Montag, 2. Juni 2014

Do Domu?


Wer sich gleich in der Früh selbst aussperrt, hat ein Problem. Kein sonderlich großes Problem, wenn hinten alle Türen zum Lüften geöffnet sind. Muss man eben nur über den Zaun klettern, den wir damals aufgestellt haben, als Chief Walks noch jung und dynamisch war, und von allen nur Walk Away gerufen wurde, weil es woanders immer aufregender ist als daheim. Vor allem für die, die hinter ihm hersuchen mussten. Leider ist der Zaun hoch und der eigene Wuchs recht klein geraten, also? Mal einfach da drüben schellen. “Die sprechen nur Polnisch”, hat er mir damals gesagt, als sie einzogen, aber das ist gar kein Problem, denn ich hatte mal einen polnischen Freund, und dann lernt man ganz schnell wichtiges Vokabular wie? “Wiejska pie;knos'c”, oder so ähnlich, was Dorfschöne bedeuten soll, womit im Übrigen nicht ich gemeint war, sondern eine wirkliche Dorfschöne. Oh ja! Und “bransoletka”, genau, das versteht wohl jeder, ein schönes Geschenk für den Unterarm, eigentlich klingen viele Sprachen eben doch sehr ähnlich? Und? Das wichtigste Vokabular heute kenne ich auch: do domu! Und das heißt? Ab nach Hause, und genau dort will ich ja hin. Vorzugsweise mithilfe eines kleinen Klapptritts? Einer kleinen Leiter, dann muss ich mich nicht so verzweifelt über den Zaun hangeln? Gesagt, oder zuerst gedacht, dann das Anliegen der netten Dame, die gleich beim ersten Klingeln öffnet, auch gestisch vorgetragen, da mein Polnisch dann doch insgesamt auf recht rudimentärem Wissen beruht. Und dankbar mit freundlicher Hilfe daheim angekommen. Und sich trotzdem nicht gut gefühlt, denn - sage ich zu Gott: “Dieses Heim für Senioren ist wirklich phantastisch. Alles ist schön, sauber, weitläufig, die Hunde sind da, der Ausblick von der Terrasse ist herrlich. Aber in der Früh, wenn sie die Leute angezogen haben, dann sitzen die alle da unten im Speisesaal. Jeder an seinem Platz - wie regungslos. Ich war ja nicht lange da, aber es war wie leblos, kein Mensch, der sich bewegte. Niemand sprach mit jemand anderem. Sonst ist da viel Betrieb, es ist bestimmt ganz toll, unser Patient ist momentan erstaunlich friedlich, es scheint ihm zu gefallen. Aber - dieser Saal? Das war das Ende. Und das sagte dann auch gleich der eine Mann, der vorn so gern an der Tür steht, der mit der inzwischen wohl gebändigten Weglauftendenz zu mir. Er sagte: “Hier müssen alle aussteigen. Endstation. Und dann lachte er.” Und ich überlege. “Da war es in der Psychiatrie ganz anders, die lassen sich nicht so einfach bändigen, die laufen umher, reden miteinander, ganz egal, was für ein Sinn dabei herauskommt, sie suchen Anschluss.” “Ja”, nickt Gott. “Da fühlst du dich wohler. Du beobachtest gern, aber du bist ziemlich blind, das habe ich längst bemerkt. Du fühlst dich bei den Verwirrten wohl, bei den Musikanten, den Obdachlosen, magst Polizisten und Knastbrüder, erkennst keine Schwulen, wenn du in einer Schwulenkneipe sitzt, das ist durchaus etwas anders.” Was wahrscheinlich richtig ist, und in der Tat den so oft gepriesenen vorurteilsfreien Umgang wohl enorm erleichtert. Manche Dinge, die vielen so offensichtlich erscheinen wollen, und ich glaube das einfach nie, sehe ich nicht. Das Gute und das Böse, das Richtige und das Falsche. “Doch jetzt”, sagt Gott, “bist du dem Tod begegnet. Nicht dem schnellen überraschende, nicht dem dramatischen, wie du es gern magst, sondern dem langsamen, schlürfenden Tod, dem Ende, das dem Betrachtenden bejammernswert erscheinen mag. Das erkennst selbst du.” Wohl wahr. “Sie machen ja auch Spaziergänge und manchmal machen sie richtige Ausflüge”, sage ich. “Letztens war da viel Betrieb, es war bestimmt nur so ein Moment ...” “Do domu”, sagt Gott. “Der Tod kommt, wie er will - unser aller Zuhause.” 



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