Mittwoch, 23. Juli 2014

Das Böse


"Wo ist eigentlich das Buch geblieben, das letztens kam, auf dem stand ..." "Heftig, gemein und unverschämt amoralisch?", zitiert Gott, der von Blurbs nicht viel hält. "Das hast du irgendwo in deinem Chaos verschwinden lassen", sagt er, und ich mache mich gleich auf die Suche, denn Blurb hin oder her, klingt es nicht, als könnte es mir gefallen? "Weißt du, was letztens passiert ist, als es so geregnet hat?" Und weil Gott nur den Kopf schüttelt, erzähl ich's ihm lieber gleich. "Also", beginne ich mit erhobenem Zeigefinger, "sie kamen mit einem LKW, um ein Metall- oder Aluminiumlager oder so was auszurauben. Das ist ihnen auch geglückt, haben sie also den LKW beladen, und - weil es ja so geregnet hat, während des Raubzugs - sind sie in der Matsche steckengeblieben. Haben sie sich noch mehr Metall geholt, um sich aus dem Dreck hinauszumanövrieren. Das hat aber nicht geklappt. Sicherlich haben sie dann eine Weile nachgedacht. Und einen zweiten LKW organisiert. Sehr clever! Um den ersten aus der Matsche zu ziehen. Tja, der zweite ist dann aber auch steckengeblieben." Und ich lache, aber Gott schüttelt nur den Kopf. "Komm, an was erinnert dich das?", frage ich. "An den ersten Coup der Gurkentruppe vom Libano." Und diese Antwort bringt Gott zehn Punkte ein. "Bravo! Aber anscheinend hatten unsere Jungs da keinen Libano dabei. Oder diesen dämlichen kleinen Verräter, wie hieß der noch?" "Dandi", sagt Gott. "Und Bubu, der ganz selten sein Hirn eingeschaltet hat. Aber immer auf den Punkt genau da war." "Nein", gibt sich mein Gesprächspartner unzufrieden. "Man könnte meinen, du hast den ganzen Krimi nicht verstanden. Und viel zu viel Sympahtie für das Böse." Da schüttle ich aber ganz energisch den Kopf. Denn. Ich denke ja, eher die anderen haben da was falsch verstanden? Diese Moralapostel? Die nie wissen, wie man das Geniale hinbekommen kann, einen bösen Menschen doch noch irgendwie sympathisch aufs Papier zu bringen? "Ich halt's mal simpel", sag ich großzügig. "Was würdest du tun, wenn ich dir sage, die neue Kollegin ist eine widerliche Schlange, die meinen Posten haben will. Sie verbreitet Lügen über mich, recht hässliche Dinge. Sie leitet Direktiven etc. nicht an mich weiter, ich mache Fehler. Ich hab nur noch Ärger. Ich halt den Shit nicht mehr aus." "Nun", sagt Gott und denkt nach, schließlich ist das eine komplizierte Situation. "Ja? Was denn? Ein ruhiges klärendes Gespräch? Die Unstimmigkeiten aus der Welt schaffen. Mit vernünftigen Argumenten?" "Sag es nicht", sagt Gott und will es nicht hören. Natürlich hat er wie so oft Recht. Ich sag es aber trotzdem. "Und jetzt stell dir vor, ich sag es Kyle. Oder Bubu, oder diesem Typ Mensch. Die würden sich gleich drum kümmern. Und morgen gäbe es kein Problem mehr. Vielleicht würden wir die Dame nie wiedersehen. Wer weiß. Manchmal reichen ja auch klare Worte, nicht?" Und ja, das ist vielleicht böse und brutal, so wie Menschen nun einmal zuweilen sind. Auch wenn sie es zum Glück nicht alle ausleben. Aber - soll mal keiner behaupten, dass er den ollen Kerl da, der jeden Abend auf dem Sofa einpennt und rumschnarcht, sich um nichts kümmert, dass er den sympathisch findet. Fänter dir den mal erst sympathisch zurecht? Holt er morgens Brötchen? Nein? Aber so ein Held ... Manche Dinge wollen halt erledigt werden. Die Art, wie sie dann erledigt werden ist natürlich nicht immer richtig, sehr oft gar falsch. Und sogar böse. Aber Menschen, die böse Dinge tun, (mehr oder weniger wie wir alle, ständig übrigens, in unterschiedlichen Formen), als böse, fies und unsympathisch in seine simple Schublade zu schieben, ist ja wohl ... Scheinheilig? Wenn ich es nett formuliere. Oder - wie es einst eine Nonne aus einem Krisengebiet nannte, und katholische Nonnen kennen sich aus - mit Sünde und Vergebung. "Jeder hat seine Gründe", sagte sie. Tja. Und das könnte das Spannende am Krimi sein. Die ganz alte Idee, eine Ordnung wieder herzustellen. Wie faszinierend, was man dazu zuweilen tun muss. Bereit sein muss, zu tun? Weißt du, was ich gern wissen möchte?", sage ich dann. "Letztens auf der Autobahn hat die Polizei einen Wagen gejagt. Mitten im Verkehr. Und ihn auf der linken Fahrbahn gestoppt, das hätte auch ganz schön knallen können, war ja nichts gesperrt. Und dann haben sie den Fahrer aus dem Wagen gezogen. Und der sah wirklich mal finster aus. Gar nicht gut. Mit Bierbauch. Das Böse in Person. Sozusagen. Wir haben es alle gesehen. Ein Krimineller. Bestimmt. Was der wohl gemacht hat ... Bestimmt noch nie was Nettes." Und Gott seufzt. "Wo du dich immer rumtreibst", sagt Gott. "Joa, immer auf der Suche - nach dem Bösen. Aber! Pur, bitte! So dass wir die Hände über dem Kopf ..."


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