Mittwoch, 2. Juli 2014

Das Prickeln


“Tapeten - mit Liebe zur Tradition - seit 1870” stand in goldenem Schriftzug auf der Visitenkarte, die ihr Felix Caville auf dem Vorplatz der Friedhofskapelle zugesteckt hatte. Er hatte ihr, der Fliehenden, der Unehrenhaften, die so dreist gewesen war, bei diesem Begräbnis zu erscheinen, nachgeschaut. Dann hatte er sich geräuspert, sich entschuldigt, war aufgestanden und ihr hinterhergeeilt. Behutsam hatte er draußen, unter den Kastanien, Inès angesprochen, ihren Blick in die verweinten Augen, die sie nun hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt hielt, gesucht. “Ich bin der Bruder, Felix”, hatte er sich vorgestellt und durchaus bemerkt, dass sich Inès Haltung änderte, ihr versteckter Blick ihn musterte. “Der jüngere Bruder”, sagte Felix und lachte, als habe er einen Scherz gemacht. “Wir sehen uns nicht ähnlich”, hatte er behauptet, auch wenn das offensichtlich nicht ganz stimmte. Und dann hatte er sich im Namen der Familie, “vor allem in Nicolas’ Namen“, bei Inès entschuldigt. “Ich weiß, wie sehr er Ihre Gesellschaft geschätzt hat”, hatte Felix gesagt und nach Inès Hand gegriffen. Tröstend - wie es schien. Und dann hatte er sie um ein Treffen gebeten, ihr die Karte aus seiner Geldbörse in die Hand gelegt und sich unter erneuten Beteuerungen des Bedauerns, dass er sie nicht davon hatte überzeugen können, mit ihm zur Trauergemeinschaft zurückzukehren, allein in die Kapelle zurückbegeben.
Und Inès hatte sich umgedreht und war nach Hause gegangen. Seine Karte, die sie, bis sie die Wohnungstür aufschloss, in ihrer Hand hielt, stellte sie neben das Telefon. Das Telefon, das zurzeit nur noch selten klingelte. Denn so hatte Jean, der eigentlich Nicolas hieß, sie kontaktiert, so hatten sie es gehalten, niemals hatten sie sich bei einem Treffen für ein nächstes verabredet. Es war das alte Spiel von Freiheit und Macht. Und so kam es, dass immer Jean Inès anrief, und er ließ durchaus - es war zu einer Zeit, in der es kein Mobiltelefon gab, zu einer Zeit, in der niemand permanent erreichbar war, durchscheinen, dass er ungehalten war, wenn sie nicht beim ersten Anruf verfügbar war. Und dann hinterließ er seine Instruktionen. Und Inès hatte es sich in den letzten Wochen vor seinem Tod, vor dem tragischen Unglück, zur Gewohnheit gemacht, auf seine Anrufe zu warten. Zu warten, dass das Telefon klingelte, an das Telefon zu denken, daran zu denken, dass es vielleicht gerade in diesem Moment klingeln könnte, während sie in der Stadt Besorgungen erledigte. Immer mehr Zeit hatte Inès auf Jean ausgerichtet, den Putzjob bei Edith im Club längst an den Nagel gehängt. Sie hatte etwas viel Besseres gefunden, etwas Lukrativeres: Sie wartete darauf, dass das Telefon klingelte. Und jedes Mal, wenn sie den Hörer abnahm, und es nicht Jean war, der sie anrief, war sie ein klein wenig enttäuscht gewesen.
Und nun, da Jean sie nie mehr anrufen würde, wusste sie nicht, was sie mit all der Zeit tun sollte. Und immer wenn sie zum Apparat sah, stand neben dem Telefon die Karte seines Bruders. “Über was soll ich mit ihm sprechen?”, fragte sich Inès. “Über was soll ich mit deinem kleinen Bruder sprechen, Jean?”, fragte sie Jean, denn sie unterhielt sich oft mit ihm, dem Toten. “Habe ich dich wirklich ausgenommen wie eine Weihnachtsgans? Wie die alte Schlange bei der Beerdigung behauptet hat? Haben sie Recht? Wenn sie so reden? Über uns?” Und Inès kannte die Antwort nicht, und Jean schwieg. Aber - immerhin - das war eine Tatsache, Inès hatte Jean nicht glücklich machen können. “Nimmst du mir das übel?”

Nach langer Bedenkzeit also kam der Abend, an dem Inès Felix Caville, dem neuen Magnat über das ererbte Tapeten-Imperium, wiedertreffen sollte. Er saß, das wusste sie aus den Zeitungen, nun im Büro seines verstorbenen Bruders, hatte umgehend dessen Pflichten übernommen. Und hatte sich, als sie zögernd am Telefon ihren Namen genannt hatte, sofort an sie erinnerte. “Wie wunderbar, ja. Ich hatte gehofft, dass Sie sich noch melden. Wollen wir uns treffen? Gleich heute? Wenn Sie mögen, ich hätte Zeit.” Und so saßen sie sich noch am selben Abend in einer kleinen Bar gegenüber. Und Inès’ Finger spielten unruhig mit dem Fuß der Vase vor ihr auf dem Tisch, in der - seit jeher Symbol tiefster Verschwiegenheit - eine einzige Rose ihre Knospe nicht öffnen wollte. Und auch Inès schwieg, fürchtete sie doch, Felix könnte ihr die falschen Fragen stellen. Fürchtete, sie selbst könnte die falschen Fragen stellen. Unangebrachte Fragen, die Jean die Geheimnisse nehmen würden, die er so lange vor ihr gehütet hatte. Sie fürchtete Felix’ Antworten, denn was könnte er ihr über seinen Bruder erzählen? “Wie gut kennt er dich? Was weiß er wirklich über dich, Jean? Selbst wenn er die Wahrheit sagt, wären es doch nichts als Lügen, die er mir auftischen kann?”, fragte sich Inès. Und sah Jean mit friedlicher Miene in einem Hotelzimmer in einem Sessel an ihrem Bett sitzen. So, wie er die meisten gemeinsamen Nächte neben ihr verbracht hatte. “Beobachtest du mich?”, hatte Inès ihn gefragt, wenn sie aufgewacht war. Und Jean hatte den Kopf geschüttelt. Und Inès hatte gelacht und mit dem Finger gedroht. “Lügen ist verboten”, hatte sie gesagt und ihn, wenn ihr danach war, zu sich ins Bett gezogen. “Aber“, sagte sie sich im Nachhinein, “wer weiß schon, was Jean, was dieser Nicolas Caville, wirklich sah, wenn er mich anschaute.”
“Starke Gefühle”, sagte Felix gerade und schien damit einen etwas ausschweifenden Diskurs abzuschließen, dem Inès nicht sonderlich aufmerksam zugehört hatte. “Starke Gefühle”, sagte sie nachdenklich, “sind immer bedeutsamer als die Vernunft.” Und Felix stimmte ihr zu. “Gewiss”, sagte er und zitierte: “Die Vernunft ist grausam, allein das Herz ist gut, heißt es nicht so?” Und Inès zuckte die Achseln. “Wer weiß”, sagte sie und lachte, und Felix lachte auch, griff nach der Weinflasche und schenkte ihr nach. “Aber ich bin mir gar nicht so sicher, ob er Betty wirklich so sehr geliebt hat”, fuhr Felix dann fort. “Auf alle Fälle - nachdem sie die Verlobung gelöst hatten, galt sie keine vier Wochen später als vermisst. Man suchte nach ihr, es gab kaum Spuren, sie wollte nicht gefunden werden. Dann fand man sie doch, in Griechenland, tot. Und seither …” Eine hilflose Geste. Und wieder nickte Inès und nahm einen großen Zug von dem Wein, den sie nicht mochte. “Die Lücke”, sagte sie dann. “Er hat mich gesehen und dachte, ich könnte die Lücke schließen. Die sie hinterlassen hat. An mir die Schuld, die er sich gab, gutmachen. Dachte, dass ich ihn rette. Aber ich habe versagt.”
“Nein”, widersprach Felix energisch, “so dürfen Sie gar nicht denken.”
“Aber”, dachte Inès, “du lügst. Du denkst genauso.” Doch da irrte sie sich wohl, denn dann fuhr Felix fort: “Wissen Sie, ich kenne die Bankauszüge. Und selbstverständlich, Geld spielt keine Rolle, aber …” Und endlich legte Felix seine Hand auf Inès’ Hand. “Wie sind deine Tarife. Für eine Nacht.”  






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