Dienstag, 17. Juni 2014

Die Trauer


“Das Seelenamt findet am Mittwoch, dem 23.10 um 14.30 Uhr in der Liebfrauenkirche im Philosophengrund statt. Die Trauerfeier wird in der Friedhofskapelle abgehalten, die Beerdigung schließt sich an”, hieß es in der Traueranzeige.
Und Inès, die sich zu einem letzten Abschied dezent elegant gekleidet hatte, schluckte, als sie spät, sie wollte unter keinen Umständen Aufsehen erregen, die Kapelle betrat. Denn über den Köpfen der versammelten Gemeinde, gleich neben dem Sarg, zwischen all den Blumen, hatte man ein großes Foto von ihrem letzten Arbeitgeber aufgestellt. Ein sehr privates Foto von dem erfolgreichen Geschäftsmann Nicolas Caville, den Inès nur ‘Jean’ rief, und der aus dem Bild heraus wie unbeschwert in die Menge zu lachen schien. Und der auf diesem Foto sonderbarerweise fast ein wenig wie Claude Brasseur aussah - mediterran bajuwarisch. Diese Ähnlichkeit der Gesichtszüge war Inès nicht aufgefallen, als Jean noch lebte, neben ihr spazierte, sie nachdenklich ansah, wenn sie ihm Geschichten erzählte. Wenn sie lachte. Der so wenig von ihr erwartet hatte.
Und Inès setzte sich in die letzte Reihe, beachtete nicht die Menschen um sie herum, nicht die Musik, die die Familie in Erinnerung an den Verstorbenen ausgesucht hatte, denn Inès war nur aus einem Grund gekommen: Wut. Und so machte sie Jean in stiller Zwiesprache Vorwürfe. Schließlich war sie allein, ganz allein, seit der Nacht, in der er “in einem tragischen Moment”, wie es die Zeitungen formuliert hatten, von dem Balkon eines luxuriösen Hotels über 20 Meter in die Tiefe gestürzt war. “Gestürzt”, nicht gesprungen hatten sie geschrieben. Und dass sich Jean, Monsieur Caville, in der sündhaft teuren Unterkunft regelmäßig mit einer den Redaktionen unbekannten jungen Dame getroffen habe. “Vielleicht kam es zum Streit”, hatte man über ein Liebesaus spekuliert. “Vielleicht wollte sie ihn verlassen.” Und dann erinnerte man sich an den erschütternden Selbstmord von Cavilles Ex-Verlobter. “Als er sie verließ, die Verlobung auflöste, stürzte sie sich in den Tod. Vielleicht ist er nie über diesen schweren Schicksalsschlag hinweggekommen”, spekulierte man. Weder die Polizei noch die Familie gaben nähere Angaben heraus. Auch nicht zu Inès.
“Was hast du dir dabei gedacht, Jean?”, fragte Inès das Foto. “Sicher, das Leben ist hart. Aber du hattest mich”, sagte Inès zum Foto. “Und man stirbt mit dem Schwert in der Hand. Und stürzt sich nicht wie auf irgendeiner griechischen Insel wie von einer dämlichen Klippe in den Liebestod. Ohne ein Wort. Was ist mit mir?” Und obwohl die Wut und die Anklagen sie vor ihrer Trauer bewahren sollten, begann Inès, vermutlich weil sie Jean auf diesem verdammten, so lebensechten Foto so direkt in die Augen sehen konnte, oder aus Angst, oder Selbstmitleid zu weinen.
Und ehrbare Menschen drehten sich zu ihr um, versuchten einen Blick auf die schluchzende Person ganz hinten, in der letzten Reihe, zu ergattern. Diese Person, die die unerhörte Dreistigkeit besaß, inmitten von Menschen aufzutauchen, die Nicolas Caville gekannt hatten, mit ihm gearbeitet hatten, gelebt hatten, die ihn liebten, die ihn schätzten. “Die soll ihn ausgenommen haben wie eine Weihnachtsgans”, flüsterte eine ältere Dame mit Hut vernehmbar verbissen durch den Raum. Doch Inès begriff nicht, dass sie gemeint war. Erst als die Musik längst verklungen war, das Schweigen zu vernehmbar wurde, bemerkte sie, dass selbst der Trauerredner, der vorn mit einem Zettel in der Hand vor dem Sarg stand, sie, den offensichtlich ungebetenen, untröstlichen Gast, mit argwöhnischem Blick betrachtete. Und sie biss sich auf die Lippe, denn sie begriff: es schickte sich nicht, zu weinen. Vor allem aber schickte es sich nicht für sie, hier zu sein. Und sie nickte. “Tut mir Leid, Jean”, sagte sie leise, stand auf und ging.  







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