Freitag, 30. Mai 2014

Verstehen


Rufe ich aus Nachforschungszwecken in der Klinik an und werde wie immer freundlichst begrüßt. Und man hat sogar bei einer weiteren Suchaktion verlorene Gegenstände aufgefunden. "Auch den Braun-Rasierer?" "Ich sehe mal nach", sagt das freundliche Fachpersonal, schließt vernehmlich ein paar Schlösser auf und klingt enttäuscht. "Zettelchen mit Namen hängt dran, das andere Vermisste ist auch da, mit Zettelchen versehen. Aber es tut mir leid, der Rasierer ist nicht braun! Der ist schwarz." "Okay, macht nichts, steht aber drauf? Braun? Dann ist gut. Ich komme dann und hole ihn ab. Ich komme ja eh vorbei, bevor Sie mir noch heimlich meinen Freund verlegen. Wissen etwas darüber? Nein. Gut, macht nichts. Ich werde mich da erkundigen." Und nachdem zumindest der Verlustfall trotz der Farbirritation so günstig ausgegangen ist, flink die Post öffnen, toll, neue Rechnungen. Und ein offizielles Schreiben mit voranstehender Kurzmitteilung: "Sie erhalten beigefügte Unterlagen als Irrläufer." So, so, und ich, die ich dachte, ich hätte mich inzwischen ein wenig mit dem Beamtendeutsch vertraut gemacht, verbleibe wieder einmal überrascht. Mal sehen, was ich mit dem offiziell angekündigten Irrläufer so alles anstellen muss? Bevor ich aber da weiterforschen kann, klingelt es auch schon an der Tür, und dort steht ein Mann und sagt: "Erschrecken Sie nicht, ich komme aus dem Gefängnis." "Wirklich?" Nein, da erschrecke ich nicht, das kenne ich schon. Und die Boxing Guru-Jungs, die sitzen ja jetzt bestimmt auch längst bei trocken Brot und Wasser im dunklen Kerker, die armen Kerle. "Und was kann ich für Sie tun? Fünf Abos im Paket bestellen? Tut mir leid, aber ..." Und schon wird er frech, der nette Mann aus dem Knast. Macht ja nichts, manchmal ist die Lage angespannt, doch ich brauche seine Abos nicht, was soll ich tun. Ich verstehe sein Problem, aber er nun mal nicht meins. "Tut mir leid. Auf Wiedersehen." Und kaum ist die Tür geschlossen, klingelt es erneut. "Also ...! Ach so, Sie sind's", sage ich, denn das ist die nette Postbotin und nicht der so übel gelaunte Mann aus dem Knast. Und sie sagt: "Heute hab ich nichts für Sie. Aber der da hinten, Sie wissen doch, der Typ, der an der Ecke wohnt ...?" Ja, den kenne ich, der ist eigentlich ganz nett. "Der hat mich gerade so angebrüllt. Und beschweren will er sich. Über mich ..", sagt sie und scheint wirklich erschüttert. "Ja, dann ... kommen Sie mal schnell rein, dann trinken wir erst mal was... Wasser? Oder lieber einen Tee?" Alles so hochkompliziert heute.


~

   

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen