Dienstag, 3. Juni 2014

Blauäugig und sanftmütig


"Da", sagt der Doc und knallt mir seine Speziallektüre vor die Nase. "Zwei Mittel nennt der Computer, kannst du dir eins von aussuchen", da wir ja auch nicht blind der Technik vertrauen wollen, vor allem dann nicht, wenn sie selbst unentschieden scheint. Also überfliege ich flink die Hauptindikationen in der Arzneimittellehre, und die enden beim ersten Mittelchen mit diesem Gedanken: "Neben klinischer Indikation ist der Haupttyp zumeist blond, blauäugig und sanftmütig." Und damit wohl kaum das richtige für die eigenen Anlagen. Nachdem sich die Entscheidung also wie von selbst ergeben hat, treffe ich die nette Frau und frage sie nach dem netten Mann, denn - es ist dann doch oft so, wie es der tantrische allumfassende Pfad verspricht, irgendwie sind die meisten Menschen im Umgang eben doch nett. Und manchmal, wenn es gelingt etwas mit Freude zu tun - trotzdem, oder gerade eben wegen widriger Umstände - kommt es auch ebenso zurück. "Den grüße ich gern, das ist unser Schatz", sagt sie. Und das glaube ich ihr ebenfalls gern, so ein netter Mann, und inzwischen kenne ich fast alle seine Probleme, die sind fast noch komplizierter als meine eigenen. "Wie haben Sie das gemacht?", fragte er mich bei unserem ersten Gespräch, als ich ihm mein Anliegen vortrug, und ich sagte: "Sie sitzen doch in der Beratungsstelle. Müssten Sie das nicht besser wissen?" "Aber nur in der Telefonzentrale", sagte er, und seither tauschen wir uns gern aus - wie man's halt so macht, wenn es gilt, Probleme zu lösen. Und dann wieder in die Klinik gefahren, denn: "Wenn ich Ihnen die Unterlagen per Post zusende, geht das über die Zentrale. Das kann eine Woche oder länger dauern. Ich drucke es Ihnen sofort aus. Holen Sie es lieber ab", sagt die hilfsbereite Dame am Telefon. Und das ist ein guter Gedanke, denn dieser ganze Bürokratiekrams dauert auch ohne Verzögerungen einfach immer viel zu lang. Und so warte ich in einer erstaunlich leeren Psychiatrie auf die Unterlagen und frage mich - "Wo sind die denn alle?" - und selbstverständlich vermisse ich meinen Freund, denn ohne ihn ist es hier eben doch nicht wie sonst. "Maulwurf", ruft eine Frau, und ich setze mich neben die Dame, die letztens nicht essen wollte, weil ein Bett vor ihrer Tür stand. "Wie geht es Ihnen?", frage ich. Und wir unterhalten uns ein wenig über das Wetter. "Und wenn ich nicht mehr allein bin, wo bin ich dann?", fragt sie mich. Mal überlegen. Schwierige Frage, "bei den anderen vermutlich. Die sind ganz nett, glaub ich." Und sie nickt nachdenklich. Und dann erhalte ich alle Unterlagen und? Laufe flugs nach unten in den kleinen Garten, denn dort sitzt mein Freund im Sonnenschein. "Hätte ich Zeit gefunden, ich hätte dich die ganze Woche angerufen", sagt er. "Wollte ich, hab ich immer dran gedacht." "Klar, macht nichts, du bist ja noch hier. Und ich habe die Schokolade dabei, die du so gern isst." Und? Ihm ist eingefallen, wohin er verlegt wird, vielleicht stimmt das sogar, könnte sein. "Und dann bittest du jemanden anzurufen, und wenn ich weiß, wo du bist, und wenn wir dürfen, dann gehen wir mit den Hunden." "Das wär schön", sagt er. "Aber du weißt, dass ich momentan krankheitsbedingt nicht mit einem Auto mobil bin", gibt er zu bedenken. Ja, vielleicht momentan noch besser so. Aber ich kann ja fahren. Und Monsieur auch, "ihr kennt euch ja schon. Und dann sehen wir mal, wie's weitergeht." "Siehst du", sagt Gott später zu mir und beruft sich auf ein Zitat: "Du Kleingläubige! Warum hast du gezweifelt? Ich habe nicht gelacht. Wie ich es dir gesagt habe." "Ja, okay", nicke ich kleinlaut, denn ich war vielleicht wieder mal etwas vorschnell? Mit unterstellenden Vorwürfen? Und dabei etwas unfreundlich? "Tut mir leid, das ist das Temperament", sage ich. "Monsieur beschwert sich auch zuweilen. Und exakt aus diesem Grund habe ich heute Morgen auch nicht das Mittel für die Blauäugigen und die Sanftmütigen genommen." Besser nicht.



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