Donnerstag, 12. Juni 2014

Die Wahrheit


‘Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar’, so heißt es. Denn die Wahrheit ist Wissen, und Wissen ist Macht. Die beunruhigenden Details, aus denen sich die Wahrheit nicht selten zur knappen Erkenntnis in kargen Wörtern zusammenfügt, umschifft der Einzelne dabei nur allzu oft allzu gern. Das Schlimmste aber an der Wahrheit, den Wörtern und allem Wissen über diese sind? Die Entscheidungen, die aus ihnen heraus gefällt werden.
Und eine dieser lautete?
“Auf Wiedersehen”, sagte Inès, wiegte auf dem einen Arm den kleinen Theodorus, der sich selbst Dodo rief, und hielt in ihrer anderen Hand ein Reiseköfferchen. Drehte sich um und ging durch die Tür. “Geh nur”, nickte Stefan, der eben erst nach Hause gekommen und mit einem heftigen Wutausbruch begrüßt worden war. “Geh nur”, sagte er, und hinter Inès fiel die Tür ins Schloss. Sie ging durch das Treppenhaus, wartete unten an der Bushaltestelle, fuhr von dort zum Bahnhof, und dann mit dem Zug ans Meer. “Alles ist gut”, sagte Inès zu ihrem Sohn, und der vertraute dem Wort der Mutter sah mit großen Augen in die Welt, bemerkte kein aufziehendes Unglück, gähnte und schlief ein.
Und während der Großteil der Familie so spät am Abend, so überraschend in die Sommerfrische aufbrach, saß Stefan allein, müde und etwas verwirrt am Küchentisch und genehmigte sich schweigend ein zweites Bier.
Es war nun eben dieser lange Arbeitstag, der seit Wochen der Auslöser für Inès Unmut war. Denn nach der regulären Arbeit in der Schreinerei hatte Stefan noch einen Job bei der Bekannten eines Bekannten angenommen - “Maßanfertigung, Cash auf die Kralle bezahlt. Ein Glücksfall”, hatte Stefan Inès erklärt. “Wir können das Geld gut gebrauchen. Und es ist eine echte Herausforderung, es macht mir Spaß, Möbel perfekt einzupassen. Ich bin mein eigener Boss, vielleicht kann ich mich irgendwann selbstständig machen”, schwärmte Stefan und Inès nickte. Sie war einverstanden, einverstanden mit den langen einsamen Tagen, an denen sie Stefan so gut wie nicht sah, an denen sie sich ganz allein um den kleinen Dodo kümmerte, war einverstanden und schwieg selbst, als Stefan immer später am Abend immer müder und schweigsamer nach Hause kam. War einverstanden, bis sie eines Samstagmorgens die Bekannte des Bekannten auf dem Wochenmarkt zu Gesicht bekam. Und nachdem die Frau, die während des gesamten kurzen Aufeinadertreffens ihre Hand auf Stefans Arm gelagert hielt, sich mit einem unübersehbaren Augenaufschlag verabschiedete, schaute Inès ihr nachdenklich hinterher. “Mit ihr verbringst du also deine Abende”, stellte sie fest. Und direkt danach eine erste Forderung als Ehefrau und Mutter. “Du kündigst.” 

Doch Stefan, der sich frei von aller unterstellten Schuld sah, kündigte nicht. “Es ist ein lukrativer Job, eine handwerkliche Herausforderung. Es macht mir Spaß”, beharrte er zu allem Übel, und Inès verstand. “Das glaub ich dir”, sagte sie, schob ihr Kinn vor und rief somit den Kriegszustand aus. Einen Krieg, den sie wegen Stefans vehementer, nahezu pazifistischer Kampfesverweigerung nicht gewinnen konnte. Und so ging sie eines Abends, überließ ihn seinem selbstgewählten Schicksal und fuhr ans Meer.
Und fast zwei Monate hielten die beiden es ohneeinander in eintönigem Schweigen aus, wechselten am Telefon lediglich wenige Worte über das Wohlergehen des kleinen Dodos. “Wie geht es ihm?”, fragte Stefan. “Gut”, antwortete Inès dann und hielt den Hörer dem Kleinen ans Ohr, damit Vater und Sohn sich ein wenig austauschen konnten. “Dodo”, rief Dodo dann meist, klatschte in die Hände und lachte, denn er war ein glückliches Kind, das dem Streit der Eltern nicht allzu viel Sorgen widmete. Und so vergingen die Tage, Inès verbrachte fast jede Minute am Strand, wo sie mehr oder weniger betrübt nachdenklich auf die Wellen blickte, während sich Stefan daheim mit seinen zwei Jobs mehr als ausgelastet fühlte. Oder auch nicht, denn was immer er tat, wie müde er auch war, wenn er abends ins Bett fiel, oder morgens in der Früh aufstand, keine Sekunde gingen ihm seine zwei Ausreißer aus dem Kopf. “Was tut ihr zwei gerade? Wie geht es euch? Vermisst ihr mich?”, waren seine ständigen Gedanken. 

Und an einem langen warmen Sonntagnachmittag öffnete er Inès Kleiderschrank. Aus Einsamkeit? Sehnsucht? Trauer? Einem vagen Schuldgefühl? Aus einer plötzlichen defensiven Kampfbereitschaft stand er vor der Kleidung, die sie zurückgelassen hatte. Seine Finger spielten mit den Stoffen, seine Nase atmete Inès Parfum, ihren ganz eigenen Duft ein. Und dennoch gab sich Stefan nicht zufrieden, seine Finger tasteten unruhig weiter, suchten etwas, von dem er nicht hätte sagen können, was es war. Und er seufzte, als er es fand - eine Kiste unter den Winterpullovern. Durchstöberte auch diese, vergaß dabei seine Sorgen um Geld, seine zwei Jobs, und den Spaß, den ihm die handwerkliche Herausforderung bereitete. Fuhr sich mit der Hand durchs Haar, setzte sich in den Wagen und fuhr ans Meer.
Und als er Inès in der kleinen Pension antraf, in der sie Unterschlupf gefunden hatte, nahm er ihr gegenüber schweigend Platz. Und noch bevor er das Fotoalbum, das er neben einigen anderen Erinnerungsstücken gefunden hatte, vor sich auf den Tisch legte, es auf einer bestimmten Seite aufschlug, sah Inès all die Wahrheiten der vergangenen Jahre vor sich. “Du scheinst ein aufregendes Leben geführt zu haben, bevor wir uns kannten”, sagte Stefan und räusperte sich. “Das geht mich sicher nichts an”, fuhr er fort. “Aber du hättest mir sagen können, dass du schon einmal verheiratet warst. Das tut man doch normalerweise”, sagte Stefan, und Inès schaute vor sich auf die Tischplatte. “Und ihr habt eine Tochter”, sagte Stefan. “Du hast eine Tochter.”






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