Samstag, 24. Mai 2014

Wahrnehmung


Ich schau ja auch gerade noch 'Die Brücke II', allein, weil nämlich Monsieur meint, dass die in Gletscherschmelztempo erzählen. Mal sehen, vielleicht wird es ja trotzdem noch spannend - demnächst. Aber Saga Norén ist natürlich eine famose Figur, die von der Schauspielerin grandios verkörpert wird. Und weil zuweilen ja sogar ich denke, grübel ich ein wenig über ihren Charakter, der so fein herausgearbeitet ist. Und frage mich, ob der tatsächlich so sonderbar sein soll. Soll er nämlich nicht, bestimmt nicht. Denke ich. 
Bei 'An Idiot Abroad' ist das indes exakt das Programm. Die eigene Wahrnehmung soll in der Reaktion aufs Andere als übertrieben sonderbar bloßgestellt werden. Tja. Und warum denke ich überhaupt darüber nach, vielleicht, weil ich beim 'Idiot' teilweise wirklich wenig verstehe, denn der hat einen Akzent ... Mannohmann. Und 'Die Brücke' eben in einschläferndem Gletscherschmelztempo erzählt wird. Oder es liegt an der Zeit, die ich momentan in der Geschlossenen verbringe, denn sonderbar - anders muss man immer auch erst mal erkennen. Und am Ende tut dir anders besonders gut, und das eventuell, bevor du es als anders erkannt hast. In Brüssel z. B. wurde mein Lieblingslokal von Schwulen geführt, die galten damals auch noch als anders. Es gab nur schwule Angestellte in dem Laden. Und jeder, den ich dorthin mitgenommen habe, sagte: "Hier sind nur Schwule." "Echt?", hab ich gefragt, denn die Kunden waren ja nicht nur Männer und ich bin ziemlich schwulenblind. Egal, ich habe mich dort am wohlsten gefühlt, und hatte einen besonders netten Kellner als Freund, der mir dann immer ein Omelett mit Extra-Anchovis gebracht hat. "Kleine Aufmerksamkeit des Hauses." "Merci !Wie wunderbar!" Denn anders ist manchmal eben doch besser. Falls es überhaupt anders war - irgendetwas in dem Lokal. Müssen wir unbedingt mal wieder hinfahren.
Und am Gare bei den Straßenmusikanten, die als kleine Gesellschaft ein enorm funktionierendes System aufgebaut hatten, fühlte ich mich ebenso wohl. Und die Straßenmusiker, die Asozialen, von denen einige tatsächlich auf der Straße leben, manche Drogen nehmen oder saufen, wie einige vom Rest der Bürger auch, manche Studenten sind, Aussteiger, die haben ein so perfekt organisiertes soziales System gelebt, durch dass praktisch niemand durchrutschen konnte. Es wurde für jeden gesorgt. Und in aller Freiheit wurde alles geordnet. Und wer nicht weiter wusste, ging zu Maurice, dem Boss. Dem liebsten Mann der Welt - nebenbei bemerkt. Und wer kein Geld hatte, wurde versorgt. Und Typen, die sich nicht anpassen wollten, aussortiert. Und ich als definitives Nicht-Stadtkind stand plötzlich in einer Großstadt und hätte das ohne meine zwei immer geöffneten Anlaufstellen bestimmt niemals so genießen können, ohne die Musikanten, denen man manchmal ein paar Cents zuwirft, und die Kellner in meiner Lieblingskneipe. Gleich zweimal ein Zuhause gefunden. Glück gehabt.
Und Kinder sind im Übrigen auch anders. Vielen sind sie deshalb auch zunächst nicht geheuer, ungestüm und voller Lebensfreude. "Du bist ein wirklich unsympathisches Kind", sagte letztens ein älterer Herr zu der Kleinen vor ihm, die immerzu lachte. Tja, hoffentlich hört sie nicht auf ihn, sondern lacht, so lang es geht, einfach weiter. Weil anders manchmal besser ist. Und ehrlicher. 
Und das sind die 'Irren' auch? Als Monsieur heute mal wieder mitgekommen ist, wurde er ganz nervös, als auf unser Klingeln niemand öffnete. Aber immer mehr ältere Herrschaften sich hinter der Glastür versammelten. "Das war schon fast wie in dem einen Zombiefilm", sagte er und erntete dafür einen ordentlichen Ellbogenstoß. Andererseits - ist das aber Wahrnehmung. Und ehrlich. Und klar, man kann mal panisch werden, werde ich auch - im Stau. Sofort. Immer. In ganz langen Schlangen an der Supermarktkasse, und auch das ist nichts als Wahrnehmung. Und wie man auf diese reagieren kann. Und nun wieder die Frage: Ist die wirklich anerzogen? Panik bei Stillstand? Bei Berührung mit dem Fremden? Und sollte anders nicht zunächst immer erst einmal aufregend interessant sein? Stillstand erscheint mir zumindest langweilig. Anders muss längst nicht immer besser sein, könnte es aber, das weiß man ja vorher nicht. "Gibst du mir noch ein Stück von der Schokolade?", frage ich meinen Freund. "Ich hab dir schon drei gegeben, ich dachte du hättest sie mir mitgebracht", antwortet er. "Stimmt, aber sie ist ganz lecker. Die Herren-Schokolade." "Ja", sagt er, "aber willst du denn immer weiter wachsen? Ich esse sie lieber selbst." Tja, die Beine könnten schon noch ein wenig ..., aber er will jetzt nicht mehr mit mir teilen. Er ist ehrlich. Und dann steht unerwartet ein Teil seiner Familie vor uns, bekommt er also doch Besuch - wie schön! "Und die haben geguckt wie ein Autobus", sagt Monsieur, "als du da mit ihm standst." Ja, hatte er wohl vergessen zu erwähnen, dass seine neue Freundin ihn so gern besuchen kommt. Und wieso das? Weil er so anders ist? Oder gerade nicht? "Was meinst du?", frage ich Gott, denn der ist schließlich weise, sollte er sein, dachte ich. Heute aber eher nicht. "Was meint dein intellektueller Lieblingsautor dazu?", fragt er stattdessen. "Baudrillard? Zur Differenz und dem Fremden? Denn wenn die Realität doch nur immer mein verzerrtes Spiegelbild ist ... Wird es wieder schwierig, und die Philosophen denken eh immer so komplex. Baudrillard sagt: "Die absolute Regel des Denkens ist es, die Welt so zurückzugeben, wie wir sie bekommen haben - unbegreiflich und wenn möglich noch etwas unbegreiflicher." Oder wie Echenoz es ausdrückt: "Vom Innern aus schien das Wetter, je nachdem ob man zum Garten oder zur Straße hinaussah, nicht das Gleiche zu sein." Und darüber werde ich jetzt nachdenken, denn die Wahrnehmung gaukelt uns alles Mögliche vor. Sitzt aber zugleich am Steuer unserer Handlungen. Auf alle Fälle scheint da Vorsicht angebracht?



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