Donnerstag, 5. Juni 2014

Pläne


"Je größer die Pläne, desto größer die Katastrophen", so sagt man doch. Und trotzdem schmiedet man ständig an irgendetwas rum. Und nichts ist schöner, als einen Haken an das Erledigte zu machen. Wunderbar, was ich heute schon wieder alles geschafft habe. Und bloß nichts vergessen. Und immer gut durchdenken. Effektives Arbeiten. Dabei aber immer spontan bleiben - immer offen für alles. Schon wird es wieder schwierig, vor allem für mich als passionierte Besserwisserin, die Gott gern von ihren Plänen berichtet. "Und weißt du, was ich am liebsten mit ihm machen würde", sage ich zu Gott, denn ich habe mit dem Doc über meinen Freund gesprochen, und der Doc hat mit seinen alternativen Methoden noch ganz andere Ideen, wie man medizinische unabwendbare Notwendigkeiten enorm unterstützen könnte. Der Doc hat früher sogar auch mal in dieser Klinik gearbeitet, das wusste ich gar nicht. Und im Leichenschauhaus hat er auch gejobbt, da war er noch Philosophiestudent. Aufregend. Das wär auch was für mich. Na, egal, aber ich kann meinem Freund selbstverständlich so nicht helfen, und das Helfer-Besserwisserei-Syndrom ist natürlich auch immer gefährlich, es könnte Großartiges vollbringen. Aber es birgt auch immer die Gefahr, das Gegenteil heraufzubeschwören. Ich weiß es immer nicht, nur hemmen lassen - das darf man sich auch nicht. Also stopfe ich die Männer lieber mit Schokolade voll, das mögen die. "Darf ich deine Hand halten?", fragt er. "Na gut." "Um Frauen mit kalten Händen muss man sich kümmern", weiß er. Tja, das Helfersyndrom, wer leidet nicht daran? Und bekäme er das mit dem Telefonieren hin, könnten wir auch unsere weiteren Pläne in die Tat umsetzen? Tja, Pläne. Als ich unseren eigenen Patienten mit den guten Mittelchen vom Doc auch in der Klinik versorgen wollte, fürchteten die gleich Sabotage. Ob die Heilpilze am Ende nicht schaden? Ayurvedische- chinesische Heilmethoden? Schokolade ist aber okay! Die darf jeder da essen. Und ja, mit Wildkräutern würde ich die Patienten dort am liebsten auch versorgen. Marktlücke! Es gibt irgendwo eine Klinik, wo war das noch? Die hat ihren Ernährungsplan ziemlich auf Wildkräuter umgestellt, und ganz enorme Erfolge damit erzielt - angeblich. Wäre eine Überlegung wert, sich da mal kundiger zu machen. Und seit ich selbst ein neues Rezept entwickelt habe, schmecken meine grünen Cocktails auch in der herben Männer-Variante richtig gut! "Die Rote Beete-Variante war grauslig", sagt Gott und schüttelt sich in der Erinnerung. Und er hat recht, der Trunk hatte überraschendes Potential, Übelkeitsgefühle hervorzurufen, war dabei aber - phytotechnisch betrachtet - in der Kombination fast meisterlich durchdacht. Nun, der Plan ist ja, ständig etwas Neues zu erfinden, da kann nicht immer alles gelingen, das weiß jeder kühne Denker. Da muss man auch den Misserfolg mal schlucken. Und auf die Lücke setzen. Und da habe ich auch nachgedacht, denn vielleicht sind Krimis gar nichts für mich? Ich habe ja keine Angst vor der Lücke. - "Und dich könnte ich auch davon kurieren", sage ich forsch. "Auch wenn die Angst natürlich bleibt, aber die Lücke, die sollte man lieber feiern. Und bloß nicht schließen." Ja, und deshalb klappt es bestimmt auch nicht mit den Krimis, da krame ich lieber noch ein wenig in dem aufregenden Leben von Inès, das lediglich aus lockeren Episoden, aber niemals aus einer Geschichte besteht, denn Inès ist immer so flüchtig undurchschaubar wie auf ihren Photos. Und daher hat sie auch keinerlei Probleme mit ihren Knien, obwohl die kaum als Perlchen in der Auster zu bezeichnen wären. Und ich als intellektuell philosophierender Kopfkünstler habe auch keine Probleme mit Körpern. Kulturhistorisch zerlegt oder nicht. "Weil ich die Lücke so mag, verstehe ich keine Krimis. Und kann keine schreiben?", frage ich Gott, denn Logik ist auch eine heikle Angelegenheit, an der schon viele gescheitert sind. "Unsinn", sagt Gott dann auch. "Es liegt womöglich daran, dass du mit diesem französischen 177er rumspielst, mit Satzzeichen den Stil verhunzt, dich ständig selbst ablenkst. Und niemals einen Plan machst, wenn du einen bräuchtest." So, so. Und daraufhin habe ich direkt einen aufs Papier gebracht, wie das? Ich habe in den neuen Herbst-Programmen geblättert und mich an angeblich famose Krimis erinnert, die ich einst selbst las, aber nicht mochte. Und Gott - denken wir an die Meliorations-Gedanken - den daraus entworfenen Plan umgehend vorgelegt. "Ich weiß nicht", sagt er. Er lacht nicht, schüttelt aber zweifelnd den Kopf. "Die doppelt vertauschten Zwillinge auf der einsamen Ostseeinsel, das erinnert durchaus an ganz alte Motive, gut. Ganz ähnlich wurde es ja bereits mehrfach und auch erfolgreich neu aufbereitet, ich fürchte jedoch ... Und der vergiftete, geviertelte Schäferhund, den man in Schottland findet ... Auf dieser illegalen Mülldeponie." "Der", sage ich, "führt aber direkt zu dem internationalen Psychopharmaka-Skandal. Da haben natürlich die Zwillinge ihre schmutzigen Finger drin. Ja, und wenn dann einer in die Kleidung des anderen schlüpft, dabei gehe ich besonders auf den soziokulturellen Hintergrund ein, passiert noch viel Schlimmeres. Dabei wiederum abstrahiere und philosophiere ich über Wissen und den Nürnberger Trichter im Allgemeinen, konzentriere mich jedoch vor allem auf? Wahnsinn und Wirklichkeit. Vertauscht und gedoppelt. Das könnte, wenn ich die Lücken da alle bis auf das letzte Türchen schließe ..." "Tja", sagt Gott.


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