Dienstag, 10. Juni 2014

Klein machen


Selbst die kleinste Liebe kann, wenn sie vergeht, größten Schmerz zufügen, eventuell sogar, weil man ihr so wenig Bedeutung zugemessen hat? Wozu aber sind dann erst die großen Lieben fähig?
“Du bist die Liebe meines Lebens”, hat Stefan gesagt, da war Inès schon schwanger, und seine Einsicht kam ihr zu spät. Und so lehnte sie seinen sich der überraschenden Offenbarung nahtlos anschließenden Antrag kategorisch ungnädig ab.
“Die Liebe meines Lebens”, brüllte der sonst so ruhige Stefan nur eine kurze Weile später, als er bereits draußen auf dem Flur stand. Woraufhin er wie ungestüm gegen die Wohnungstür trat, durch die ihn Inès soeben mit deutlichen Worten hinauskomplimentiert hatte. Denn
hatte sie nicht recht? “Rumvögeln kann schließlich jeder. Doch letztlich war Stefan mit den sanftmütigen braunen Augen viel zu besonnen, um weiteren Schaden anzurichten. Selbst im Auge des Sturms verlor er nicht vollends die Haltung. Und so trat er einen Schritt zurück, atmete tief durch, strich sich eine Träne aus dem linken Augenwinkel, die er dem Zorn zuschrieb, drehte sich um und ging.
Ging aber nicht weit, sondern setzte sich, kaum auf der Straße angekommen, auf das kleine Mäuerchen der Garageneinfahrt und überlegte. Denn eins war dem Mann klar, so sorgenlos flatterhaft wie Inès sich stets gab, so eisern konnte sie einen ein Mal gefassten Entschluss verfolgen. Ob richtig oder falsch spielte dann kaum noch eine Rolle. Und niemals würde sie nach diesem so grundlegenden wie absurden Streit einlenken. “Jetzt ist es zu spät”, sagte sich Stefan und ließ dennoch nach Hose und Herz den Verstand sprechen. Und dieser verschaffte sich einen Überblick über die Lage und machte nach kurzem klarsichtigen Bedenken einen fairen Vorschlag: “Zwei Möglichkeiten, sagt der Weise, stehen dir frei. Entweder machst du dich klein. Oder du bist es.”
“Sie ist die Liebe meines Lebens”, beharrte Stefan, und der Verstand lachte. 

Woraufhin Stefan nickte. Aufstand, die lange schnurgerade Straße hinunterging bis zur Eisdiele an der Ecke, um dort eine doppelte Portion von Inès Lieblingseis - “Mit besonders viel Karamelsauce” - zu bestellen, zu bezahlen und dann zuzusehen, wie das Eis auf dem hastigen Heimweg in der sommerlichen Hitze langsam schmolz und von der Waffel tropfte. Und Stefan fluchte leise und leckte dann selbst am Eis und dann noch einmal und noch einmal. Stürzte eilig die Treppen nach oben, wo er Inès nach dreimaligem Klingeln und längerem Klopfen eine quasi verspeiste, aufgeweichte Eiswaffel überreichte.
Dieser irgendwie komplett misslungene Versuch einer Versöhnung stimmte Inès jedoch umgehend so heiter, dass sie Stefan wieder in die Wohnung ließ. Und sie hörte auf ihr Herz, machte sich klein und heiratete Stefan überstürzt im Liebesrausch nur wenige Wochen später. An die mehr oder weniger aus dem Stegreif von Stefan improvisierte Feier kann sich Inès kaum erinnern. Wie unter einer plötzlichen Bewusstseinsstörung leidend, muss sie gelacht, gegessen, getanzt, gefeiert haben. Schemenhaft undeutlich nahm sie ihre Umwelt wahr. Und schemenhaft undeutlich sind ihre Erinnerungen, sogar die Erinnerungsfotos scheinen verschwommen. “Hab ich wirklich ja gesagt?”, hat sie Stefan wie vom gesunden Selters trunken, gefragt, als der sie aus der Mitte der Hochzeitsgesellschaft auf den Arm nahm, um die Braut zu entführen. “Hast du”, sagte Stefan. Lachte und trug seine kleine Familie auf dem Arm zum Auto.  







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