Dienstag, 13. Mai 2014

Patient X


"Hallo, wie geht's", frage ich meinen Freund.
"Danke, du siehst gut aus", sagt er.
"Echt?", so sollte man eigentlich immer begrüßt werden - freundlich. "Aber mir geht's nicht so gut."
"Oh", sagt er und steht von seinem Stuhl auf.
"Kann ich mich mal setzen?", frage ich dann auch gleich. Und er nickt, so weit ist es also schon gekommen, man vertreibt die Patienten aus ihrem gemütlichen Sitzmöbel, um selbst mal zu verschnaufen.
"Du kannst dich hier auch aufstützen", schlägt er vor und deutet auf die Armlehne.
"Prima Idee!"
"Einen Schluck Saft?"
"Ja, gern", da kümmert sich jemand um mich, sehr aufmerksam sogar. Und am liebsten würde ich gleich ganz da bleiben, ist noch ein Bett frei? Darf ich mich selbst mal kurz einweisen? Keine sinnlosen Entscheidungen mehr fällen? Müssen? Keine Sorgen? Einfach mal für drei Tage rumsitzen. Und Saft trinken. Denn der Saft? "Dein Saft ist aber lecker!"
"Ja, aber trink ihn nicht aus", sagt er, und ich nicke. "Zu Befehl, aber einen Schluck noch? Okay. Was ist das für ein Saft?"
"Ouh", sagt er. "Das müssten wir wirklich mal herausfinden," und er schaut sich suchend um, tritt nervös von einem Bein aufs andere. "Das kriegen wir schon noch raus, demnächst." Und dann sagt eine Frau ganz unerwartet: "Flirtest du da mit meinem Freund?"
"Nein, jetzt grad nicht, mir ist nicht gut."
"Okay", sagt sie und lacht. "Versorgt er dich?" Und ich nicke. Und überlege, ob sie Besuch ist. Dazu scheint sie viel zu gut gelaunt. Oder Personal? Oder doch Patientin.
"Aber bleib lieber nicht hier", klärt sie die ungestellte Frage dann selbst. "Wenn man hier erst mal gelandet ist, ist Schluss mit lustig. Mit Tanzen. Und Schwimmen. Und dem guten Zeugs. Ich würd lieber gehen, wenn ich könnte."
Und da überleg ich's mir. Wie recht sie hat. Und was für ein Glück ich habe. Dass sich sogar die Patienten in bedenklichen Momenten um mich kümmern. 
"Danke", sage ich, gebe meinem Freund seinen Saft zurück und zwinkere seiner forschen neuen Freundin zu. 
"Morgen oder übermorgen komm ich wieder", sage ich.
"Das wär schön", sagt er.
"Aber nicht wieder schlapp machen", lacht die Dame mit dem etwas überdrehten, freudigen Gemüt.
Lieber nicht, aber immerhin - die passen ja auf mich auf! Und ich hör draußen, auf dem Weg nach Hause den besten Sound zum Tag, genau, aus "This is England ..." - den hab ich aber auch schon lange nicht mehr gehört!



~


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen