Donnerstag, 15. Mai 2014

Wie ein Luchs


Luchs. In Gefangenschaft.
"Passt auf wie ein Luchs", sagt der Doc immer. Und das ist auch notwendig, denn die Mitmenschen sind zuweilen doch recht nachlässig, wollen einen - wie drückt man es höflich aus ... - übel übers Ohr hauen, sind einfach? Allzu menschlich. Und deshalb sage ich zum Doc: "Nein, Thymusdrüse ist bereits gespritzt, jetzt kommt die Herz-Dünndarmdiagonale dran, damit der Kreislauf auch in kritischen Situationen locker bleibt." Und auch bei Monsieur weiß ich es oft einfach besser. "Mach es doch gleich selbst", mault er dann gern ein wenig rum, "wenn du's eh besser weißt." Und sogar Gott murrte letztens, als ich sofort beim Gärtnern im Paradies sah: "Mit der Säge? Kriegst du den Baum nie gefällt. Nee, okay. Ich sag nichts, gar nichts. Ruf mich einfach! Wenn ich dir eine  ... Bin schon weg, mach mal. Wie du meinst!" Und so ist es halt, das Leben ist schwer für aufmerksame Besserwisser, der Mitmensch honoriert die angebotene Unterstützung selten bis gar nicht. Gleich heute Morgen konnte man es wieder erleben, ein Mann tastet sich vorsichtig an die Kreuzung, also lieber mal: Fuß vom Gas! Er achtet auf die Vorfahrtgrundregel rechts vor links, starrt wie gebannt nach rechts und fährt mir dabei quasi als Geisterfahrer fast in die Motorhaube. Also mal ordentlich gehupt! Würgt er vor Schreck den Wagen ab und starrt mich an, als wäre ich ... Doch, ich darf hier auch fahren, und am besten wäre: Jeder in seiner eigenen Spur. Schüttelt er entgeistert den Kopf, lässt aber immerhin mal wieder den Wagen an, schließlich wollten wir ja eigentlich fahren, wir waren ja unterwegs. Also einmal tief durchgeatmet, und es geht zügig in die Klinik. Und dabei werden argwöhnisch die Mitmenschen beobachten - wie von einem Luchs? Bevor noch etwas passiert.
Und in unserer Abteilung, in dieser kleinen Gesellschaft, die sich dort unfreiwillig zusammengefunden hat, ist es wie in jeder Gesellschaft, es gibt auch bei den 'Irren', den Dementen, den Verstörten ganz klare Rangordnungen, interne Regeln. Und jeder muss aufpassen - wie ein Luchs, sonst kommt er am Ende selbst dort noch zu kurz. "Hier muss man echt aufpassen!", weiß die forsche Dame von letztens. Ich schätze sie kommt aus der Entgiftung, und das möchte ich hier einfach auch mal erwähnen: Hut ab! Chapeau ! Bravo! für diejenigen, die in dieser Entgiftungsambulanz arbeiten. Wer trotz der Überdosis noch irgendwie auf zwei Beinen stehen kann, torkelt mit Unterstützung stöhnend und japsend selbst in die Ambulanz. "Am besten nehmen Sie vielleicht den nächsten Aufzug", schlug mir neulich das Fachpersonal vor. "Wir haben hier wieder einen Kandidaten, Stammkunde." Und ja, selbst ich hielt das für einen günstigen Vorschlag. Vor allem, weil dann wohl während der Fahrt im Fahrstuhl noch etwas schiefging, und ich irgendwann einfach mal die Treppe genommen habe, denn - man soll immer genau hinschauen! Auf das Elend, aber manche Dinge sind im akuten Stadium zunächst doch besser in Expertenhand aufgehoben? Chapeau also noch mal, denn die machen einen Job, bei dem es, denke ich, ganz schwer ist, morgens aufzustehen. Und freudig den Tag zu begrüßen! Und ja, ich weiß. Autor! Autor sein? Ist auch ganz schlimm. Kaum Zeit für irgendwas. Keine Ideen. Schwierige Situation auf dem Markt. Gerade heutzutage. Alles so hochkompliziert. Egal.
"Hier muss man echt aufpassen", weiß also die forsche Dame. "Vor allem bei dem da." Und ich seh sofort, wie sie das meint. Also gehe ich "dem da" lieber aus dem Weg, er steuert dann aber wenig später direkt auf mich zu. "Hast du Kaffee mitgebracht", fragt er mich und scheint dabei gar nicht freundlich gesinnt. Und ich steh so blöd in einer Ecke, ich, in die Enge getrieben - als vermeintlicher Kaffee-Dealer. Ohne Stoff. "Nein", sage ich. "Dann hau besser ab", rät er mir. Und es ist ganz klar, dass ich ihm jedes böse, jedes einzelne Alkaloid im nächsten Kaffeetässchen gönne. "Trink doch!" Und! Dass ich jetzt noch besser aufpassen werde, um ihm nicht noch mal so dämlich in einer Ecke zu begegnen. Da ist mir mein Freund viel lieber. "Bei unserem Freund ist so ziemlich alles ausgefallen", meint die forsche Dame. Möglich. "Aber er ist nett. Und er ruft nicht mehr so oft die Polizei." "Hat er das?", fragt sie und nickt beeindruckt, denn Fortschritt ist manchmal eben doch gut. Und Flirten auch, denn - Mann, ja, wenn er nett ist - ist auch in der Geschlossenen vor den Frauen nicht sicher. Und so schlendern wir zu zweit zu ihm rüber, und da sie selbst merkt, dass ihre laute Art ihn verunsichert, lässt sie uns allein. "Ich lass euch mal lieber allein", sagt sie und zwinkert. Und ich bin mir nie ganz sicher, ob er sich überhaupt an mich erinnert. "Hey, wie geht es?", frage ich. Und er sagt: "Du siehst gut aus, willst du meinen Saft?" Vielleicht Zufall, oder er erinnert sich. "Es geht dir besser", sage ich. "Es geht mir heute gut bis bestens", antwortet er. Und mir wird klar, wenn unser Patient demnächst verlegt wird, wird dieser mir fehlen. Vielleicht werde ich mal fragen, ob ich ihn hin und wieder besuchen darf. Denn, ob er sich an mich erinnert, oder nicht, in Floskeln spricht, oder Fortschritte macht, ich weiß es nicht, aber auf eine gewisse Art tut er mir gut, wenn ich hierherkomme. Er beruhigt mich, und vielleicht mag er es sogar auch, wenn wir miteinander sprechen, wenn er mich als Aufpasser beobachtet. Und verfolgt. Über den Kontakt halt. "Wie heißt du eigentlich?", frage ich ihn also, damit ich beim Personal fragen kann, ob ich ihn eventuell mal besuchen dürfte. "Oh", sagt er. "Das ist. Ich müsste ... Das weiß ich grad ..." Und weil er sofort wieder nervös wird, wiegle ich ab. "Egal, das finden wir raus. Meinst du? Ich sollte dich hin und wieder mal besuchen?" "Das wär schön", sagt er wie immer. Und der aufmerksame Luchs in mir weiß, ich als Gutmensch, wenn ich ihn besuchen sollte, mache das in erster Linie nur für mich. Ja, auch der Luchs, gerade der Luchs, muss vorsichtig sein, dass es ihm gut geht. In freier Wildbahn am besten, nicht in Gefangenschaft geraten. Auf sich selbst aufpassen. Und dazu braucht man einfach? Jede Hilfe, ganz klar. "Ich dürfte dich also hin und wieder besuchen?", frage ich noch mal. Und er nickt. "Das wär schön." Und er schaut aufmerksam auf, denn der Wagen mit den Getränken wird gerade wieder vorbeigeschoben. "Ich hol dir einen Saft. Da. Einen eigenen Becher", sagt er. "Prima! DANKE!"


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