Samstag, 14. Juni 2014

Worte


Was tut man eigentlich, um eine von Ärzten angeratene Zwangsbehandlung zu umgehen? Zuerst sucht man sich alle öffentlich zugänglichen Informationen zusammen. Dann lässt man sich kreuz und quer im In- und wenn nötig auch ins Ausland verbinden, um sich erstens Angelesenes von Experten bestätigen zu lassen, und zweitens offene Fragen lückenlos mit Wissen zu schließen. Experten sind in diesem Fall tatsächlich die bessere Lösung, da man nie weiß, was man nicht weiß, und sich dementsprechend zu früh mit unzureichendem Wissen begnügen könnte. Bei der Experten-Befragerei - “Und gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?” - am besten immer Notizen im jeweiligen Fachjargon anfertigen, denn mit Ärzten spricht man anders als mit Juristen - ganz klar. Und wenn ich bei den Nephrologen erneut über Phrenologie doziere, stiftet das letztlich lediglich Verwirrung. Das mach ich nicht noch einmal. Konzentration gehört also auch dazu. “Und Esprit”, rät Gott und ist selbstverständlich wie so oft im Recht. Ist also die fachliche Seite geklärt, schließlich soll das Unabwendbare abgewendet werden, orientiert man sich wieder am Leben und dem, was die Neurologen und Psychologen in der Klinik so eisern durchziehen: Mit einer Engelsgeduld ganz klare Worte finden. Sich dementsprechend vom Patienten erneut - wie all die anderen auch - des Zimmers verweisen lassen. Ausatmen und ein wenig Zeit ins Land ziehen lassen. Dabei? Einen neuen Angriff planen, diesmal ganz klar die härtere Gangart einschlagen. Um dann ganz freundlich, mit Engelsgeduld zu drohen. Drohen geht immer am besten individuell. Schwachpunkt erkennen, Deckel drauf und Schlinge eiskalt zuziehen. In diesem Fall liegt die simple, aber drastische Schilderung der Realität nah. Und? Abwarten. “Ja, gut”, lenkt der Patient ein. “Dann mach ich das. Wenn du es so sagst.” Sich den Erfolg nicht anmerken lassen, zur Freude ist es eh zu früh, später muss an eben diesem Punkt sicherlich noch einmal ordentlich nachgesetzt werden, aber? “Er hat es mir versprochen”, geht die erfreuliche Kunde direkt ins Schwesternzimmer. “Und inzwischen ist es zwar schwieriger. Aber - was er verspricht, das hält er. Eigentlich. Ich komme später noch einmal wieder. Vielleicht müssen wir dann doch gar keinen Antrag stellen.” Das wär schön.

“Puh”, sage ich dann zu Gott. “Ist immer schrecklich anstrengend da, nicht?” “Meinst du wir sitzen auch eines Tages so in einem Saal und starren von morgens bis abends ins Nichts?”, fragt er. Wäre möglich. Aber … “Vielleicht sitzen wir ja auch in dem anderen Speisesaal, da, wo sie mit den Fingern essen. Und da sitzt der Herr Dings. Und wenn der jemanden sieht, freut der sich immer enorm. ‘Komm doch mal ganz schnell zu mir!’ ruft er dann und winkt und, wenn man sich zu ihm setzt, lacht er und erzählt einem Geschichten. Schöne Geschichten. Er sieht verdammt gut aus. Und ist immer gut drauf. Und ob er mit den Fingern oder der Gabel ist, ich glaube, er hat’s besser getroffen als die Betrübten. Aber”, fahre ich fort, “mein Freund fehlt mir trotzdem. Hier ist einfach niemand so wundervoll wie er. Er war auch eigen, klar, je besser es ihm ging, desto mehr Instruktionen gab er aus. “Nein, nicht da drüben, du kannst dich hier mit auf meinen Stuhl setzen. Den Saft kannst du trinken. Aber ich werde nicht mit dir den Nachtisch teilen”, ganz klare Anweisungen, wie ich es mag. Und er ist so ... Fehlt er dir nicht auch?”, frage ich. “Er war dein Freund”, gibt Gott zu bedenken. “Und Männer schwärmen auch nicht so.” “Nein?”, frage ich erstaunt, denn das muss doch schrecklich langweilig sein. “Ihr sagt nicht, was ihr denkt?” “Es ist anders”, erklärt er, “wir denken so nicht.” Nein? “Du bist nicht hingerissen, wenn jemand wirklich famos nett ist?”, ich scheine sprachlos verdutzt. “Warum sollte man?”, fragt er, und darüber muss ich nachdenken. Und er dann auch. Und dann erklärt mir Gott, wie Männer denken. Und ich lausche schweigend, schiebe mir die Lesehilfe auf die Nase und nicke weise verstehend - so geradeaus also. Um die Ecken, ohne Ablenkung. Und ohne falsche Schwärmerei. Beeindruckend. “Nicht zu vergessen die Sexantennen-Checkerei”, füge ich dann aber an, denn die prägt ja bestimmt auch. Für diesen Gedanken ernte ich allerdings einen tadelnden Blick. Schon klar, nichts als üble Nachrede und Verleumdung - und die kommen immer sehr schlecht an. Immer. Logisch.      
 





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