Freitag, 20. Juni 2014

Therapie. Schärfer


"Wir essen jetzt immer schärfer", sagt mein Lieblings-Coiffeur. "Wir pfeffern jetzt alles immer komplett zu. Es gab da mal diesen Vortrag, und seit wir uns an diese Schärfer-Essen-Therapie halten, geht's uns doppelt so gut. Und übrigens - Chilis schlucken wir runter wie Pillen."
"Echt? Chilis? Und wie genau ... wozu? So gut? Und man merkt dann auch nichts im Magen?" Und weil ich es mal wieder nicht glauben will, demonstriert er es umgehend! Furchtlos. Holt die Chilis nimmt das Wasserglas und? Kippt das scharfe Zeugs runter. "Ja, dann lass mich auch mal gleich probieren." So - und ab jetzt futtern wir hier auch noch viel schärfer. Und schmeißen uns vor der Mahlzeit die Chilis in den Rachen, wozu das ganze? Ich kannte es bereits aus dem Buch, das hier in Deutschland verboten sein soll, ich glaube, man darf es nicht kaufen, weil die Pharma-Industrie den Inhalt nicht mag? Oder so ähnlich war es irgendwie, mir wurde es aber auch geschenkt, denn gegen ein Gesetz verstoßen, ein verbotenes Buch kaufen? Käme mir nie in den Sinn ... Kaufen ist verboten, aber Geschenke ablehnen - sehr unhöflich. Und jetzt kann man zumindest das mit den Chilis also auch hier in ähnlicher Form nachlesen. Nicht schlecht. Auf der Seite, die ich jetzt mal genauer studieren werde, scheint es übrigens eine Menge Überschneidungen mit unserer ayurvedisch energetischen Wildkräuter Vitalkost zu geben. Tja, klug ist eben zuweilen doch einfach klüger. "Schluck", sage ich zu Monsieur, dem ein bisschen Feuer im Bauch bestimmt auch gut tun wird.
Und dann schaue ich bei unserem Patienten vorbei. Und im Hinausgehen greift eine überaus gepflegt attraktive Dame meine Hand, zieht mich zu ihr herunter und sagt: "Ich freue mich immer, er hat einen so gesunden Appetit. Und nach dem Essen bittet er die Schwestern immer noch um einen Extra-Pudding. Er holt sich auch manchmal selbst einen, mir hat er auch schon einen mitgebracht", sagt sie und zwinkert. Sehr nette Dame und? "Siehst du", sage ich zu Gott, "die sitzen da gar nicht nur rum und starren ins Leere. Die scheinen da ganz gut zu flirten. Es gibt also Hoffnung." Denn man sollte die Flirterei als Therapieform nicht unterschätzen, bedenkt man allein, wie gut sie uns in der Psychiatrie geholfen hat. Und wie die Südländer mit diesem Thema umgehen ... Und die sind immer gut dabei. Tja, und in diesen Breitengraden halten wir es doch irgendwie anders, keiner hupt, wenn man über die Straße geht, keiner pfeift. Das bremst nur den Spaß, denn ernst ist es ja gar nicht gemeint. Und auch wenn wir jetzt alle alt sind, meine Altersgenossen verwundern mich zuweilen doch ein wenig. Zunächst mal - so viele Verbrechertypen, wie sie mir gefallen könnten, laufen ja gar nicht durch die Gegend. Und wenn man mal einen trifft, ist der heutzutage fast immer mit seinem Handy zugange, bestimmt muss er dann gerade irgendwas liken. Viel Spaß dabei. Oder runterladen, oder was immer man da sonst so treibt - mit dieser Ich-Bin-Immer-Überall-Dabei-Bloß-Nie-Hier-Vor-Ort-Technologie. Tja, aber es gibt also noch Hoffnung. Fürs Alter. Schön!


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