Mittwoch, 25. Juni 2014

Das Schicksal


Leg dich nicht mit deinem Schicksal an, sondern? Begegne ihm mit Größe -
denn das Dasein auf der Welt könnte aus nichts als einer Reihe von Prüfungen bestehen. 
Oder halt dich für clever, sei flink und versuche, dem Schicksal zu entwischen. Auf alle Fälle - wer das Leben ernst nimmt, hat längst verloren.

Inès war also gearscht, so zumindest kam es ihr vor. Praktisch vor dem Start ins Leben war sie gleich aus dem Verkehr gezogen worden. Aber Weglaufen? Schien unmöglich. Und dem Schicksal mit Größe zu begegnen, wenn es ihr - mit all ihren Plänen, ihren Ambitionen - gerade so dämlich kam, darauf pfiff sie. Marie konnte Inès Bedenken nicht verstehen. “Seine Eltern haben eine Mörderkohle, ein echter Glücksfall ist das. Und er liebt dich. Und überhaupt! Wieso willst du eigentlich studieren?”, brachte Marie die Misere auf den Punkt, und Inès zuckte die Achseln. “Wann willst du es ihm sagen?”, fragte Marie. Und. “Kann ich dann Patentante werden?” Und wieder zuckte Inès die Achseln, denn sie hatte keine Antworten auf Maries Fragen. Und aus eben dieser Ratlosigkeit wich sie Misha, dem Typen, von dem sie letztens geglaubt hatte, sie könnte doch ihn in verliebt sein, immer öfter aus, behauptete, sie müsse für ihre Prüfungen büffeln, sie sei zu nervös, sie schlafe schlecht, sie habe eine Magenverstimmung. “Nein, besser kein Eis heute. Auch keine Coca. Ein Abendspaziergang? Ich bin müde, Misha, mir geht’s grad nicht so gut. Gute Nacht, schlaf gut”, sagte Inès und legte den Hörer auf. Und brachte mit ihrem sonderbaren Verhalten ihren Verehrer zum Grübeln. “Irgendetwas stimmt nicht”, sagte Misha zu Marie, die die Achseln zuckte. “Nein”, beharrte er, “da stimmt was nicht”, und er schüttelte nachdrücklich den Kopf. Ob er dann letztlich doch selbst zwei und zwei zusammenzählte, oder ihn am Ende einfach die kesse Marie auf die richtige Spur brachte, soll beider Geheimnis bleiben. Doch eines Abends ließ er sich nicht mehr an der Haustür abwimmeln. Er stand vor Inès, griff ziemlich forsch nach ihrer Hand und sagte ohne Zögern: “Du bist schwanger.” Und als das auf diese Feststellung folgende Schweigen zu lang wurde, fuhr er sich verhaspelnd fort. “Also, vielleicht, wahrscheinlich sogar … Ich schätze, es könnte, ist es von mir?” Woraufhin ihm Inès einen langen Blick zuwarf, und er räusperte sich. “Okay. Klar, es ist von mir. Aber - was ich eigentlich sagen wollte …”, und wieder schien der große Misha den Faden verloren zu haben. Und am liebsten hätte Inès in dem Moment selbst die Sache in die Hand genommen, einfach mal auf den Punkt kommen, einfach Schluss machen. Einfach für klare Verhältnisse sorgen. Mit klaren Worten. Und abhauen, wenn’s brenzlig wird. Wie Männer es halt tun. Doch sie schwieg, und so kam es, dass Misha nach längerer Bedenkzeit fortfuhr. “Und das geht völlig in Ordnung. Kann passieren, hätten wir dran denken können.” Und Inès legte den Kopf in den Nacken und schaute ihm nachdenklich in die Augen. “Du kannst zu mir ziehen, wenn du willst. Sofort. Du weißt, es ist Platz genug. Auch für drei. Und. Ich rede mit deinem Vater”, bot Misha tollkühn an. Und Inès verdrehte die Augen. “Bloß nicht”, denn die frohe, viel zu früh zu verkündende Botschaft würde noch für ordentlich Stunk in der Familie sorgen, da war Inès sich sicher. “Ich wollte studieren”, sagte sie. “Kannst du doch, so klug wie du bist”, konterte ihr großes Superhirn. “Ich wollte reisen”, muckste Inès. Und Misha drückte ihre Hand. “Machen wir, kleine Lady. Wo du auch immer hin willst. Wir machen dann eben einfach alles zu dritt. Mach dir keine Sorgen. Ich bin ja da.” Und Inès nickte.

“Ich hab ihn nicht geheiratet”, sagte Inès neun Jahre später zu Stefan, als sie sich in einer kleinen Pension in der Nähe des Meeres an einem kleinen Tisch zum ersten Mal nach ihrem Streit und Inès Flucht gegenübersaßen. “Es gab eine kleine Zeremonie. Irgendjemand - keine Ahnung - hat uns gesegnet, uns drei. Seine Mutter hatte das vorgeschlagen, damit wir glücklich werden. Und wir waren auch glücklich. Eine Zeit lang. Aber es war keine Hochzeit, nichts Offizielles. Ich wollte ihn eigentlich nicht. Von Anfang an nicht. Er passte gar nicht zu mir. Aber am Ende hab ich ihn geliebt, schätz ich. Und ich war die Liebe seines Lebens”, sagte Inès unbedacht. “Nur zu”, dachte Stefan und starrte vor sich auf die Tischplatte, denn wäre es nicht schön gewesen, die Liebe seines Lebens, diese tief empfundene, zugesprochene absolute Alleinherrschaft, mit niemandem, auch nicht aus der Vergangenheit, teilen zu müssen. Aber war er es nicht selbst gewesen, der glaubte, unbedingt in eben dieser stöbern zu müssen? Die unheilvolle Schachtel, ganz hinten im Kleiderschrank versteckt, öffnen zu müssen?
“Du hast recht, wir haben eine Tochter bekommen, da war ich gerade 19 geworden. Gleich nach dem Abi, sie hat nur ein paar Tage später als ich Geburtstag”, setzte Inès ihr Geständnis fort. Denn was war es sonst, was sie hier trieben.
“Und dann hast du die zwei im Stich gelassen”, sagte Stefan und blickte seiner Ausreißerin in die Augen. “Du warst zu jung? Du bist einfach abgehauen, wie du jetzt auch abgehauen bist, als dir nicht passte, was ich machte. Ist es so?”, sagte Stefan. Und Inès nickte.
“Misha hatte einen Unfall. Er lag genau drei Monate und fünf Tage im Koma. Jeden Tag bin ich zu ihm gegangen, hab an seinem Bett gesessen, seine Hand gehalten. Ich hab mit ihm gesprochen, Musik gehört, seine Finger bewegt. Ich hab die Kleine mitgenommen. Ich habe Fußball und Motorsport im Fernsehen mit ihm geguckt. Alles, damit er sich erinnert, damit er zurückkommt. Zu uns. Und eines Tages hat er das getan, er ist aufgewacht. Und wir waren so glücklich. Aber es ging ihm nicht gut, gar nicht gut. Er kam dann in eine andere Klinik, manchmal schien es, als mache er Fortschritte, dann wurde es wieder schlimmer. Ich hab das nicht ausgehalten. Irgendwann hab ich das nicht mehr ausgehalten. Da hab ich Manon auf den Arm genommen. Und bin weggelaufen.”







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