mir. Und Dodo bekommt demnächst eh noch ein Geschwisterchen. Es wird wieder ein Junge.”
 




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