Mittwoch, 11. Juni 2014

Absurdität


"Aber wir können nicht einfach danebenstehen und zusehen, wie er sich unnötig quält.", sagt die nette Dame. Und genauso habe ich bis vor einigen Monaten auch gedacht. Doch dann - wenn der Einzelne nicht mehr weiterweiß - und das Gesetz und das System das Steuer übernehmen, gelten diese Kategorien nicht mehr? "Vor allem, wenn er uns auch noch deshalb stirbt. Das ist doch absurd, völlig unmenschlich", sagt sie. Tja. Ich weiß. "Und wenn er erst einmal im Krankenhaus wäre, dann haben die ja ganz andere Möglichkeiten, der Sedierung, kurzfristiger Fixierung usw. wegen Selbstgefährdung." Oh nein, auch das ist offensichtlich alles gesetzlich reglementiert. Da geht ohne richterlichen Beschluss gar nichts ... Das ist wahrscheinlich auch gut so, denn Ärzten blind zu vertrauen ... Könnte ein heikles Vabanquespielchen sein. Bloß, manchmal ... "Völlig absurd", sagt sie. "Er hat enorme Schmerzen, wir können doch nicht ..." Ich fürchte, wir müssen - auf die langen Wege der Bürokratie und der blind gerechten Justitia vertrauen.
Und mein Freund? Jetzt haben wir uns ein wenig aus den Augen verloren, aber wir werden uns wiederfinden, ganz sicher. Eines Tages. "Kommst du wieder?" "Versprochen." Absurd ist es natürlich, dass Schokolädchennaschen, Händchenhalten und Rumquatschen, was uns beiden so gutgetan hat, verboten sein sollen, weil wir uns erst dort kennen gelernt haben, wo wir uns kennen gelernt haben. Noch absurder geht es aber auch hier, denn wäre ich in dieser Zeit für ihn verantwortlich wie für meinen Patienten? Müsste ich momentan rational für ihn entscheiden? Ich würde es auch denken: Jetzt, da es ihm doch wirklich nicht gut geht, was will diese Irre eigentlich von ihm? Selbstverständlich, man muss schließlich vorsichtig sein. Und aufpassen.
Tja. Menschsein. Im System, unterschiedliche Standpunkte - akzeptieren. Lernen. Wer sie alle verstehen will, rebelliert am Ende? Oder lernt das Wörtchen Toleranz erst richtig kennen, und selbst die soll im Übermaß in abgestumpfter Lethargie enden können? Kompliziert. Wie immer. Und dabei hätte ich so gern einmal allen alles durcherklärt. Wie es ist. Damit wir's wissen. Und endlich alle an einem Strang das Richtige ... Aber!


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