Sonntag, 15. Juni 2014

Liebe


“Man hat immer eine Wahl”, sagt man. “Ich hatte keine Wahl”, beruhigt man sein Gewissen. Und der Weise - welcher war’s noch? - behauptet: “Keine Wahl, kein Urteil, nichts als reine Beobachtung, das reine Gewahrsein soll dein Weg sein.”

Und Inès schaute vor sich auf die zwei gerade servierten Drinks und schüttelte missmutig den Kopf. Das wäre der dritte Southern Ginger an diesem Abend, und der Barkeeper meinte es gut mit ihnen - viel Southern, wenig Ginger. “Er steht auf dich”, kicherte Inès Freundin Marie und nippte an dem höflich großzügig für sie gereichten Glas. “Alle wissen das. Er hat schon länger ein Auge auf dich geworfen.”
“Er ist nicht mein Typ”, muckste Inès und blickte mit schmalen Augen hinüber zu den Jungs. Wo er stand - der Typ, der ein Auge auf sie geworfen hatte, der ihnen soeben zwei Drinks spendiert hatte, jetzt aber im vernebelten Schwarzlicht der Disco so tat, als hätte er ganz andere Dinge im Kopf, hätte etwas Wichtiges mit der Clique zu klären. “Er ist ein arrogantes, schnöseliges Arschloch”, brachte Inès es auf den Punkt, erhob ihr Glas, prostete den Jungs, die sie definitiv im Auge hatten, zu und gönnte sich einen ordentlichen Schluck. Und als er etwas später wie zufällig neben ihr stand und versuchte, mit ihr zu scherzen, blieb sie bei ihrer Meinung und nahm noch einen Schluck. Und dann noch einen und vielleicht sogar insgesamt ein oder zwei zu viel. Und so kam es, dass sie sich bald darauf in seinem Wagen bedeutsam näher kamen. Doch auch ein paar gemeinsame Minuten sinnlicher Ekstase konnten Inès in ihrer grundsätzlichen Meinung nicht erschüttern. “Was ist das nur - zwischen uns?”, fragte das arrogante, schnöselige Arschloch sie, und Inès zuckte die Achseln, denn sicherlich verspürte sie keine Lust, solch tiefsinnigen Gedanken in dieser Nacht nachzugehen.

Zu überlegen begann sie erst, als er gleich am nächsten Tag vor der Schule wartete, um sie abzuholen. Wie er es auch am übernächsten Tag und allen folgenden Tagen tun würde. Und Inès zögerte zunächst, stieg dann aber zu ihm in den Wagen. Und er fuhr sie nach Hause. Oder an den See, oder in die Eisdiele. Wohin auch immer sie wollte. “Er passt überhaupt nicht zu mir”, sagte Inès zu Marie. “Er ist mindestens einen halben Meter größer als ich. Er hat Arme, die sind dicker als meine Oberschenkel.” Und. Zu allem Übel: “Er ist blond”, sagte Inès. “Dunkelblond”, präzisierte Marie, und - das Augenmerk auf das Wesentliche gerichtet, fuhr sie fort: “Seine Eltern sind stinkreich. Und er ist der beste Spieler im Team.” “Aber intellektuell zurückgeblieben”, sagte Inès, weil sie nun einmal Inès war, schob die Unterlippe vor und runzelte nachdenklich die Stirn. Ihr war klar geworden, sie hatte ein Problem. Und sie spielte auf Zeit, denn - war sie überrascht, neugierig, fühlte sie sich angesichts so viel Entgegenkommens einfach geschmeichelt? Gefiel ihr das teure Auto? Das viele Geld? Die Anerkennung? Wenn die anderen Mädchen sie finster anstarrten, weil der Typ auf sie wartete?
Auf alle Fälle kaufte sich Inès in diesen Tagen ihr erstes hochhakiges Paar Schuhe. Damit der Größenunterschied beim Küssen leichter zu überwinden war. Und eines Tages, als sich dieser riesige Kerl mit dem unterentwickelten Intellekt wieder einmal zu ihr hinabbeugte, mit dem Zeigefinger sanft ihr Kinn nach oben zog, um ihr tief in die Augen zu schauen und sie erneut zu fragen: “Was ist das nur - zwischen uns?”, legte Inès den Kopf schräg und lächelte. “Liebe?”






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