Sonntag, 29. Juni 2014

Lewis - Der Oxford Krimi. Staffel 6



“Stunde X ist in vier Minuten”, so lautet die Instruktion des neuen ambitionierten Kollegen DI Peterson, die Lewis wie Hathaway zunächst irritiert und dann über die guten alten Zeiten sinnieren lässt, in denen Polizeiarbeit noch handfeste Polizeiarbeit war und nicht in verklausuliertem Ordnungshüter-Möchtegern-Geheim-Slang kommuniziert wurde. Über so viel Nostalgie vergessen sie fast ihre Anweisung, können dann aber doch noch in letzter Minute den bösen, fliehenden Chef der gestürmten Cannabis-Plantage stellen. Mit quietschen Reifen, heulenden Motoren, Faustgewalt und blutigem Näschen beginnt die sechste Staffel im beschaulich wonnigen Oxford fast mit einer Action-Szene. Und wie praktisch ist es da, dass der Übertragungswagen von ITV (kleiner Gag des produzierenden Senders) sich direkt neben den zwei sich der Tradition verpflichtet fühlenden Spürnasen aufgebaut hat und somit den rustikalen Einsatz für die Abendnachrichten dokumentieren kann. Ein kurzer Moment des Ruhmes für die Helden von Stunde X, der indes nicht lange vorhalten soll, denn schon bald gehen gewisse skrupellose Medien auf Konfrontationskurs. Doch keine Sorge, allzu unruhig wird es nicht, denn es werden auch in den folgenden vier Fällen des Inspector-Morse-Spin-Offs in altbewährter gemächlicher Cozy-Manier ganz ohne weitere Action vor prächtiger Kulisse im Flaniertempo vertrackt verschachtelte Whodunnits-Fälle gelöst, in denen der Täter mit viel Scharfsinn stilvoll im Plauderton überführt wird.

“Lewis - Der Oxford Krimi” bleibt so auch in der sechsten Staffel very british, steif und gediegen. Doch haben die Macher ganz offensichtlich Spaß an der Sache und gehen kurz vor Lewis’ Pension ordentlich in die Vollen. Der Fan muss im Übrigen nicht beunruhigt sein, eine siebte Staffel ist schon gedreht, und selbst nach dem Ausstand aus dem Polizeidienst soll - à propos Altersrenten-Zuverdienst(?) in einer geplanten achten Staffel das “winning team” einfach weiterermitteln. Und sollte das Niveau dieser vorliegenden Staffel gehalten werden können, darf man sagen: Warum auch nicht?


Der Neue. Weiß genau, was er tut?

In der ersten Episode, “Gefangen im Netz”, muss der vermeintliche Selbstmord der Literaturprofessorin Miranda Thornton zunächst als Mord enttarnt und sodann gelöst werden. Umgedrehte Bücher, Shakespeare-Zitate, Partnerschaftsbörsen, hämisch-fiese Internetportale, viel verhängnisvolle Flirterei und altbekannte Liebesverwirrungen führen zu wunderschön aufgebahrten Leichen und einer traurigen Wahrheit.




Man sieht es ihr an:
Miss Marber ist durch und durch durchtrieben
Gleich im famosen zweiten Fall “Das Rätsel des Genies” stößt die attraktive Botanikerin Liz Nash mit einem beherzten Spatenstich auf einen tief im Wald verbuddelten Professor. Bei den sich aus diesem Fund ergebenden Ermittlungen könnte sich das einst von Lewis Carrol verfasste geheimnisvolle Buch “Die Jagd nach dem Schnark. Eine Agonie in acht Krämpfen” als hilfreich erweisen, denn wie so oft mag auch hier die Lösung des Rätsel eben in diesem selbst liegen, auch wenn die Jäger keine Ahnung haben, auf welche Spur sie sich begeben wollen. Mindestens so hochkomplex ist aber auch der ebenso elitäre wie legendäre Genie-Kult, dem einige vermeintlich exzentrische Universitätsprofessoren seit Jahrzehnten frönen sollen, und das nicht immer, ohne daran Schaden zu nehmen. Hathaway, der bereits im ersten Fall seiner offensichtlichen Vorliebe für junge, hübsche Damen verhängnisvoll nachging, darf sich auch in dieser Episode mit versteifter Coolness durch den botanischen Garten schäkern. Bei so viel Ablenkung durch das andere Geschlecht ist es nur gut, dass die hartnäckig uneinsichtige, selbsternannte Privatermittlerin Miss Marber der offiziellen Untersuchung mit eigenen Nachforschungen auf die Sprünge hilft.




Geselligkeit in Oxford
 Besonders ausschweifend wird es in “Heimliche Spiele”, wobei ein paar kultivierte Bondage-Verknotungen noch als die harmloseste Variante der Spielchen erscheinen. Vor allem die bekannte Bilderstürmerin und Foto-Anthropologin Marion Hammond, die Lewis ihre ganz eigenen Vorstellungen von Erotik näherbringt, könnte mehr wissen, hat sie doch das erste Opfer im Bondage-Stil fotografiert. Ein Chef, der gewohnt ist, jedes Ziel zu erreichen, und mit unmoralischem Angebot seine Angestellten verunsichert, scheint verdächtig. Dieses Ausbund von Erfolg und Arroganz wird im Übrigen von Gary Kemp gegeben, der einst mit Spandau Ballet - die älteren Zuschauer erinnern sich - seinen Teil zur Musikgeschichte beitrug. Doch auch die sonderbaren Bewohner eines ehemals besetzten Hauses sowie ein überreizter Verhaltensforscher, der Affen zum Sprechen verleiten will, stiften eine Menge Verwirrung und noch mehr Tote. 

Zwei, die sich mögen

In der vierten und damit letzten Episode “Der unauslöschliche Makel” wird gar am ehrwürdigen Institut für Kriminologie ermittelt. Ein umstrittener Vortrag, mutmaßlich rassistische Thesen, viel Alkohol und noch mehr Verzweiflung führen auch in diesem Fall zu einigen Leichen. Doch liegen die Motive für die Morde in allzu fanatischem Verständnis von Demokratie? Oder doch in den ewigen verzwickten Liebesverstrickungen, denen kaum jemand entkommt? In Oxford? Lediglich Inspektor Lewis selbst scheint dies zu gelingen, und dennoch passt es ihm nicht, dass ausgerechnet der neuen Kollege Peterson ein Auge auf die Rechtsmedizinerin Laura Hobson geworfen hat.

Die vorliegende Staffel bietet herrlich verschnörkelte Wohlfühlfälle, die Ordnung zurück in die teilweise fast absurd gestaltete Unordnung bringen. Doch Produktion, Skripts sowie vor allem die altbekannte, großartige britische Schauspieler-Riege wissen famos mit den von der Serie und ihrem Vorläufer Morse gesetzten Standards zu spielen: mit der zelebrierten Schlaumeierei, der Wehmut bezüglich der längst vergangenen guten alten Tage, mit einem ironischen Augenzwinkern, das so rasant entschwindende Werte wie Bildung und Kultur zugleich feiert und verabschiedet, dem zurückgenommenen Schmunzelhumor sowie der überzogen verspannten Britishness. “Lewis - der Oxfordkrimi” bleibt einfach bester Wellness-Krimi mit feinstem Chillfaktor!   




Lewis der Oxford Krimi. Staffel 6

4DVDs    
Studio: Edel Motion. Laufzeit: 360 Minuten.  Darsteller: Kevin Whately, Laurence Fox, Clare Holman u. a. Erscheinungstermin: 2014. Produktionsjahr: 2012. Sprache: Deutsch, Englisch. FSK: 12. Preis: 29,99 Euro.



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