Freitag, 23. Mai 2014

Wahrheiten


Die Jungs & Mädels kommen immer,
wenn Not ist
“Hat heute wieder nicht geklappt? Der Krankentransport. Ja, vielleicht gleich am Montag, wir werden sehen. Natürlich, nur nicht aufregen. Nein. Wir versuchen es.” Die Weisheit mit der Loslasserei und dem Ausatmen wird momentan auf eine kleine Probe gestellt. Na gut, fahren wir lieber mit der old lady zu dem ehemaligen Luxushotel: “Eines Tages, wenn du willst, könntest du sogar hierher zu ihm ziehen. Wenn es dir gefällt. Und falls die Experten ihn endlich aus der Psychiatrie wieder … Ja, schön hier, nicht? Sehr sogar. Und schau mal, da sind die Hunde. Die gehören zum Haus.” Und dann regeln wir rasch noch ein paar Formalitäten und die nette Dame von der Organisation beherrscht eben diese perfekt. Denn ich bin? Momentan zuweilen selbst etwas verwirrt? “Was wollte ich noch alles besorgen?” Und das freundliche Organisationstalent diktiert: “Den Lieblingssessel mitbringen, Schokolade!” “Genau, wenn er bleibt, dann nur mit Schokolade zum Empfang.” “Kosmetikartikel” “Ja, und die Sudokus!” Die löst unser Patient nämlich mit links, denn er ist ja gar nicht dement das Zahlengenie, man müsste da mal kurz die Nieren untersuchen lassen. Die erklären nämlich ebenfalls kognitive Ausfälle. Ja, und von der Organströmerei im Jin Shin Jyutsu wissen wir längst, die Nieren beherbergen die Lebensessenz. Wie auch die Ängste! Und das erklärt wahrscheinlich wiederum, wieso der Patient nicht zur Dialyse will. Kognitive Ausfälle und Angst. Und so beißt sich die Katze beständig selbst in den Schwanz. Und stirbt dann bald daran. Tja.
“Sollen wir noch schnell zu ihm fahren? Sehen, was wieder mal verkehrt läuft? Gut.” Und der freundliche Herr, dessen Stimme ich am Telefon schon immer so mag, öffnet uns die verschlossenen Türen. “Ich habe eine nette Stimme?”, fragt er und gibt sich ungläubig. “Oh ja”, warum immer mit der Wahrheit hinterm Berg halten. “Ich freue mich immer, wenn Sie am Apparat sind. Wenn wir alle längst die Nerven verloren haben, klingen Sie immer entspannt.” “Ich versuch’s zumindest”, sagt er und zeigt mir in einem Raum ungefähr 800 verschiedene Hygieneartikel. Und ich notiere erneut, was es alles zu besorgen gibt. “So viel?” “Ich gebe Ihnen davon jeweils eine Probe mit”, sagt er. “Bitte nicht! Mit Windeln komme ich schon klar. Vielleicht lieber eine Verpackung? Dann kenn ich die Maße.” Und dann taucht unsere forsche Dame auf und sagt: “Was machen sie denn hier? Die hat doch einen ganz anderen Freund” Stimmt! “Wo ist der eigentlich? In der Therapiegruppe, prima. Er macht ja Fortschritte. Ich hatte ihm etwas Schokolade mitgebracht, dann freut er sich. Wollen Sie ihm die geben? Nein? Soll ich lieber selber? Morgen? Freut er sich mehr. Wer weiß, mal sehen.” “Die hat es faustdick hinter den Ohren”, sagt die forsche Dame, und - wer weiß, denn die “Irren”, die ich immer mehr mag, wissen ja vielleicht wie Kindermund …Und scheuen sich auch nicht ihr Wissen kundzutun. Dann schauen wir hinten im Zimmer noch rasch nach der Wäsche. Dort sitzt neben einem anderen Bett der Borussia Dortmund-Fan zwischen vielen Müllsäcken gefüllt mit seinen Sachen. “Ziehen Sie aus? Geht es Ihnen besser? Ab nach Hause?” “Ich sollte abgeholt werden”, sagt er. “Kommt aber keiner.” “Och, die kommen bestimmt noch.” “Um 9 Uhr sollte ich abgeholt werden”, sagt er und schaut auf seine Uhr. Und ich schaue auch auf die Uhr, na gut, vielleicht kommt auch keiner mehr. “Manchmal kommt was dazwischen”, lenke ich ihn mal lieber ab. “Da hat Dortmund aber wirklich dumm verloren.” “Wie kommen Sie auf Dortmund?”, fragt er erstaunt. “ Das haben Sie mir doch erzählt, dass Sie Fan sind.” Und er nickt. “Das war schlimm. So ist das Leben. Manchmal. Ungerecht.” Wohl wahr. Und dann sagt er noch etwas, weil die “Irren” ja, wie Kindermund die Wahrheit …?, “Scheiß-Bayern!”, sagt er. Tja, wir hier in der Psychiatrie, wir dürfen das. So. Und nachdem der Fall auch geklärt ist, habe ich dem sympathischen Mann viel Glück gewünscht und die old lady bei unserem Patienten eingesammelt, so dass wir beide wieder mit dem Aufzug hinunterfahren und? Dort direkt in einem Krankentransporter landen. Ja, das ist praktisch, wenn man so großzügig baut, dass die Krankenwagen direkt durch die Flure fahren können. Jetzt müssten wir hier nur noch irgendwie wieder … Und schon bringt der Aufzug eine neue Fuhre von oben, Patienten aus der Geschlossenen, die keine Weglauftendenz zeigen, ich hab mich nämlich informiert. Macht ja auch Sinn, dass man sich dann etwas freier bewegen kann, wenn man gar nicht von selbst auf die Idee kommt wegzulaufen. Und der Trupp freut sich. “Wir sind alle krank”, sagt der eine. “Sie können uns gleich alle mitnehmen.” Lieber nicht. Und zum Glück finden wir dann doch noch den Ausgang, denn langsam wird es etwas eng, und meine Begleitung unruhig - bei so viel Irren auf so schmalem Raum. Und dann sehe ich ihn doch noch - meinen Freund, er fährt gerade wieder hoch. Und ich vergesse natürlich die Schokolade in meiner Tasche. Na, “da haben wir uns verpasst. Aber morgen komme ich wieder”, sage ich. “Ja, das ist ja.., schlecht organisiert. Jetzt. Ich hatte noch versucht, meine Termine ..., aber dann ging alles wieder so ad hoc und”, sagt er, denn manchmal flunkert er, als wäre er Geschäftsmann oder so etwas. Immer auf Achse. “Macht doch nichts, das war bestimmt wichtiger”, sage ich und “morgen bin ich wieder da.” “Das wär schön”, sagt er. Und das denke ich aber auch, denn die Irren? Wie Kindermund, und man weiß es doch, der  - tut Wahrheit kund.  



~


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen