Dienstag, 24. Juni 2014

Der Spielplatz


Ob es Liebe war, die Inès immer wieder in das Auto ihres großen, stämmigen Verehrers steigen ließ, bleibt ungewiss. Und sicher hatte sie recht, als sie feststellte, dass er, der beste Spieler im Team, geistig nicht unbedingt als hellstes Lichtlein strahlte. Doch anstatt ihn wegen eklatanter Mängel bei der Denkarbeit auf die Ersatzbank zu verbannen, lächelte sie ihn, den Kopf in den Nacken gelegt, in ihren neuen hochhackigen Schuhen, an. Denn ihr gefiel die zurückhaltende Hartnäckigkeit, mit der er sie umwarb, ihr gefiel, wie er behutsam beschützend seine riesige Hand sanft auf ihre Schulter legte, und wie dieselbe Hand unsicher nach ihrer tastete, wenn er neben ihr stand. Denn auf kleine Mädchen wirkte ein Junge seiner Größe, der auf dem Spielfeld den Gegner clever ausspielte, ihn im Zweifel einfach gnadenlos umrannte, beängstigend. Wenn derselbe Junge aber im Strafraum seiner Herzdame so umsichtig verschüchtert auftrat, war das? “Nur süß. Er ist einfach nur süß”, sagte Marie drehte die Ketten ihrer Schaukel ein, um dann bei stärkstem Zug loszulassen und sich in einem schnellem Kreisel in die Ausgangsposition zurückzuwirbeln “Wie der dich immer anschaut, wie im Kino”, sagte sie dann. “Wenn Olaf mich so anschauen würde …”, sagte Marie. Und Inès prustete verächtlich, denn den Olaf, den mit den abstehenden Ohren “den kannste echt vergessen. Den hättest du gleich abschießen sollen”, riet Inès, und Marie seufzte und bot ihrer Freundin eine Kippe an. Aber Inès schüttelte den Kopf, saß regungslos auf ihrer Schaukel und starrte nachdenklich vor sich auf den Rasen. Auch sie hatte Sorgen, denn - sagt man nicht - was die Liebe oder die Hormone vereinen, soll am Ende Früchte tragen? Und dass ihr neuerdings beständig übel war, machte sie nervös, verdammt nervös. Es war die Zeit der Abschlussprüfungen, und es fiel Inès nur allzu leicht ihr eisernes Schweigen und die Angst in ihren Augen für sich sprechen zu lassen. “Was ist denn nur los, Schätzelchen?”, sagte ihr Vater, setzte sich zu ihr ans Bett und hielt ihre Hand. “Du weißt, dass du es kannst. Du hast die besten Noten, reg dich nicht auf, nimm das Examen einfach nicht ernst”, sagte ihr Vater und küsste Inès auf die Stirn. “Du bist doch so gescheit, du weißt doch immer alles, stell dich nicht so an, Fräulein Neunmalklug”, sagte ihre dämliche Stiefmutter, und Inès zuckte die Achseln, denn vielleicht hatten die anderen ja einfach recht, vielleicht hatte sie einfach nur Prüfungsangst. “Wär doch möglich”, sagte sich Inès, wenn sie sich abends allein ins Bett legte, und es in ihrem Bauch und in ihrem Kopf rumorte. “Wär doch möglich”, sagte sie sich, wenn sie sich morgens, noch bevor sie sich in ihrem Zimmer an ihren Schreibtisch an ihre Aufgaben setzen konnte, auf der Toilette übergab. “Prüfungsangst.”
“Ich schätze, ich werd ihm erst nach dem Abi den Laufpass geben”, setzte Marie ihr Gespräch nun fort. “Ist weniger Stress, Olaf macht immer nur Stress”, sagte sie, schnippte den Rest der Kippe fort und nagte an ihrer Unterlippe. “Und nach der Schule fängt eh ein neues Leben an.” Und Inès sah all die Zeit, die noch vor ihnen lag, und plötzlich, wie bei einer Hitzewallung, trat ihr der Angstschweiß aus allen Poren und sie stellte sich den Tatsachen. “Ich bin schwanger”, sagte sie. “Von diesem dämlichen, riesigen, süßen Typen bekomme ich ein Baby. Scheiß auf die Schule, mein Leben ist eh vorbei”, sagte Inès. Und Marie nickte. “Hab ich gewusst.” 





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