Donnerstag, 3. Juli 2014

Der Unfall


In Inès Augen war sie schuldig. Was geschah, lag nicht in ihrer Gewalt, das war ihr klar. Und dennoch hatte sie das Schicksal herausgefordert, hatte die Hinweise nicht beachten wollen. Waren sie nicht trotz aller Vorbehalten viel zu glücklich gewesen? Gesegnet. Waren sie dankbar? Weil eins ins andere lief. Hatten sie sich jemals gesorgt? Um die Zukunft? Hatte Misha, dem es nie schnell, nie heftig genug gehen konnte, es nicht provoziert. Inès wusste, sie hätte ihn zügeln können, ausbremsen. “Er war viel zu gutmütig, um mir etwas abzuschlagen, er hätte auf mich gehört.” Stattdessen gefiel es ihr, immer Vollgas, wild, ungestüm, wie er war - ein echter Kerl halt. Der den Thrill braucht.

Als sie an diesem Morgen aufwachte, verfluchte sie zunächst ihren Wecker und dann den echten Kerl, denn beide hatten sie verschlafen lassen, und sie sprang aus dem Bett und unter die Dusche. Noch mit nassen Haare begegnete sie Misha auf dem Weg in die Küche. Er hielt seine frisch gewickelte, gefütterte, lachende Tochter auf dem Arm, und Inès verfluchte ihn erneut, lautstark. “Warum hast du mich nicht geweckt, du Trottel?”, maulte sie zur Begrüßung, und Misha stupste Manon ans Kinn. “Nimm die nur kein Beispiel an deiner Mutter, die kleine Lady wird schnell zur Furie. Und mit zwei von dieser Sorte …”, sagte Misha gutmütig, “halt ich es nicht aus. Ich dachte, es täte dir gut, du hast wenig geschlafen in den letzten Tagen. Du hast heute deinen großen Auftritt.” Und er küsste Inès aufs Haar. “Und deshalb kannst du auch den Wagen haben, kleine Lady. Dann hast du keinen Stress!” Und Inès strahlte, denn, wenn man ihr mit einem fairen Vorschlag kam, konnte sie sich, so rasch wie sie zur Furie mutieren konnte, mindestens ebenso flink in die beste aller Lebenspartnerinnen zurückverwandeln. “Du gibst mir den Wagen? Du lässt mich fahren? Allein?” Und in diesem Moment war der gesamte vertrackte ideologische Überbau, der die Zweisamkeit zuweilen so arg strapazierte, wie auch der vermeintliche morgendliche Ärger völlig vergessen. Und Inès war sich sicher, dass Misha einfach der beste aller besten Männer war. Und so gönnten sich die drei fast noch in Ruhe ein gemeinsames schnelles Frühstück. Und dann sah Misha auf die Uhr und hielt Inès die Schlüssel in die Höhe, wünschte ihr viel Glück und küsste sie zum Abschied auf die Wange.


Nachdem der Motor brummte, und Inès ihre Tochter in der Kita abgesetzt hatte - “Wünsch der Mama Glück, Spatzelinchen” - cruiste sie ganz entspannt mit dem von Misha liebevoll aufgetunten Oldtimer über den Uni-Parkplatz. Ein echter Hingucker. Denn eigentlich war es gar nicht so schlecht, nein, es war verdammt clever, einen Mann zu haben, der seine Zeit nicht in akademisch lebensfremden, fensterlosen Hörsälen vergeudete. Sondern einen, der? Wusste wie's lief und? Karriere machte.


“Ich hab es keine einzige Minute bereut, mit ihm zusammengezogen zu sein”, sagte Inès zu Stefan und zuckte die Achseln, denn Lügen kam an diesem Tag des Geständnisses nicht in Betracht. “Es war ein Freitag, ein herrlicher Herbsttag, sonnig und ganz warm. Anfang Oktober. Misha hat am Nachmittag die Kleine aus der Kita abgeholt, seine Mutter hat dann immer auf sie aufgepasst. Und ich? Ich weiß es noch genau, ich hatte meinen großen Auftritt. Ich durfte im Kolloquium einen Vortrag halten über: ‘Illusion und Historie, die Phantasie, die Völlerei und den Granatapfel’ in? Flauberts Salammbô! Und ich habe? Mit Bravour bestanden. Und daraufhin unten in der Cafete ordentlich einen ausgegeben. Ich bin erst nach 8 Uhr zuhause angekommen. Und die Nachbarn standen schon auf der Straße und sagten mir, Misha sei im Krankenhaus, er habe einen Unfall gehabt.” Und Inès schluckte, denn es waren keine guten Erinnerungen, die Stefan da im Kleiderschrank unter den Winterpullovern ausgegraben hatte. “Neben dem Training fuhr er Motocross, die Strecken konnten ihm nicht aufregend genug sein. Er suchte immer eine neue Herausforderung. Er war gut. Ziemlich sogar. Aber an dem Tag hat’s ihn einfach aus der Kurve gehauen. Niemand wusste, wieso er ins Schleudern kam. Und ich kann mich an eine Menge Dinge nicht mehr erinnern. Was dann alles passierte. Verdrängen der Situation, oder so. Aber es hatte ihn ziemlich zerlegt. Die offizielle Diagnose lautete: 'Polytrauma, Trümmerbrüche in einem Bein, Wirbelbrüche. Milzriss. Und ein Schädel-Hirn-Trauma.' Und die ganze Familie hat zusammengehalten, wir hatten so viel Hoffnung, keinen Tag war er allein. Als endlich alles gut schien, als wir dachten, jetzt geht’s bergauf, kam er in die andere Klinik. Und ich sollte mit dem behandelnden Arzt sprechen. Er hatte einen Termin vereinbart. Er begrüßte mich direkt am Empfang, bat mich in sein Zimmer, Misha saß schon auf einem Stuhl vor seinem Schreibtisch. Auch er begrüßte mich, lächelte mich an, hielt meine Hand. Und der Arzt fand die richtigen Worte nicht. Vielleicht war er zu jung, vielleicht war es ihm unangenehm. “Setzen Sie sich, bitte”, sagte er und blätterte in den Akten. Wir setzten uns, und er studierte die Wolkenfelder aus dem Fenster hinter mir. “Ihr Mann leidet an einer traumatischen Psychose”, sagte der Arzt dann in die Wolken. Und von da an - wurde alles Verzweiflung.
 




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